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Plakat - Justice for Grenfell

Chris J Ratcliffe / AFP

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„London wird sich ändern müssen“

Der Brand des Grenfell Tower markiert den Punkt, wo die soziale Ungleichheit in der teuersten Stadt der Welt die Grenzen des Erträglichen überschritten hat.

Von Robert Rotifer

Mir ist bewusst, dass der Brand im Grenfell Tower in London bei euch in Österreich schon wieder aus den Schlagzeilen rutscht. Die Ursachen sind analysiert, die Betroffenheit wurde geäußert, Expert_innen haben bescheinigt, dass sowas „bei uns“ nie passieren könnte.

Hier drüben ist die Sache aber noch lange nicht vorbei, ganz im Gegenteil. Die skandalösen Hintergründe schreien schließlich nach Konsequenzen. Schon in den Stunden nach dem Ausbrechen des Brandes kamen die Blogs der Anrainerinitiative Grenfell Action Group ans Licht, die schon vor Jahren vor einer kommenden Katastrophe gewarnt hatte.

Aber es war ihnen wohl allen einfach schnurz gewesen:

  • der für die kosmetische Renovierung des Turms zuständigen, in den Neunzigerjahren von der Gemeinde ausgegliederten KCTMO (Kensington & Chelsea Tenement Management Organisation), die eine von 90 Prozent der Bewohner_innen unterschriebene Petition zu den gefährlichen Mängeln des Gebäudes einfach ignorierte
  • der Gemeindeverwaltung von Kensington und Chelsea selbst, die Hunderte Millionen Pfund an Reserven anhäufte, um vor den Wahlen Gemeindesteuerzahler mit Rabatten zu bestechen, während sie ihre Sozialleistungen aufs Minimum zurechtkürzte
  • dem Minister for Housing and Planning, Brandon Lewis, der 2014 aktiv gegen den Einbau von Sprinkler-Systemen eintrat, weil er behauptete, dass solche Vorschriften die Baubranche vom Häuserbauen abschrecken könnten
  • oder der konservativen Parlamentsmehrheit, die 2015 und 2016 gegen einen Antrag von Labour stimmte, menschenwürdige Standards in Mietwohnungen gesetzlich zu verankern (wie ein Channel-Four-Faktencheck klarstellt, hätte sich auch Labours Antrag übrigens nur auf Privat-, nicht Sozialwohnungen bezogen).

Einige haben schon geschrieben, dieses Desaster sei Theresa Mays Katrina moment, vergleichbar mit der Situation von George W Bush, der 2005 nach dem Hurrikan, der New Orleans verwüstete, so unfähig schien, Empathie für die in Armut lebenden Menschen in seinem Land zu zeigen, geschweige denn durch Taten zu beweisen.

Stimmt schon, Theresa Mays erster Besuch am Ort des Desasters am Donnerstag, bei dem sie sich von der Menge abschirmen und nachher ihre Presseabteilung erklären ließ, sie sei bloß privat da gewesen, war schlicht beschämend. Noch unfassbarer ihre gestrige Idee, eine örtliche Kirche zu besuchen und dann zur Vermeidung der demonstrierenden Menge durch die Seitentür direkt in ein gepanzertes Vehikel zu steigen. Schnurstracks fuhr sie in die BBC, um sich dort mit einem seelenlos steifen Fernsehinterview eine noch tiefere Grube zu graben.

Protest-/Gedenkmarsch vor ausgebranntem Hochhaus

Tolga AKMEN / AFP

Ich würde nicht empfehlen, sieben Minuten eurer Lebenszeit darauf zu verschwenden, aber nach ungefähr einer Minute beschreibt May eine Frau, die nur in T-Shirt und Unterhosen aus dem brennenden Haus gelaufen sei: „Und deswegen stellt die Regierung diese Mittel zur Verfügung...“ Sie sagt das, als wäre sie immer noch im Wahlkampf. Als sei es das Verhängnis der Frau in T-Shirt und Unterhosen, das May nun zu einer Geste der mitfühlenden Großzügigkeit inspiriert habe. Während ich dies hier schreibe, lese ich, dass sie heute Betroffene zu sich in die Downing Street auf Besuch kommen lassen wird. Was nach ihrer Weigerung, mit den Leuten an Ort und Stelle zu reden, natürlich erst recht als Herablassung erscheinen muss. Seit dem öffentlichen Zusammenbruch ihrer Wahlkampagne ist die Premierministerin geradezu gelähmt vor Verunsicherung, und wann immer sie den Mund aufmacht, trifft sie den falschen Ton.

Und dennoch reicht dieses Unrechtsgefühl, das da gerade in London zum Ausdruck zu kommen beginnt, wesentlich tiefer als die Kritik an einer Person oder gar einer Regierung. Hier geht es vielmehr um das Selbstverständnis eines Landes, das in seiner Geschichte einst nicht nur den rabiaten Kapitalismus, sondern auch den Welfare State erfand. Wo in den letzten drei Jahrzehnten das Dogma der Deregulierung den Diskurs dominierte, verstellt der immer noch glosende Grenfell Tower jetzt wie ein furchtbares Mahnmal den Horizont.

Wer das partout nicht sehen will, meint, man solle dieses Unglück nicht politisieren. Aber wie zur Hölle kann so etwas in der teuersten Stadt der Welt passieren, wenn da nicht von Grund auf was gehörig falsch liefe?

