FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

Chris Cornell

Florian Wörgötter / Radio FM4

Rest In Peace: Chris Cornell

Der in der „Grunge-Hauptstadt“ Seattle geborene Musiker ist mit 52 Jahren überraschend verstorben. Die FM4 Redaktion über prägende Songs und Begegnungen mit Chris Cornell.

Chris Cornell ist am Abend des 17. Mai noch auf der Bühne in Detroit gestanden und ist danach unerwartet verstorben. Während die Gerichtsmediziner seinen Tod untersuchen, ist eines unumstritten: Mit Chris Cornell verliert die Welt einen umtriebigen Musiker und beeindruckenden Sänger. Mit seiner 1984 gegründeten Band Soundgarden war er gerade auf 25-Jahre-Badmotorfinger-Tour in den USA. Gemeinsam mit Tom Morello war Cornell bei der „Supergroup“ Audioslave aktiv. Chris Cornell hat aber auch fünf Soloalben veröffentlicht. Für den James-Bond-Film „Casino Royale“ hat er 2006 den Titel-Song „You Know My Name“ beigesteuert. Erst diesen März hat Cornell den Song „The Promise“ veröffentlicht und davon alle Einnahmen dem International Rescue Committee gespendet.

Update: Über die Hintergründe und Reaktionen aus der Musikwelt berichtet pitchfork.com.

Das FM4 House Of Pain widmet sich am Mittwoch, 24. Mai, von 22 bis 00 Uhr dem musikalischen Leben und Schaffen von Chris Cornell. Geschichten über prägende Songs und Begegnungen mit Chris Cornell gibt es mehr als genug.

Alex Augustin über „Black Hole Sun“

Mein Erstkontakt mit Chris Cornell und Soundgarden gestaltete sich wohl klassisch, über das damals noch wirklich existente Musikprogramm MTV und den Song „Black Hole Sun“ von 1994. Diese riesigen Augen! Diese hübschen, brennenden Puppen! In der Schulband haben wir diesen Song dann wirklich schlecht zu Tode gespielt. Ein Bekannter von mir hat eine Gartenparty geschmissen, dort haben sie, inspiriert von diesem Video, mit Autobenzin ein Pentagramm auf den Rasen gezogen und den grünen Rasen abgefackelt. Daddy was not amused.

Noch heute animiere ich meine Nichten dazu, ihren Barbies die Haare abzurasieren und sie auf den Grill zu werfen. Letzten Endes war dieses ikonografische Musikvideo von Howard Greenhalgh auch der Start meiner großen Hassliebe zu amerikanischen Suburbs-Siedlungen, die in diesem Video wunderbar überzogen und quietschbunt abgebildet werden. Palmen, Pools und die unerträgliche Leichtigkeit des Scheins. RIP, Chris.

Boris Jordan über den neuen Typ Metalsänger:

Mit Chris Cornell hat - nicht nur in meinem Leben - ein neuer Typ Metalsänger die Bühne betreten. Die dunkle Romantik und die wilde Schönheit des Pop und dessen, was damals noch nicht Grunge hieß, hat niemand so verkörpert wie der glanzaugige junge Trinker. Zusammen mit Mark Lanegan und Glenn Danzig hatte er einen kurzen Moment lang auch die Kronenstaffel des Rock gehalten, bis der noch feschere Eddie Vedder und der noch wildere Kurt Cobain dann übernehmen sollten. Heavy Metal war nach dem kurzen Zeitfenster, in dem Soundgarden Großartiges produzierten, nicht mehr derselbe. Es war nun nicht mehr Vorschrift, dass seine derben Frontmänner Essensreste in den Zahnzwischenräumen aufbewahrten - man konnte nun dem Bryan Ferry des Metal nacheifern und elegant sein. Niemand konnte besser innerhalb kleinster Phrasierungen aggressiv, verzweifelt, verliebt, nachdenklich sein, niemand konnte souveräner ein „Yeah“ über 16 Takte ziehen. Mastodon und Monster Magnet werden heute einen Drink auf den trockenen Verstorbenen, laut Rolling Stone „neuntbesten Sänger“, nehmen.

Christian Holzmann über „Superunknown“:

Ich bin ja weit entfernt vom Metal-Purismus der 80er-Jahre mit Jeanskutte, Vokuhila und Iron Maiden. Wenn es aber eine Band gab, die mehr oder weniger mit an meinem Metal-Fanatismus seit den 90ern „schuld“ ist, dann mit Sicherheit Soundgarden mit „Superunknown“. Es ist ein Meilenstein, der sich bis heute nicht abgenutzt hat und selbst die mittelmäßigen Alben mit Audioslave konnten nicht daran kratzen. Ich durfte Soundgarden leider nur einmal live erleben, als sie Anfang der 90er zusammen mit Faith No More Supportband für Guns N’ Roses waren. Während Axl Rose & Co. mich nach dem Konzert als Fan verloren hatten, kaufte ich am nächsten Tag alle Alben von Faith No More und Soundgarden. Cornell, der vor Gesundheit nur so zu strotzen schien, war eigentlich der Letzte, mit dessen Ableben man auch nur im Ansatz rechnete. R.I.P. Chris Cornell.

Christian Fuchs über den Nova-Rock-Auftritt 2014

Essentielle ProtagonistInnen der sehr heterogenen Generation Grunge weilen schon länger nicht mehr unter uns. Der große Kurt, aber auch Layne Staley (Alice in Chains), Scott Weiland (Stone Temple Pilots) oder Kristen Paff (Hole) kommen einem sofort in den Sinn. Aber um diesen Mann musste man sich eigentlich keine Sorgen machen.

