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„Macron Leaks“-Schwindel schadete vor allem Russland

Für Breitenmedien, die diese „Fake-News“ zuerst übernommen und die Berichterstattung dann ohne Berichtigung abgebrochen haben, liegt der Schaden im Archiv.

von Erich Möchel

Eine Woche nach den „Macron-Leaks“ ist das Thema aus den Breitenmedien verschwunden. Wem die Aktion geschadet hat, zeigt eine einfache Suche in „Google News“. Die weitaus meisten Artikel in den Breitenmedien fabulieren da über „Hacker“, mehr oder weniger direkt wird die Aktion Russland zugeschrieben. Dabei war nach drei Tagen schon ziemlich klar, dass es sich bei diesem „Leak“ um dreiste Falschnachrichten aus der rechtsextremen Medienszene handelt. Von etablierten Medien wurden sie dennoch zur Wochenend-Sensation aufgeblasen.

macron Leaks

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Dieses Excel-Datei beweist nur, dass sie von einem Mann, der sich „Roshka Georgiy Petrovich“ nannte und die Datei drei Tage nachdem die Daten irgendwo abgezogen waren, nämlich am 27.März, mit einer russischen Version von Microsoft Office geöffnet hatte.

Und dabei blieb es, denn kaum ein Medium weltweit hat seine diesbezüglichen „Fake News“ korrigiert, sondern das Thema nach der Wahl Emmanuel Macrons einfach fallengelassen. Bezeichnenderweise hat der englische Dienst des russischen Staats-TVs RT das angebliche Leak entgegen allen Gewohnheiten fast völlig ignoriert.

Wie Wahlausgang und Schuldzuweisungen zeigen, so hat diese Fälschmeldung Russland eher geschadet als genützt. Breitenmedien, die sich regelmäßig über „Fake News“ im Netz echauffieren, aber haben der eigenen Medienbranche einen Bärendienst erwiesen, indem sie diese Falschmeldungen ohne sie irgendwie auf ihre Herkunft und Plausibilität zu prüfen.

Bereits am Montag war klar, dass es sich bei den „Macron Leaks“ um eine rechtsextreme Desinformationskampagne handelt, die von bekannten US-Verschwörungstheoretikern ausgelöst worden war

Das Schweigen des russischen Zentralorgans für Auslandspropaganda hat mehr als nur einen guten Grund. Teile der Dokumente sind dreiste Fälschungen (Siehe Bild oben), im Gros der E-Mails fehlt jeder Bezug zu Emmanuel Macron. Das zeigen auch die bisher recht wenigen Analysen zum Thema, wie etwa jene des erfahrenen Netzjournalisten Jean-Marc Manach für die französische Ausgabe von Slate.

Wie westliche Medien in die Falle gingen

MacronLeaks

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Allein schon die Anordnung und Titel der acht geleakten Datensätze zeigt die Vorgehensweise der unbekannten Fälscher. Der letzte Datensatz wurde „Macron_201705“ betitelt und hat damit als einziger ein Datum. Obendrein ist dieser Datensatz mit 700 MB weitaus kleiner als andere, die bis zu 2,5 Gigabyte umfassen, nach seiner Dekomprimierung kommen zwei Folder heraus. Der mit „Macron“ betitelte Ordner enthält gerade einmal vier Dokumente (600 KB), nämlich einen Versicherungsvertrag auf Macrons Namen samt Begleittexten und einen Screenshot von einem Zahlungsterminal.

Der Ordner „gemplus“ im Umfang von 69 MB ist dagegen voller Word-Dokumente und Excel-Tabellen aus den Jahren 2002 bis 2004, die Daten betreffen alle das Geschäft der französischen Smartcardfirma Gemplus, vor allem im Nahen Osten. Was diese Dokumente mit Emmanuel Macron zu tun haben sollen, der zum Zeitpunkt der Erstellung der Dateien 25 Jahre alt war, können selbst hartgesottene Verschwörungstheoretiker wie Alex Jones und Jack Podobiec nicht erklären.

MacronLeaks

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Die Erfinder von „Pizzagate“

Diese beiden Erstverbreiter der „Nachricht“ sind zwei Kommentatoren von „Infowars.com“. Diese Site ist für besonders dreiste „Fake News“ berüchtigt, ihr größter Scoop bis jetzt war das sogenannte „Pizzagate“. Trotz seiner Absurdität - Hillary Clinton wurde darin beschuldigt, einen „Kinderporno-Ring“ in einer Pizzeria zu leiten - war das Gerücht monatelang in der rechtsextremen US-Medienszene kursiert, die laufend „Nachrichten“ dieser Qualität produziert. Diese Szene ist in den USA nämlich weit mächtiger als im europäischen Internet.

Mit etwa 60 Millionen monatlichen Visits ist Breitbart.com - das Donald Trumps Berater Steve Bannon geleitet hatte - zum haushoch dominierenden Medium der Rechtsextremen aufgestiegen. Breitbart liegt damit in der Kategorie Internetmedien mit Fokus auf US-Innenpolitik nur knapp hinter den 80 Millionen Visits der führenden Huffington Post und noch weit vor Politblogs wie Politico, Slate oder TheHill, die in Europa wesentlich bekannter sind. Alexa, der Ratingservice von Amazon, listet Breitbart als Nr. 236 aller Webportale der USA.

Die Themen auf Infowars.com

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Breitbart hatte das Thema „Macron-Leaks“ anfangs mit sieben Artikeln hintereinander aggressiv aufgenommen, um es dann abrupt fallenzulassen, als man bemerkte, dass die „Nachricht“ von der direkten Konkurrenz kam. Podobiec von der rivalisierenden Infowars.com, die offenbar so benannt wurde, weil sie mit echten Informationen auf Kriegsfuß steht, hatte den Link zu den gefälschten Dokumenten zuerst verbreitet. Mit sechs Millionen Visits ist Infowars im Vergleich zu Breitbart klein, liegt in der Reichweite damit aber noch vor den liberalen Politmagazionen Salon und Mother Jones.

Das Feuerwerk an Desinformationen um die Macron-Leaks am Vortag der französischen Wahlen kam am Dienstag bei auch in den Hearings im US-Kongress zur Sprache. NSA-Direktor Michael Rogers erklärte da, dass man im Vorfeld der Wahl Aktivitäten russischer Spionagegruppen in der Infrastruktur der Wahlkampagne von „En Marche“ beobachtet und an das französische Pendant DGSE weitergeben hatte. Zu den geleakten Dokumenten und eine mögliche Verwіcklung Russlands in „Macron-Leaks“ äußerte sich Rogers wohlweislich mit keinem Wort.

Was die etablierte Medienszene angeht, so zirkuliert dort seit altersher der Spruch: „Das Archiv ist die Rache der Journalisten an der Politik.“ Gemeint damit waren stets Zeitungsarchive, in Zeiten öffentlicher Archive von Google und Co rächt sich die unkritische Verbreitung solcher von an Anfang dubioser Nachrichten, die noch dazu von Rechtsextremen stammen, irgendwann an den Verbreitern.

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