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Flüchtlinge in Griechenland: Am Ende der Geduld

Immer wieder versuchen Schutzsuchende, die seit über einem Jahr in den Massenlagern Griechenlands warten, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Gleichzeitig scheinen psychologische Probleme chronisch zu werden. Die Bedingungen und die aussichtslosen Lage machen die Menschen hier zusehends krank.

Von Chrissi Wilkens und Salinia Stroux

Anfang Mai hat eine Frau aus dem Irak im Ort Kalamata in Peloponnes versucht, sich ihre Pulsadern aufzuschneiden, nachdem ihr gesagt worden war, dass sie in den Hotspot auf der Insel Samos zurück gebracht werden sollte. Die Frau konnte rechtzeitig gerettet werden. Sie hatte gemeinsam mit anderen versucht, das Land mit einem Boot Richtung Italien zu verlassen. Die Perspektive, in einem der Elendslager der Ägäis untergebracht zu werden, in Verhältnissen die sogar Papst Franziskus mit denen in „Konzentrationslagern“ verglichen hat, trieb die Frau dazu, ihr Leben beenden zu wollen. Ein weiterer Selbstmordversuch unter den Flüchtlingen in Griechenland der von den Medien, den Behörden, aber auch von der europäischen Zivilgesellschaft unbemerkt blieb.

Wenige Wochen zuvor endete ein anderer Fall tragisch: Ende März hatte sich ein junger Mann aus Syrien im Hafen von Piräus aufgehängt. Nur ein paar Tage danach, am 30. März, hat sich ein Landsmann von ihm im Hotspot auf Chios selbst angezündet. Er erlag seinen Verletzungen in einem Athener Krankenhaus. „Immer wieder gibt es Meldungen über Selbstmordversuche von Flüchtlingen auf den Inseln oder dem Festland“, berichtet Yunus Mohammadi, Präsident des griechischen Flüchtlingsforums. Auch die zuständigen Stelle des griechischen Gesundheitsministeriums spricht von einer Zunahme der psychischen Probleme bei Flüchtlingen.

Derzeit leben nach offiziellen Angaben 62.089 Flüchtlinge in Griechenland, 22.000 von ihnen sind nach wie vor in Lagern untergebracht. Fast alle wollen weiterziehen, irgendwohin, wo sie die Chance haben, zu überleben, sich zu integrieren und ein würdevolles Leben in Sicherheit zu führen. Die ausweglose Situation und die unerträglichen Bedingungen in vielen Massenlagern belasten die Menschen zusätzlich psychisch, da sie schon durch ihre eigene Fluchtgeschichte und Fluchtgründe traumatisiert sind.

Experten sprechen von einem neuen Trauma, das die Schutzsuchenden unter diesen Umständen erleben. Gleichzeitig scheinen psychologische Probleme chronisch zu werden, wie die „Ärzte ohne Grenzen“ in den Massenlagern in Athen beobachten. “Ein sehr großes Problem ist, dass es im Moment keine Perspektive auf Integration gibt, und keine Perspektive für die Zukunft, damit sie ihr Leben planen können”, sagt die Sozialarbeiterin Ekavi Papadimitriou von der Organisation Babel.

Maria Liapi vom Zentrum für Frauenstudien und Frauenforschung Viotima betont, dass insbesondere Frauen und Mütter die alleine in den Lagern leben von genderspezifischer Gewalt bedroht sind. Nahezu alle Frauen dort sind sehr belastet. ”Sie sind mit der Erziehung der Kinder beschäftigt und oft müssen sie sich zusätzlich um andere Verwandte kümmern, die auch im Lager wohnen” so Liapi. Gleichzeitig sind sie mit der Frustration der Männer konfrontiert, die sich nutzlos fühlen, weil sie keine Aufgabe oder Arbeit haben.

Koutsochero

Salinia Stroux

Trotz der sehr großen Summen, die für die Aufnahme und Versorgung von Geflüchteten nach Griechenland fließen, sind Dienstleistungen und sogar die materielle Situation in manchen Lagern katastrophal. Die Regierung plant die Flüchtlinge zwar langfristig fast alle in Apartments unterzubringen und ihren Kindern der Zugang zum Bildungssystem zu sichern, aber bis heute gibt es sogar Menschen, die in den Lagern noch in Zelten leben.

Die Implementierung des Cash-Card Systems, mit monatlichen Hilfebeträgen (ein alleinstehender Erwachsener bekommt 150 Euro und muss davon alles außer der Unterkunft selber bezahlen), kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Essensversorgung gestrichen wurde und sich UN-Flüchtlingsrat und NGOs langsam aus den Lagern zurückziehen. Ein bisschen Geld, ein bisschen Schule... Ob die Flüchtlingskrise damit für beendet erklärt werden kann, wie diese Woche vom Staatssekretär für Flüchtlingspolitik Giannis Balafas gesagt wurde, ist mehr als fraglich.

