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Tom Cruise in "The Mummy"

Universal

Der Fluch der Mumie

Das Universal Studio versucht die eigene, legendäre Horrorvergangenheit zeitgemäß wiederzubeleben. „The Mummy“ macht den Anfang.

von Christian Fuchs

Damals genügten oft dunkle Andeutungen“, schwärmt mein Freund R. über die Anfänge des Horrorkinos. „Ein pittoresker Schatten auf einer Hausmauer, eine knarrende Tür oder künstliche Blitze, die die Nacht erhellen, das alles sorgte schon dafür, dass sich die Leute ängstlich in die Kinosessel krallten.“ R. ist ein Cinephiler, einer, der sofort Zitate aus Leinwandklassikern parat hat und natürlich die dazugehörigen Filme als BluRay-Sondereditionen im Regal stehen. Wenn er über die Hochblüte des Universal Horror spricht, beginnen seine Augen besonders zu leuchten.

Gebeutelt von der Wirtschaftskrise flüchteten sich unzählige Amerikaner in den frühen 1930er Jahren in die Lichtspieltheater. Dort konnte man sich mit irrationalem Grusel vom realen ökonomischen Schrecken ablenken. Klassische Leinwand-Monster wie Frankenstein, Dracula oder die Mumietorkelten durch stilisierte Studiokulissen, deren Look stark vom deutschen Expressionismus geprägt war.

Sofia Boutella in "the Mummy"

universal

Für das Filmstudio Universal wurden die schwarzweißen Monsterstreifen der frühen Tonfilmära zu einer wahren Goldgrube. Immer mehr unheimliche Kreaturen wurden ins Box-Office-Rennen geschickt, als Vorlagen dienten gothische Schauerromane. Boris Karloff, Bela Lugosi und Lon Chaney Jr. hießen die drei Gänsehaut-Superstars, die zu Universal-Aushängeschildern wurden. Manche späteren Filme mit ihnen wirkten wie lieblose Fließbandproduktionen, aber vor allem am Anfang, erzählt der Hobby-Filmhistoriker R. begeistert. „entstanden etliche Meilensteine für die Ewigkeit“.

Jedem sein eigenes Universum

Ganz und gar nicht für die Ewigkeit sind die späteren Versuche von Universal die legendären Monster zu reanimieren. Mit „The Mummy“ wurde 1999 eine Erfolgsfranchise kreiert, die den Oldschool-Grusel mit Comedy und Abenteuerfilmelementen verknüpfte. Brandon Fraser und Rachel Weisz irrten durch CGI-Sandstürme und kämpften gegen schlecht animierte Armeen von Untoten. Für echte Horrorfans ein Grauen, für Kinder eine turbulente Kino-Achterbahnfahrt.

Endgültig verging den Liebhabern der alten Klassiker, wie meinem Freund R., aber das Lachen, als der Blockbuster „Van Helsing“ 2004 Dracula, Frankenstein und den Wolfsmenschen zum Festplatten-Monster-Mashup vermanschte. Zunächst als Startpunkt für eine neue Kinosaga gedacht, rund um den von Hugh Jackman gespielten Titelhelden, wurde die Idee nach katastrophalen Reaktionen wieder verworfen.

Es liegt ein Fluch über all diesen Filmen“, sagt R. mit einem leisen Anflug bitterer Ironie. „Man darf die Geister von Boris und Bela nicht einfach mit lieblosen Remakes verärgern.“ Aber die Fädenzieher von Universal geben nicht auf, ganz im Gegenteil. Nach dem Vorbild des Marvel Cinematic Universe will man nun die glorreiche Monstervergangenheit neu ausschlachten. Und natürlich soll es, wie bei Warners MonsterVerse und den DC-Extended-Universe auch im Dark Universe zahlreiche Verknüpfungen geben und einen großen Überbau, der alle sinistren Gestalten verbindet.

Familienfreundliche Nonstop-Action

Hört sich bereits in der Theorie höchstens halbspannend an, ermüdet die Serialisierung des Mediums Films durch die pingelig geplanten Blockbuster-Welten doch zusehends. In der Praxis geht die Kalkulation des Studios aber noch viel weniger auf. Zumindest wenn man „The Mummy“ als Startpunkt des Dark Universe betrachtet.

Tom Cruise und Jake Johnson in "the mummy"

universal

Anstatt den zugegeben schwierigen Versuch zu wagen, die Oldschool-Monster auf ernsthafte Weise wiederzubeleben (man stelle sich etwa ein modriges Frankenstein-Update von den Machern des Indie-Hexenschockers „The Witch“ vor), geht Universal natürlich in die gegenteilige Richtung. Einfach den Horrorfaktor weit zurückschrauben und aus „The Mummy“ ein familienfreundliches Nonstop-Action-Spektakel machen. Hat ja in den späten 90er Jahren bereits funktioniert.

Wenn dann noch die erste weibliche Killermumie von einer aufregenden Darstellerin wie Sofia Boutella („Star Trek Beyond“) gespielt wird und Tom Cruise den flotten Indiana-Jones-Verschnitt gibt, kann eigentlich wenig schiefgehen. Dachten sich die Produzenten. Und irrten sich gewaltig.

Totes Untoten-Epos

„The Mummy“ ist vielleicht nicht der schlechteste Tom-Cruise-Film ever, wie ein amerikanischer Kritiker behauptet. „Mission Impossible 2“ oder „Knight And Day“ kommen einem diesbezüglich auch sofort in den Sinn. Und beginnen wir über sein käsiges Durchbruchswerk „Top Gun“ erst gar nicht zu diskutieren. Aber Cruise wirkt in dem Mumien-Machwerk auf so bizarre Weise deplaziert, als ob er aus einem anderen Film zufällig hineingebeamt wurde, gegen seinen eigenen Willen.

Das wirklich Schlimme ist: „The Mummy“ wirft das Fantasy-Blockbuster-Kino, das von Vordenkern wie Christopher Nolan oder Joss Whedon revolutioniert wurde, als Ganzes weit zurück. Selbst im größten Transformers-Quatsch gab es immerhin visuelle Pracht zu bestaunen und der langweiligste Marvel-Film bietet im Gegenzug kleine intime Charakter-Momente. Regisseur Alex Kurtzman gelingen aber weder einmalige Schauwerte noch interessiert man sich in diesem Film auch nur einen Hauch für die Figuren. „The Mummy“ scheint wie am Reißbrett als Vorlage für Themenparks und Computergames konzipiert, nichts lebt in diesem Untoten-Epos.

Ganz egal, wie der Film aber beim Publikum ankommt, die Zukunft des Dark Universe ist exakt skizziert. Wird bereits in „The Mummy“ Russel Crowe als Dr. Jekyll eingeführt, schlüpfen in der Zukunft Johnny Depp und Javier Bardem in alte Monsterrollen. Fast alle ikonischen Figuren des Universal Horror sollen neu auferstehen, wurde unlängst verkündet. „Das wird Boris Karloff und Bela Lugosi in ihren Gräbern rotieren lassen“, meint mein Freund R. seufzend. „Aber“, taucht ein Lächeln auf seinem Gesicht auf, „man sollte den Fluch nicht unterschätzen.“

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