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Christos Katsiaouni

Beauty-Tipps für Junkies

Weibliche Sucht bekommt eine Stimme mit Cat Marnell und ihrem Buch „How to murder your life“

von Gerlinde Lang

Die meisten Bücher, die Drogensüchtige über sich selbst schreiben, sind super langweilig. Nehmen wir zum Beispiel „Junkie“ von William Borroughs. Es gibt kaum was Faderes als das getreulich geschilderte Leben eines Heroinsüchtigen in den Fünfziger Jahren: Drogen aufstellen, Ärzte für Rezepte überlisten und Brieftaschen stehlen in der U-Bahn, um wieder Drogen aufstellen zu können.

Oder nehmen wir „Fear and Loathing in Las Vegas“, wo Autor Hunter S. Thompson die verkrampfte Suche nach dem Gefühl von Männlichkeit mit allen Drogen der Welt aufzulockern versucht. Gähn!

Buchcover: Cat Marnell - "How to Murder your Life"

Rowohlt Verlag

„How to murder your life“ von Cat Marnell ist soeben beim Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen, übersetzt von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger.

Aber zum Glück für uns Lesende hat es eine junge Dame aus New York in ihren Zwanzigern besser gemacht. Sie heißt Cat Marnell, arbeitet trotz Sucht als (ausgerechnet!) Beauty-Journalistin und verwandelt das ganze Elend der, ihn ihrem Fall, Medikamenten-Sucht in eine rasante Tragikomödie, so leicht wie eine Klatschkolumne, das war ihr Ziel.

Die Botschafterin der „No-Sleep-Beauty“

Ihr schreiberisches Können habt ihr vielleicht schon in ihren Online-Kolumnen für Vice („Amphetamine Logic“) und xojane.com gesehen, in denen es um die beste Gesichtsbürste, die einem den Angel Dust aus den Poren schrubbt ging, oder um den guten Teint nach Crack-Konsum:

„I have skipped more nights’ sleep than any beauty editor that has ever lived. I used to be something of a party girl, you see. Yes, I was the Ambassador of No-Sleep Beauty. The president of the Society for Looking Good While Secretly Hallucinating Rats Under Your Desk at Work. The editor-in-chief of ‚Bright-Eyed + Quietly Puking In Your Own Mouth‘ magazine. You get the idea.“, heißt es etwa dort.

They try to make me go to rehab

Sex and Drugs und Selbstbräuner. Cat Marnell schreibt ihre Memoiren „How to murder your life“ nicht als Geläuterte. Sie schreibt sie täglich um vier Uhr morgens im gleichen Rehab-Zentrum in Thailand, das schon Peter Doherty frequentiert hat.

Sie schreibt sie, weil sie die halbe Million Dollar Vorschuss vom Verlag schon längst ausgegeben hat und weil es einfach sein muss. Und weil auch noch so viel Adderall, Ambien und andere Substanzen ihre Fähigkeit zu schreiben nicht unterdrücken können.

Noch auf dem Flug heim nach New York wird sie übrigens rückfällig.

Speed macht Strichpunkte

Wenn die amerikanische prescription drug crisis und eine junge Autorin im Vollbesitz ihrer schreiberischen Kräfte aufeinander treffen, hört sich das atemlos an, die Sätze stürzen über einander in scheinbar endlosen Kaskaden von Strichpunkten. Langeweile darf um keinen Preis aufkommen:

Eine Leseprobe gibt’s hier.

"Ja! Ich war sechsundzwanzig und arbeitete als Associate Beauty Editor bei Lucky, einem der besten amerikanischen Modemagazine. (...) Unter dieser Oberfläche hatte ich eine Menge Geheimnisse. Ich war zum Beispiel drogenabhängig. Eine Pillenfresserin. Außerdem war ich angehende Alkoholikerin (...); eine hinterhältige und manipulative reiche Ärztehopperin, die sich in rund um die Uhr geöffneten Apotheken rumtrieb, während meine Kolleginnen zu Hause waren und sich mit ihren Freunden im Bett „True Blood" ansahen; (...) eine durchgeknallte Selbstverstümmlerin, die vor der Tonight Show with Jay Leno saß und sich mit einer Tweezerman Satin Edge Needle Nose Pinzette blutige Abszesse in ihre Bikinilinie grub; ein nuttiges, sich selbst verachtendes Partygirl und - vielleicht vor allem anderen - eine einsame Durchgeknallte, die sich fühlte, als stünde sie permanent unter Wasser.“

Darüber reden

Es fängt an in Marnells emotional grausamen Elternhaus mit Tennisplatz sowie Freundinnen- und Musikverbot. Es endet im Ungewissen, mit Marnells Ehrgeiz, der Lebensader und zugleich Schlüssel zur Selbstzerstörung ist. Dazwischen liegen Upper und Downer, Depression und Diät, schlechter Sex mit schlechten Männern, Parties in Erdlöchern und Parties mit Riesendiamanten... und: So viel Humor und Selbstironie, wie sie nur eine haben kann, die abwechselnd Britney Spears, die Libertines und 2 Live Crew zitiert. Weibliche Sucht bekommt eine Stimme mit Cat Marnell.

Wie Marnell sagt: „Women are using drugs all around you, and I’m one of them. Now why am I not allowed to talk about it again?“

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