Im Gegenteil, ich erinnere mich an einen gelassenen, souveränen, topfit wirkenden Chris Cornell beim Nova Rock 2014. Soundgarden klangen damals entschieden besser als in ihren Glanzzeiten, spielten sich durch ein Gänsehaut-Best-Of-Set, bei dem schnöde Nostalgiegedanken erst gar nicht aufkamen. Mittendrin Cornell, der wie frisch aus dem Yoga-Camp zurückgekehrt wirkte, sich entspannt durch die Heaviness der Songs dirigierte, dabei von der Bühne strahlte wie Johnny Depp in cool und gesund. Ein super Typ, dachte ich mir bei diesem Auftritt, der perfekt alterte, und dessen Sexrockgott-Aura mir schon Anfang der 90er oft lieber war als der Leidensgestus gequälter Grungekollegen.

Seine Musik (und die verwandter Bands wie Melvins oder auch The Cult) brachte mir als blassem, schüchternem Postpunk auch die wundervolle, pittoreske Welt des Hardrock und Metal näher. Weil Cornell unter seiner damaligen Matte eben einer von „uns“ war, ein Alternative Kid in Jesuschristpose, ein kluger Showman, der Ian Curtis wohl ebenso liebte wie Robert Plant.

Chris Cornell

Florian Wörgötter / Radio FM4

Chris Cornell mit Soundgarden am Nova Rock Festival 2014

Paul Kraker über „Jesus Christ Pose“

Es ist unerträglich, sich die Bilder des Soundgarden-Konzerts in Detroit anzusehen, wenige Stunden vor dem Tod von Chris Cornell: Beinahe introvertiert steht er auf der Bühne, das Haar zerzaust, spielt bedächtig Gitarre, schmächtig wie damals, als ich das erste Mal auf ihn aufmerksam geworden bin. 1991 war das, über den Fernsehbildschirm rasten und wackelten Bilder im UV-Licht, „Jesus Christ Pose“ wurde eingeblendet, und ein junger Mann mit nacktem Oberkörper sang hoch und schrie in einer lila Wüste mit unsichtbaren Gitarren um die Wette. Ich war gepackt von der Schwere von Black Sabbath und der Energie des Punk, auch wenn ich nicht ahnen konnte, dass die zugehörige Band, Soundgarden, einen Grundpfeiler des Grunge errichten würde. Ich habe Chris Cornell nie getroffen, nie interviewt, aber er und sein Oeuvre sind immer wieder aufgeblitzt – bei Audioslave, seine Blues-Stimme auf Soloalben, das Risiko, sich mit schnalzenden Timbaland-Beats zu umgeben. Heute früh das letzte Aufblitzen auf den Nachrichtenseiten. Black Hole, Sun erloschen.

David Pfister über „Scream“

Chris Cornells erste zwei Soloplatten sind gelungene, erwachsene Rockplatten, die die Chance haben, als Klassiker immer wieder neu entdeckt zu werden. Besonders das konzentrierte und gleichzeitig hintergründig psychedelisch wabernde „Euphoria Morning“ aus dem Jahr 1999 ist ein schönes Beispiel für Cornells Songwriter-Fähigkeiten und seine musikalische Eleganz.

Diese beschädigte er mit der Veröffentlichung „Scream“ massiv, denn Cornell beschließt, Popstar werden zu wollen, und engagiert die damaligen Chartskaiser Timbaland & Justin Timberlake, um seine Musik für die R&B-Charts-Pop-Kinder verzehrbar zu machen. Zwei Jahre zuvor haben Timbaland & Timberlake das schon mal für Duran Duran erledigt und die bemerkenswert gute Duran-Duran-Verjüngung „Red Carpet Massacre“ realisiert. Nur ist der Sound von Duran Duran bei weitem kompatibler mit dem Contemporary-R&B-HipHop aus der Timbalandlake-Werkstatt als Chris Cornells schroffer Wüstenrock.

„Scream“ wird von Chris-Cornell-Fans als einzige Provokation wahrgenommen, und neues Publikum kann er sich damit auch nicht an Land ziehen. Ein dramatischer Flop und die Platte verschwindet in den folgenden Jahren aus dem kollektiven Popgedächtnis, als wäre sie nie dagewesen. Auf „Scream“ wird etwas mit Gewalt vermengt, was einfach beim besten Willen nicht harmoniert. Wie wenn Kinder kochen. Und gerade deshalb fällt sie mir immer mal wieder ein und ich dreh sie beim Wohnungputzen auf und bin fasziniert von diesem Album, welches weder gut noch schlecht ist, sondern ein bizarrer musikalischer Unfall, der einen seltsamen Reiz ausübt.

Susi Ondrusova über Chris Cornells Auftritt im „What The Fuck!“-Podcast

Anlässlich der Superunknown-Jubiläums-Tour war Chris Cornell 2014 zu Gast bei Marc Marons „What The Fuck!“-Podcast, einem meiner Lieblingspodcasts, unter anderem weil Marc Maron seinen Gästen stets als neugieriger Fan begegnet. Als Zuhörer_in fühlt man sich so, als ob man einfach mit zwei alten Freunden gemeinsam an einem Tisch sitzt. Alles, was ich aus Mark Yarms Buch „Everybody Loves Our Town: An Oral History Of Grunge“ über Chris Cornell und Soundgarden erfahren habe, wurde dadurch plötzlich lebendig. Nicht nur seine Gesangsstimme war einnehmend, sondern auch seine Sprechstimme. „I was in a band within the first 3 days I ever played the drums.“, erinnert sich Cornell an sein 16-jähriges Selbst und den Beginn seines Musikerdaseins. „I had no aspirations to do or be anything. But it was like ‚Nothing, nothing, nothing, nothing: Rock band! I guess that’s what I’m doing!‘“ Was für ein Leben!

mehr Musik:

Aktuell:

Werbung X