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Barbara Karlich

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Marc Carnal

Lob der Karlich

Wer wissen möchte, was „das Volk“ so denkt, lausche regelmäßig der anbetungswürdig non­cha­lanten Sendung von Barbara Karlich.

von Marc Carnal

Überfliegt man in einem Facebook-Thread hunderte spontan verschriftlichte Wirtshaus-Rants von Freizeit-Jeannées über linkslinkes Gesindel, willkommensklatschende GrünInnen, Landesverräter, Systemmedien und die Brüssel-Mafia, denen unter bürgerlichem Namen ungeniert Tod oder Vergewaltigung gewünscht wird, kann einem schon mal ein bisschen bange werden.

Man muss sich dann aber sogleich in Erinnerung rufen, dass sogenannte Hassposter eine einsame, bedauernswerte und nicht zu überschätzende Minderheit sind. „Die Gesellschaft“ ist nicht verroht, bloß weil seit einigen Jahren ein kleiner Prozentsatz davon die Möglichkeit in Anspruch nimmt, seine teilweise strafrechtlich relevanten, zumeist aber einfach nur üblen Ansichten zu publizieren.

carnal.at

Neben Lesungsterminen und Hardfacts aus erster Hand zu den heiteren Büchern von Marc Carnal bietet seine amateurhaft zusammengezimmerte Wordpress-Seite leider keinerlei Informationen zu Barbara Karlich.

Ein gefährlicher Trugschluss wäre es, von der Lektüre querulantischer „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Jeremiaden abzuleiten, wie „das Volk“ so denkt. Will man ein Gefühl dafür entwickeln, welche Ansichten Menschen außerhalb des eigenen Milieus vertreten, gilt es die Ohren zu spitzen und den Reiz der ungezwungener Konversation mit der Restbevölkerung zu entdecken.

Die Betonung liegt auf ungezwungen! Mit soziologischen Hintergedanken die Postbeamtin nach ihrer Einstellung zu Freihandelsabkommen zu befragen oder in Irene’s Stüberl eine Diskussion über postfeministische Performancekunst vom Zaun brechen zu wollen ist für alle Beteiligten eher unbefruchtend.
Wer bewerkstelligen will, wofür Kabarettisten häufig gepriesen werden, nämlich anderen „auf’s Maul zu schauen“, muss ihnen halt manchmal auch ein bisschen nach dem Maul reden und vor allem zweierlei besitzen: Schmäh und Charme. Beides gibt es im Gegensatz zur Liebe leider wirklich nirgendwo zu kaufen.

Genau diese zwei unbezahlbaren Waffen hat Barbara Karlich, und es sind längst nicht ihre einzigen. In ihrer wohltuend unaufgeregten Nachmittagssendung lässt sie ihre Gäste ausführlich über stets schwammig formulierte Themen des Alltags wie “Ich kann noch locker mit meinen Kindern mithalten” oder “Sex wird überbewertet” schwafeln. Die oft recht langweiligen, manchmal aber auch äußerst verhaltensauffälligen Gäste geraten darüber selten in Streit. Aggressive Debatten unter den Geladenen zu schüren ist auch gar nicht das Ziel der Sendung. Vielmehr wird munter aneinander vorbei geplaudert, selten wird jemand unterbrochen, ungewöhnliche wie öde Ansichten dürfen gleichberechtigt dargelegt werden.

Barbara Karlich moderiert die Sendung auf sanfte, kluge und zurückhaltende Weise. Was Karlich eigentlich über die mitunter fragwürdigen Lebensentwürfe und hinterwäldlerischen Anschauungen ihrer Gesprächspartner denkt, erkennt der eingefleischte Zuseher an Zwischentönen und mimischen Gustostückerln. Nur selten tadelt sie oder gibt ihre eigene Meinung preis.

Vielmehr ist Barbara Karlich eine Virtuosin auf der Klaviatur der Gemeinplätze, mit denen sie gewieft die manchmal köstlichen Monologe der Talkteilnehmer befeuert. Charmant bremst sie allzu ausufernde Redeschwälle mit pointierten Zusammenfassungen ein und leitet dann entweder geschickt zum nächsten Gast über oder schnorrt O-Töne aus dem geriatrischen Publikum. Ihre Zwischenfragen überfordern nicht und befruchten dennoch das Bühnengeschehen, ihre selten, aber manchmal doch schnippischen Kommentare sind nie schulmeisternd und ihre Anteilnahme bei Berichten über Schicksalsschläge wirkt ebensowenig gewollt wie die Begeisterung über die manchmal rührend originellen Gäste.

Barbara Karlich besitzt die Empathie und Wandlungsfähigkeit von Elizabeth T. Spira, gleitet aber nie ins Zynische ab. Sie ist einerseits eine menschenliebende, schlaue und elegante Person, aber gleichzeitig auch so herrlich durchschnittlich und unaufdringlich, dass der achtlose Zuseher sie seit jeher unterschätzt.

Wer wissen möchte, was „die Leute“ so denken und reden, soll sich fernhalten aus den Facebook-Echokammern und Standardforen und lieber mindestens einmal in der Woche die Barbara Karlich Show schauen.

Bonus-Erzählung

Mit obigem Satz könnte dieser Text rund enden, doch ich möchte ihn mit einem zusätzlichen Ratschlag abschließen:

Barbara Karlich Show schauen?
Ja!
Einer Barbara Karlich Show-Aufzeichnung beiwohnen?
Vorsicht!

Ich habe diesen Fehler einmal gemacht. Man muss sich gleich drei Aufzeichnungen am Stück geben! Das dauert! Im Studio ist es heiß, die Bänke sind unbequem und als Verpflegung bekommt man in der sechsstündigen Anwesenheit nur eine einzige Wurstsemmel! Puh...

Schön war es zwischendurch aber trotzdem. In einer der Sendungen, deren Studiopublikum ich bereichern durfte, lautete das Thema sinngemäß „Barbara Karlich erfüllt dir deinen größten Wunsch“.

Nach der Reihe durften sich die Gäste irgendwas wünschen und bekamen dann halt Gutscheine oder sahen ihre erste Liebe nach dreißig Jahren wieder.

Ein Gast jedoch schoss den Vogel ab. Obwohl es bereits zehn Jahre her ist, dass ich im Karlich-Studio war (vielleicht bekommt man mittlerweile zwei Wurstsemmeln?), habe ich dieses schöne Begehr nicht mehr vergessen.
Der größte Wunsch eines älteren Herren war es, einmal im Leben Sabine Petzl von „Medicopter 117“ zu treffen. Nachdem er ihn geäußert hatte, betrat natürlich Sabine Petzl von „Medicopter 117“ die Bühne und der Herr war begeistert.
Was muss das für ein Leben sein, dachte ich mir damals wie heute, wenn der sehnlichste Wunsch eines Menschen darin besteht, einmal Sabine Petzl von „Medicopter 117“ zu treffen?
Womöglich ein schönes!

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