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Screenshots aus "The Founder"

Einhorn Filmverleih

Kapitalismus mit Ketchup

Wie aus einem Burgerladen namens McDonalds ein Franchise-Imperium wurde. Michael Keaton brilliert in einer bitteren Kapitalismussatire.

von Pia Reiser

„Man is what he thinks about all day long.“ Das Zitat des Dichters Ralph Waldo Emerson tönt dem Geschäftsmann Ray Kroc von der Selbsthilfe-Schallplatte „The Power of the Positive“ entgegen. Nimmt man Emersons Zitat wörtlich, dann ist Ray Kroc ein Dollarzeichen. Dem Handlungsreisenden um die 50 steht die Gier nach Erfolg ins Gesicht geschrieben, wenn er von Tür zu Tür, von Drive-In zu Drive-In zieht, um Milkshake-Mixer zu verkaufen. Kroc ist ehrgeizig, arbeitet unermüdlich und ist der Meinung, dass ihm auch ein Stück des amerikanischen Traums zustehe. Michael Keaton ist fantastisch als Kroc, zerfressen von Ehrgeiz, begierig nach Anerkennung, hungrig nach Erfolg.

Screenshots aus "The Founder"

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Und einer, der sich so nach Erfolg verzehrt, der erkennt den Klang des Erfolgs auch durch die Hörmuschel eines Telefons. Als er mit Mac McDonald telefoniert, einem Mann, der sechs Milkshake-Mixer bestellt hat, was nur ein Irrtum sein kann, hört Kroc im Hintergrund ein Brummen, ein Surren, eine Geschäftigkeit und übersetzt sie in seinem Kopf in ein „Ka-Ching“. Die Bestellung der sechs Milkshake-Mixer sei tatsächlich ein Irrtum, man würde wohl eher acht brauchen.

Krocs Instinkt lässt ihn nun quer durch die USA fahren, von Minnesota bis nach Kalifornien, dort, in San Bernadino steht der Burgerladen der McDonalds-Brüder. Lange Schlangen vor den Ausgabefenstern, doch, es zahle sich aus, meint eine Frau in der Schlange und - man würde nie lange warten. Dreißig Sekunden nachdem Kroc seine Bestellung ausgesprochen hat, hält er sie schon in Händen. Ka-Ching, indeed.

Viel vom Witz von „The Founder“ zieht sich aus dem wissenden Blick des Jetzt. Weil man gar nicht anders kann, als das Heute mitzudenken, wenn man Krocs Begeisterung über das Wegwerfgeschirr sieht. Oder später, wenn einer der McDonalds-Brüder meint, McDonalds stehe nicht für „crass commercialism“. Zwischen dem, was McDonalds war, bevor Ray Kroc in San Bernadino aufgetaucht ist, und dem royalen Burgerimperium, das er daraus gemacht hat, spinnt „The Founder“ eine Faszination. Weil alles, was die beiden gemütlichen und bodenständigen Hosenträger-Brüder über ihren Laden sagen, aus jetziger Sicht wie Ironie klingt.

Screenshots aus "The Founder"

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Eine Sequenz, in der die Brüder Kroc beim Essen die Geschichte ihres Erfolgs erzählen, ist meisterlich und mitreißend. Hier erinnert „The Founder“ noch an den Ton, den die Coen-Brüder gerne anschlagen. Doch John Lee Hancock gönnt einem nicht die Überhöhung, die Entrückung, die automatisch bei fast jedem Coen-Film passiert. Der Zynismus steckt hier nicht in den Dialogen, sondern in der Tatsache, dass hier eine wahre Geschichte erzählt wird. Eine wahre Geschichte über eine gestohlene Idee und darüber, wie der Erfolg des Einen auf dem Untergang des Anderen gebaut ist.

Burger für alle Bürger

In jeder Stadt sollte ein McDonalds sein, pitcht Ray Kroc seine Vision den Brüdern, überzeugt von seiner Sache und auch rhetorisch schnurrend wie Don Draper in seinen besten Momenten.

McDonalds could be the next american church. Feeding people, feeding souls - and not just open on Sunday.

Die Brüder stimmen zu. Und durch diesen Deal beginnt Krocs Aufbau des Franchise-Imperiums, das inzwischen - laut „The Founder“-Abspann - täglich 1% der Weltbevölkerung ernährt. Die Brüder werden übers Ohr gehaut und schauen durch die Finger. Der Schmäh, den „The Founder“ zu Beginn an den Tag legt, wird eingetauscht durch Zynismus.

„Business is war. If I saw a competitor drowning, I’d shove a hose down his throat.“ In einem Coen-Brothers Film - zu Beginn hat „The Founder“ eine gewisse Ähnlichkeit mit „Hudsucker Proxy“ - könnte das eine amüsante Zeile sein, ausgespuckt von einem dieser grantigen mittelalten Herren, die immer im Nacken schwitzen und die so oft im Coen-Universum zu finden sind. In „The Founder“ ist sie ernst gemeint.

Mit Krocs Bestrebungen nach nie enden wollender Optimierung, Einsparung, Effizienz auf Kosten dessen, was der pittoreske Burgerladen mal war und für seine Gründer bedeutet, wird der Film zur bitterbösen Kapitalismus-Satire. Dass vor allem für US-Kritiker „The Founder“ ein Film ist, der auch für Trump-Ära steht, liegt auf der Hand. Die Stärke von „The Founder“ liegt auch darin, dass er, obwohl er in den 1950er Jahren spielt, nie zu einem eskapistischen Stück Retrokino erstarrt, sogar auf den üblichen Gute-Laune-Rock’n’Roll aus pastellfarbenen Jukeboxen wird hier verzichtet.

Ebenfalls verzichtet hat Drehbuchautor Robert Siegel auf einen tröstlichen Charakter, an dem man sich als Zuseher festhalten kann. Denn die Brüder kommen zu selten vor, als dass sie als Identifikationsfiguren taugen. „The Founder“ zwingt einen, sehr viel Zeit mit einer Figur zu verbringen, der man keine Empathie entgegenbringen kann. Das hier ist kein cooler Antiheld, kein Underdog, der Institutionen austrickst und dem man zujubelt. Krocs Erfolg schnürt einem die Kehle zu. Der Burger schmeckt natürlich noch immer gleich gut, die „McDonalds“-Besucher wissen ja auch nichts von dem skrupellosen „corporate takeover“. Am Ende von „The Founder“ grient einem die grässliche Fratze des Kapitalismus von der Leinwand an, aber irgendwie hat man auch Lust auf Pommes. Der Kapitalismus ist ein Hund.

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