FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

marc carnal

Der schönste Tag eures Lebens

Ringsum wird munter geheiratet und schon Kurzurlaube können dazu führen, dass der Briefkasten vor Einladungen zu bersten droht.

Von Marc Carnal

In meinem Alter wird die Gefahr zusehends größer, Sätze mit “In meinem Alter” einzuleiten, doch nicht nur das: In meinem Alter wird auch die sogenannte Hochzeits-Risikokurve zur bedrohlichen Exponentialfunktion. Diese beschreibt nicht das Risiko, selbst zu heiraten, sondern jenes, zu Hochzeiten eingeladen zu werden.

Eine verbreitete Annahme besagt, der Tag der Eheschließung möge für das Brautpaar der schönste ihres Lebens werden. Bedenkt man, dass laut Statistik Austria durchschnittlich mit Anfang dreißig geheiratet wird, zeugt es von schütterem Optimismus, bereits nach dem ersten Drittel des irdischen Daseins davon auszugehen, es würde kein schönerer mehr folgen.

Lassen wir den Superlativ also besser außen vor. Halbwegs schön sollte eine Hochzeitsfeierlichkeit aber dennoch für alle Beteiligten sein. Vor allem für die Brautleute, und auch für die Geladenen.

Lesungen, Bücher und sonstige Aktivitäten - die Website von Marc Carnal informiert umfassend und bietet demnächst auch die Möglichkeit, den heiteren Autor für Hochzeiten zu buchen!

Und damit switche ich in die zweite Person und wende mich nun direkt an euch. An euch Paare, die ihr zu heiraten gedenkt, vielleicht schon verlobt seid, womöglich bereits eine Weddingplaner-Shortlist erstellt, niederösterreichische Märchenschlösser ins Auge gefasst und Kostenvoranschläge von Floristen eingeholt habt, an euch designierten Eheleute, die ihr mich womöglich zu eurer Trauung einzuladen gedenkt:

Ich komme! Sogar gerne. Ist ja auch rührend allerweil, wenn sich zwei mögen. Ich streif mir auch den feinen Zwirn über, erscheine entweder tatsächlich oder zumindest vorgeblich bestens gelaunt und mache jeden Scheiß mit. Ich bin ein kooperativer Hochzeitsgast, versprochen.

Ein paar Fragen rhetorischer Natur erlaube ich mir dennoch im Vorfeld.
Lasst sie euch mal in Ruhe durch eure verliebten Köpfe gehen.

Wenn die Hochzeit der schönste Tag eures Lebens werden soll, oder zumindest ein herausragend schöner, rate ich euch, zuerst mal ganz entspannt darüber nachzudenken, was für euch einen schönen Tag eigentlich ausmacht, was er in euren kühnsten Träumen mit sich bringen sollte, was euch ehrlich gefällt, was euch beide aus tiefstem Herzen begeistert. Ich spreche nicht von eurer Definition für eine Traumhochzeit, sondern ganz allgemein von einem richtig schönen Tag.
Lasst euch ruhig Zeit!

Der Ehe-Witz von meiner neuen YouTube-Entdeckung Ludger Winter, der täglich einen Witz erzählt und praktischerweise die dargebrachten Witze auch immer erklärt. Ein Abonnement wird dringend empfohlen!

Fertig?
Gut.
Und jetzt stellt euch diesen wunderschönen Tag vom Erwachen bis zur letzten Stunde intensiv vor, spielt ihn innerlich durch, malt euch jedes Detail aus. Und erlaubt mir dann eine Frage:

Habt ihr diesen schönen Tag in eurer Fantasie von einem euch gänzlich fremden Menschen durchplanen lassen und ihm dafür mehrere Tausend Euro überwiesen? Habt ihr Dutzende Monatsgehälter in die Anmietung eines kaputtrenovierten Palais investiert, um dort sämtliche eurer Verwandten und Bekannten zu verpanschen, mit deren Gutteil ihr ansonsten kaum Kontakt pflegt oder gar zerstritten seid, diese Freund- & Feind-Compilation dann zu zwingen, einen ganzen Tag bei 34 Grad in hohen Schuhen und schweren Anzügen durchzustehen, und nicht nur das: Sie obendrein zu nötigen, in den zähen Stunden zwischen den zwar recht trivialen, zwecks Gourmet-Anschein-Erweckung aber nur kümmerlich portionierten und sporadisch servierten Speisen, Kinderspiele zu absolvieren oder Lobreden auf euch zu halten, was neben der zwischenzeitlich immer wieder aufkeimenden Langeweile die wesentlichen Gründe dafür sind, dass die Gästeschar sich bis zum späten Nachmittag bereits heillos betrunken hat, während ihr Kuverts einsammelt, die Billets mit lieblos formulierten Fertigteilsätzen sowie Geldscheine enthalten, zu deren Veräußerung sich alle verpflichtet fühlen, um offiziell eine Reise und inoffiziell die Kosten für die Tischdekoration querzufinanzieren, für die man euch das Dreifache des marktüblichen Preises verrechnet hat, einfach nur, weil ihr einen schönen Tag verbringen wolltet, und vor dieser schwitzenden Horde an betrunkenen Fratzen müsst ihr euch dann Treueschwüre abringen und euch küssen, wofür man ringsum höflich applaudiert, eine Reaktion, die sich jene vier Musiker, die gegen Abend zum Tanz aufspielen, ebenfalls wünschen würden, doch die Band, deren Musik ihr ansonsten nie und nimmer freiwillig hören würdet und die ihr dennoch für eine dreiste Gage engagiert habt, muss sich erst durch einen eisernen Panzer der Ablehnung spielen und setzt dabei auf musikalisches Allgemeingut, das grausam arrangiert so lange von den Gästen ertragen wird, bis ihr euch endlich erbarmt und in euren Disney-Verkleidungen einen qualvollen Paartanz absolviert, bis sich schließlich die Tanzfläche schleppend füllt und so endlich das Finale eures schönen Tages eingeläutet wird, für die Gäste wohlgemerkt, denn euer Finish folgt erst, wenn der Letzte resigniert in sein Hotelzimmer getorkelt ist, während ihr um halb vier Uhr früh euch betrunken, ausgelaugt und verstimmt aus euren nassen Kleidern schält, in das Kingsize-Bett eurer Romantik-Suite fallt und in diesem Zustand auch noch angehalten seid, möglichst unvergesslichen Beischlaf zu treiben?

Sieht SO für euch ein schöner Tag aus?

mehr Marc Carnal:

Aktuell: