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Ein Stapel an Computerspielen

flickr.com, User spilt-milk / CC BY 2.0

Extraleben

Wer soll das alles spielen?

Die Fülle an guten Kulturprodukten erzeugt einen seltsamen Stress. Wir wollen so vieles sehen, hören und spielen - doch die Zeit dafür fehlt. Vor allem bei Games steht dieser Wunsch dem zweckfreien Genuss im Weg.

von Robert Glashüttner

Copyright Titelbild: CC BY 2.0, flickr.com, User spilt-milk

Wir leben in einer Zeit, in der der Begriff Freizeitstress keine leere Worthülse ist. War es in den 1990ern und 2000er Jahren noch verstärkt der Fortgehzwang am Wochenende, sehen wir uns heute mehr denn je mit einem Überangebot an guten Filmen, Büchern, TV-Serien, Youtube-Abos, Musikstücken und Computerspielen konfrontiert, die alle darauf warten, gesehen, gehört, gelesen und gespielt zu werden. Es gibt so viele Angebote und so wenig Zeit.

FM4 Extraleben: „Pile of Shame“

Conny Lee, Rainer Sigl und Robert Glashüttner sprechen in der aktuellen Ausgabe des FM4 Computerspielkränzchens über den Stapel an nichtgespielten Games.

Mittwoch, 26.4., von 21 bis 22 Uhr.

„Das werde ich dann später spielen, wenn ich mehr Zeit habe“, oder: „Nächstes Wochenende werde ich mich endlich an diesen wichtigen Klassiker setzen“. Diese oder ähnliche Sprüche kennen die meisten, die gerne Computerspiele spielen, von sich selbst. Aber weil niemand von uns Tag und Nacht computerspielen kann und will, bleiben schlussendlich immer mehr Games ungespielt. Damit wird der sogenannte „Pile of Shame“, also der virtuelle oder physische Stapel an wenig oder gar nicht gespielten Spielen, die bei einem daheim so herumliegen, größer und größer.

Digitale Diskonter

Einer der Hauptgründe für die vielen ungespielten Games ist die digitale Distribution. Der Vertrieb von Computerspielen ist so unkompliziert wie nie zuvor, was dazu geführt hat, dass mehr publiziert wird. Die Preise für Games sind zwar kurz nach der Veröffentlichung meist immer noch recht hoch, dafür gibt es auch viele preisreduzierte Titel - oft in Form von Spielesammlungen, den sogenannten Bundles.

Vor ein paar Jahren war das eine überraschende und günstige Möglichkeit, an Games zu kommen. Heute ist es aber in vielen Fällen mehr Fluch als Segen. Bundles werden oft um einen Bruchteil der Summe verkauft, die alle Games gemeinsam kosten würden. Das sorgt für mehr Verkäufe und damit logischerweise auch für mehr SpielebesitzerInnen. Manche Menschen besitzen mittlerweile einige hundert Spiele auf der populärsten Games-Plattform Steam. Die Frage ist, wie viele davon jemals gestartet worden sind. Sammelleidenschaft und Dumpingpreise sorgen dafür, dass das Probieren und Entdecken neuer Games in manchen Fällen weniger zur Lust als zur Pflichtübung wird.

Ein Stapel an Nintendo-Steckmodulen

flickr.com, User moonierocks / CC BY 2.0

CC BY 2.0, flickr.com, User moonierocks

Komplettierungswahn

Früher war es ja so: Man hat sich ein Spiel gekauft, hat es gespielt, war irgendwann damit fertig und konnte zum nächsten Titel übergehen. Die Schlusscredits laufen zu sehen ist heute aber für viele erst der Anfang, denn es wollen alle Geheimnisse entdeckt, sämtliche Achievements und Trophäen gesammelt werden. Warum und wozu, das weiß mittlerweile keiner mehr so richtig. Fest steht, dass Perfektionismus und Vollständigkeitseifer die Unterhaltung und das unbeschwerte Entdecken einer virtuellen Spielewelt zurückdrängen und stattdessen das meist langweilige Abgrasen, Grinden und Optimieren bestimmter Spielabschnitte im Vordergrund steht.

Wer sich aber vom Komplettierungswahn nicht lösen kann, wird die „Pile of Shame“-Neurose nie überwinden können. Man sollte andererseits auch nicht zu streng mit sich selbst sein. Denn in einer Welt, wo jegliche Tätigkeit, die man innerhalb einer digitalen Umgebung tut, gnadenlos gezählt, ausgewertet und angezeigt wird, wird das bewusste Wegschauen und Ignorieren stark erschwert. Dazu kommt eine Fachmedienkultur, die Phrasen wie „muss man gespielt haben“ oder "für Fans ein Pflichtkauf” inflationär verwendet.

Sprechen wir über Computerspiele!

Seit Herbst 2013 sprechen Conny Lee, Rainer Sigl und Robert Glashüttner einmal im Monat eine Stunde lang über Gameskultur. Jede Sendung widmet sich einem bestimmten Thema und beleuchtet es von unterschiedlichen Seiten. Es ist eine Radiostunde voller ludischer Erörterungen und verspielter Debatten.

Das FM4 Extraleben ist das Computerspielkränzchen auf FM4, wo wir uns in unsere Lederfauteuils lehnen und darüber plaudern, was digitale Spiele eigentlich so mit uns und was wir mit ihnen machen.

Es gibt eine Nachlese aller bisherigen Sendungen. Das FM4 Extraleben gibt es auch als Podcast.

Player’s Digest

So nervig der „Pile of Shame“, der Imperativ des Konsums und der damit zusammenhängende Verlust eines zwangsbefreiten Genusses von digitalen Spielen auch ist, es ergibt sich dadurch eine interessante Frage: Gibt es tatsächlich so etwas wie einen Games-Kanon? Also Spiele, bei denen sich die Gesellschaft darauf einigt, dass sie unverzichtbare Klassiker sind?

Falls die Antwort „Ja“ lautet, muss man sich als nächstes die Frage stellen, wie man Computerspiele über technische und zeitliche Hürden hinweg zugänglicher macht. Eine Möglichkeit wäre eine Art „Player’s Digest“, also eine Sammlung von Kurzfassungen bzw. Essenzen berühmter Spiele, die von ihrem ursprünglichen (oft: überholten) Computer- bzw. Konsolensystem entkoppelt werden. Das würde ein breiteres und zufriedenstellenderes Entdecken der spielkulturellen Vielfalt ermöglichen.

Aktuell:

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