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Weltreise-Blog

Krampf im Kiefer

Spanisch lernen in Argentinien habe ich mir einfacher vorgestellt.

von Valerie Kattenfeld

Seit zwei Tagen bin ich in Cordoba. Nicht unbedingt wegen der Stadt, sondern vor allem wegen eines Menschen, den ich wieder sehen wollte: Darian. Darian, mit dem ich drei Tage auf der Ilha Grande in Brasilien verbracht habe.

Er hat mich eingeladen in seine saubere, kleine Wohnung mit Balkon und Blick über die Stadt. Er lebt hier mit seinem jüngeren Bruder Franco. Der Boden ist verfliest, die Einrichtung simpel. Tagsüber lernt Darian für seine Psychologie-Prüfung, ich schreibe. Dazwischen gehen wir spazieren, kochen zusammen - und gehen aus.

Menschen in Argentinien und Wien

Valerie Kattenfeld

Gestern Abend war ich zum Grillfest seiner Cousine Lucra eingeladen. Ich werde von allen herzlich begrüßt und neugierig befragt. Wir naschen Käsewürfel und Wurstscheiben, bis das Huhn fertig ist.

Regelmäßig wird ein dickes Glas mit Strohhalm herumgereicht, darin ist der in Argentinien so beliebte Bitterlikör Ferret, gemischt mit Cola. Außer mir ist noch ein zweiter internationaler Gast da, Matthew aus Colorado. Er reist, Englisch unterrichtend, durch Südamerika, war gerade vier Monate in Salta. Wir unterhalten uns auf Englisch mit Stephanie, Francos Freundin. Ihr Englisch ist so perfekt wie ihr Styling. Sie trägt ein schwarz-weiß gestreiftes bodenlanges Kleid, darüber lässig eine Jeansjacke.

Nicht mitlachen können

Gemeinsam decken wir den Tisch für das Essen im Wohnzimmer, dazu läuft eine kolumbianische Soap-Opera. Zwei Frauen streiten sich um einen Mann, soviel bekomme ich mit. Aber was sie genau sagen – keine Ahnung. Die jungen Menschen um mich herum, Darians Freunde und seine Familie, lachen. Manchmal kommen kleine Lacher wie ein Schluckauf, dann wieder gespannte Stille, dann Freude-Kreischen, das sie in die Knie gehen lässt. In dem Moment findet etwas Starkes, Lebendiges und Verbindendes direkt rund um mich statt - und ich kann nicht Teil davon sein.

Was mache ich? Ich lächle, weil das hier ein Fest ist und ich Teil der guten Stimmung sein möchte. Bin ich ja auch. War ich ja auch. Am Anfang, als wir noch Englisch / Spanisch gemischt geredet haben. Langsamer. Aber hier komme ich aus der Spur. Ich verliere die Sprache, ich kann ihr nicht mehr folgen und je überzeugter ich davon bin, desto unwahrscheinlicher wird es, dass ich wieder hineinfinde. Trotz drei Wochen Spanisch-Intensivkurz und dreißig vollgeschriebenen Seiten in meinem Übungsheft geht nichts mehr.

Menschen in Argentinien und Wien

Valerie Kattenfeld

Was auf mich abfärbt, ist eine Situation, die vorhin draußen stattgefunden hat. Ich habe zu jemandem einen Satz gesagt, in dem „tuya madre“ vorkommt, „deine Mutter“. Offenbar habe ich das „dein“ falsch positioniert und sowas wie „Mutter dein“ gesagt. „Tuya madre“ wird mehrmals lachend vom Gastgeber, dem Freund von Lucra, wiederholt, bis sie ihm in die Seite stößt und sagt: Hey, hör auf. Sie versteht dich.

Ahnen, wie sich Integration von der anderen Seite anfühlt

Ich muss an Österreich denken und daran, wie verführerisch es sein kann, sich über unzulängliches Deutsch lustig zu machen. Ich selbst sage manchmal Sachen wie „Was is mit du? Gemma Park oder was?“. Einfach zum Spaß, unter Freunden, weil das Falsche seinen eigenen Charme hat. Ich habe nie darüber nachgedacht, wie es für Migrant*innen sein muss, wenn sie mitbekommen, dass ihr sprachliches Unvermögen eine Quelle der Belustigung ist. Wenn sie auf einmal etwas wiederholt hören, was sie eben gesagt haben. Gefolgt von einem Lachen, von einem Kommentar, von noch einem Kommentar, noch einem Lachen. Nichts davon verstehen. Nur wissen, dass es etwas mit ihnen zu tun hat. Sich nicht fragen trauen. Sich nicht noch eine Watsche abholen wollen, sich nicht nochmal bloßstellen wollen. Einfach nur hinhalten. Dulden. Die Haut dick werden lassen.