Amnesty International forderte Ende März 2017 die sofortige Schließung der drei Lager in Elliniko, bestehend aus dem alten Flughafengebäude und zwei in der Nähe liegenden Sportstadien. Dort harren bis heute Menschen in Zelten aus – manche schon seit über einem Jahr. Zu wenig Toiletten und Duschen, keine Privatsphäre, keine ausreichende medizinische Versorgung, keine adäquate Rechtshilfe und kein Gefühl der Sicherheit, so beschreibt A., eine junge Mutter aus Afghanistan mit vier Kindern, das Leben dort. Sie lebt schon seit über einem Jahr in einem Zelt in Elliniko. Ihr Mann versucht zurzeit über Patras nach Mitteleuropa zu gelangen, um seiner Familie von dort aus helfen zu können. Seit er weg ist, kann sie nicht mehr ruhig schlafen. „Es macht mir Angst, ohne ihn zu sein“, sagt sie. Im Lager gebe es viele alleinstehende Männer. „Jede Nacht betrinken sich welche. Ich bin eine junge Mutter allein mit ihren Kindern. Ich kann nachts nicht schlafen vor Panik“, sagt A.

Fassungslos beobachten Helfer und Menschenrechtsorganisationen, wie die linksgerichtete Regierung von Alexis Tsipras unter dem Druck der anderen EU-Staaten zunehmend eine flüchtlingsfeindliche Politik umsetzt, die immer mehr auf Abschreckung und Haft zielt. Die sogenannte „freiwillige Rückführung“ wird nun für viele als die einzige Alternative dargestellt, wenn es keine legalen Wege für sie in den Norden gibt.

Besonders zynisch ist der neueste Plan der Regierung, diejenigen, deren Asylantrag in erster Instanz auf den Inseln abgelehnt wurde und die in die zweite Instanz gehen, vom Programm der freiwilligen Rückkehr auszuschließen. Laut Migrationsminister Mouzalas ist dies ein Versuch der Regierung, den sogenannten „Asylmissbrauch“ zu beenden. Beobachter schätzen, dass diese neue Politik, die zum ersten Mal in einem EU-Land umgesetzt wird, einen gefährlichen Präzedenzfall für andere Phasen des Asylverfahrens darstellen könnte. 15 NGOs verlangen von der griechischen Regierung diese Politik nicht umzusetzen.

Aus offiziellen Zahlen geht derweil hervor, dass die meisten Geflüchteten in Griechenland aus Kriegs- und Konfliktregionen wie Syrien stammen, und dass ein sehr hoher Anteil von ihnen besonders schutzbedürftige Personen wie z.B. Minderjährige sind. Deren Asylanträge stiegen im Jahr 2016 auf 38 Prozent aller eingereichten Anträge.

Für die, die bleiben müssen, sieht die Zukunft düster aus, denn auch die Situation für Flüchtlinge, die bereits in Griechenland Asylstatus bekommen haben, ist prekär. Sie haben in der Theorie zwar dieselben Rechte und Chancen wie die griechischen Bürger, sind aber de facto aber vor allem mit denselben Problemen konfrontiert, wie z.B. mit der hohen Arbeitslosenrate und einer lang anhaltenden Wirtschafskrise. Eine Arbeit zu finden, ist fast unmöglich, weil die meisten Anerkannten noch nicht die griechische Sprache beherrschen und es so gut wie keine Integrationsprogramme gibt.

„Wir fragen überall nach Arbeit, aber es wird uns gesagt, es gäbe nichts“, sagt S. ein junger Familienvater aus Syrien, der im Lager Koutsochero in der Nähe der Stadt Larisa wohnt. Vor ein paar Tagen bekam er den Bescheid, dass er in Griechenland als Flüchtling anerkannt wurde und erstmal drei Jahre lang bleiben kann. Noch wird die Familie im Lager geduldet. Doch eine spezielle Unterbringung für Anerkannte ist vom Staat nicht vorgesehen. „Was passiert aber, wenn wir unsere Dokumente bekommen werden? Wir wissen dann nicht wohin. Wir verlieren unseren Verstand.“

Hungerstreik

Chrissi Wilkens

Vor dem Büro des UN-Flüchtlingswerks in Athen sitzt derweil Anwar, ein Flüchtling aus dem Iran, der schon wochenlang im Hungerstreik ist. In seinem kleinen Sommerzelt wartet er auf Hilfe. Der junge Iraner wurde im März 2015 als Flüchtling anerkannt. Wegen der schwierigen Situation in Griechenland hat er später Schutz in Schweden gesucht. Als er den Behörden dort jedoch sagte, dass er in Griechenland Asylstatus hat, haben sie ihn nach Griechenland zurückgeschickt. Der erschöpfte Mann will mit Europa nichts mehr zu tun haben und fordert vom UN-Flüchtlingsrat, ihm zu helfen, damit er in die USA oder nach Kanada umsiedeln kann. Das ist aber nur in sehr seltenen Fällen möglich und schon gar nicht aus Griechenland, so die Informationen aus dem UN-Flüchtlingsrat.

„Mein Leben hier liegt auf Eis. Die haben mir Asyl gegeben und nennen es Schutz. Es ist ein gefälschter Schutz. Ich bin seit zweieinhalb Jahren in Europa und leide nur. Danke, ich will nichts mehr davon. Ich brauche einen legalen Weg, um Europa verlassen und mich irgendwo anders niederlassen zu können. Was soll ich sagen: Entschuldigen Sie, dass ich auf ihrem Kontinent angekommen bin.“

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