Das Ausgeliefert-sein, das Nicht-Österreicher*innen in meinem Land empfinden, kann man natürlich nicht mit meiner argentinischen Grillparty vergleichen. Ich bin hier unter den Freunden meines Freudes, bei seiner Familie. Niemand will mir hier was Böses. Ein kleiner augenzwinkernder Scherz, nichts Gravierendes. Etwas, das ich als toughe Weltreisende locker einstecken sollte.

Menschen in Argentinien und Wien

Valerie Kattenfeld

Ich merke die Verspannung in meinem Kiefer, die ich in den letzten Wochen entwickelt habe. Immer wieder, besonders in den Tangoklassen, wenn ich mich sehr konzentriere, presse ich meine Zunge gegen die Vorderzähne. Auch im Alltag werde ich mir immer meines angespannten Kiefers bewusst, was ganz seltsam ist, weil ich das noch nie hatte. Verspannung in den Schultern - klar. Aber hier ist es der Mund. Und warum? Weil ich die ganze Zeit eine Sprache spreche, die nicht meine ist. Die ich nicht kann, die nicht natürlich kommt, die mich anstrengt. Sprechen und Verstehen ist eine permanente Anstrengung. Ich frage nach Vokabeln und verliere sie sofort wieder. Ich mache ewige Nachdenkpausen beim Pasado Indefinido. Und wenn es gar nicht anders geht, wechsle ich ins Englische und fühle mich wie eine Verliererin.

Schweigen als Ausweg?

Diesmal verharre ich in meinem Schweigen und mache mir damit meinen eigenen Abend kaputt. Nachdem ich eine Weile vor mich hin geschmollt habe, setzt sich Darian zu mir. Wieso ich nicht einfach frage, wenn ich etwas nicht verstehe, möchte er wissen. „Hier sind alle hilfsbereit und sie sind so froh, dich kennenzulernen.“ Das berührt mich. Und auf einmal wird es mir klar: dass ich die Leichtigkeit mit meinen Freunden vermisse. Die Partys, die gemeinsamen Abendessen, die Momente in der Garderobe nach dem Tanztraining. Einfach diese Situation, wenn man sich als Gruppe unterhält oder Witze macht und ein Gedanke den anderen jagt. Man kann schlagfertig sein, leicht, schnell. Wach. Man ist zu hundert Prozent bei den anderen, weil es keine unterschiedlichen Codes gibt, die trennen. Und das macht Sprache: sie trennt. Trennt und verbindet.

In diesem Moment auf der Couch in Lucras Wohnzimmer wird mir schmerzlich bewusst, dass ich diese Leichtigkeit unter Freunden ein ganzes weiteres Jahr nicht haben werde. Die Möglichkeit, so schnell zu reden, wie man denkt, wenn sich zwischen das Gespräch keine Ebene des Nachdenkens, des Nachfragens und Anhaltens schiebt. Sofort kontern können, wenn man nicht einverstanden ist. Nicht erst nach den Vokabeln im Kopf kramen müssen. Agil und präsent sein. Ohne Krampf im Kiefer.

Menschen in Argentinien und Wien

Valerie Kattenfeld

Es wird noch eine Weile dauern, bis ich mich daran gewöhnt haben werde. Und ich werde hoffentlich Wege finden, lockerer damit umzugehen. Statt an Situationen zu lange herumzukiefeln öfter mal den Mund aufmachen und fragen. So wie Darian es vorgeschlagen hat.

Mittlerweile läuft auf dem Flachbildschirm eine andere Serie. Beim Scharade-Spielen zeigt ein Mann mit kompromisslosen Körpereinsatz den Film „Der weiße Hai“. Die Rückenflosse, das panische Wegschwimmen, das Gefressen werden. Seine Freunde erraten es aber nicht. Sie rufen alles Mögliche, aber nicht das Richtige. Der Mann wiederholt seine Bewegungen, wird dabei penetranter, so als würde er nach jeder Geste ein Ausrufezeichen setzen. Schließlich läuft die Zeit ab und er zu seinem Team. Er prügelt auf sie ein und würgt sie, weil sie zu blöd waren, es zu erraten.

Darians Freunde um mich lachen und auch unter meine Traurigkeit schiebt sich ein Schmunzeln. Weil ich die Szene mit dem Hai verstehe. Und weil sie mich daran erinnert, dass Worte nicht die einzige Möglichkeit sind, mit anderen zu kommunizieren.

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