Als die Labour Party bei der Unterhauswahl letzte Woche mit 20 Stimmen Vorsprung den seit Menschengedenken konservativen Parlamentssitz von Kensington errang, faselten viele von einer verkehrten Welt. Dabei muss jede_r, der oder die je mit offenen Augen durch diesen Stadtteil gegangen ist, die obszönen Widersprüche zwischen Arm und Reich gesehen haben. Zwischen dem Norden der Borough mit ihren desolaten Sozialbauten und den mit Swimming Pools und Heimkinos im Keller ausgestatteten viktorianischen Residenzen von South Kensington. Zur Illustration: Um den diese Woche von der Regierung an die Gemeinde ausgezahlten Notfallszuschuss für die Versorgung der Hunderten Opfer des Brandes in der Höhe von fünf Millionen Pfund, ließen sich in der unmittelbaren Nachbarschaft gerade einmal anderthalb Einfamilienhäuser kaufen.

Kein Ort in Großbritannien bietet ein derart schockierendes Beispiel der völlig außer erträglicher Proportion geratenen sozialen Gegensätze wie die Royal Borough of Kensington. Jene Leute aus der Nachbarschaft, die gestern vorübergehend in das Bürogebäude der Gemeindeverwaltung eindrangen, sind täglich damit konfrontiert. Sie wissen auch, dass der britische Staat für die kommende Renovierung des Buckingham Palace, der Residenz jener Königin, deren offizieller Geburtstag heute mit der Parade Trooping The Colour in Prunk und Pomp begangen wird, mit einer Summe von 420 Millionen Euro aufkommen wird, während die KCTMO die billigere, brennbare Variante für die Außenverkleidung des Grenfell Tower wählte, um sich damit ingesamt 5.700 Euro zu ersparen. Sie alle haben Theresa May im Wahlkampf immer wieder sagen gehört, dass es keinen Zauberbaum gäbe, auf dem das Geld wächst. Allzu viele von ihnen haben nun freilich wesentlich größere private und persönliche als politische Sorgen. Die schiere Trauer wiegt weit schwerer als ihr Zorn, aber das muss nicht so bleiben. Schon gar nicht, wenn jene Gemeindeverwaltung und jene Regierung, die sie so lange ignoriert haben, sie selbst nach dieser Katastrophe noch im Stich lassen.

Protestmarsch mit Schild "Greed Kills"

Tolga AKMEN / AFP

Anstatt aus zweiter Hand vom Leiden der Hinterbliebenen zu berichten, denen scheinbar niemand psychologische oder sonstige Betreuung anbietet, und denen keine Behörde hilft, in den Spitälern Londons ihre vermissten Freunde und Verwandten zu finden, beende ich diesen Blog am Besten mit den Schilderungen einer Bekannten, die am Tag nach dem Brand vor Ort Hilfe leistete:

„Ich ging am Donnerstagvormittag hin, nachdem ich einen Aufruf im Radio hörte, dass die Community Centres nach Freiwilligen suchten, die helfen konnten. Alles dort wurde von Menschen aus der Nachbarschaft und Freiwilligen wie mir erledigt, niemand von der Gemeinde oder irgendeinem Amt war da, der irgendwas getan hätte, um diese Arbeit zu koordinieren, alles war improvisiert. Ich sah Tische auf der Straße, auf denen sich Essen stapelte mit handgeschriebenen Schildern: ‚Nehmt, was ihr braucht.‘ Mit Dutzenden anderen Helfer_innen wühlte ich mich in einem Parkplatz unter dem Westway durch Säcke gespendeter Kleidung. Es fehlten ganz einfache Dinge wie Pappschachteln oder Paketband, niemand hatte die Übersicht, und ich half aus, so gut ich kann. Die Großzügigkeit der Leute ist wunderbar, aber ich weiß nicht, wie all das Zeug an die Leute gelangt, die es brauchen, weil es da keine Koordination gibt. Der Ruf nach einem Lagerraum kam auf, aber das ist etwas, das die Gemeindeverwaltung tun sollte. Angeblich fließt an die auch das Geld, das auf diversen Online-Plattformen gespendet wird, aber warum? Es ist doch offensichtlich, dass die Leute vom Council bloß arrogant und nachlässig sind."

„In Interviews mit den Medien geht es ihnen nur darum, sich selbst aus der Affäre zu ziehen.“

"Da wäre es schon besser gleich zu einer der Kirchen in der Gegend zu gehen und den Leuten Bargeld aus der eigenen Brieftasche in die Hand zu geben. Während wir damit beschäftigt waren, Schachteln zu füllen, wurden wir von verschiedenen Fernseh-Crews und Schaulustigen durch den Gitterzaun gefilmt. Einer der Typen aus der Gegend rastete aus, er schrie: ‚Ihr bringt nichts zu essen, kein Wasser, keine Kleidung, alles, was ihr mitbringt, sind Kameras.‘ Der Zorn war schon am Brodeln, und es wundert mich nicht, dass er sich in Straßenprotesten äußert. Die Leute haben einfach genug. Am Weg zurück ekelte mir, als ich Tourist_innen auf dem Bahnsteig der Latimer Road Underground-Station sah, die voneinander Bilder mit dem rauchenden Turm im Hinterground machten, in dem immer noch die Leichen toter Familien herumliegen. London wird sich jetzt ändern müssen. Das ist eine Stadt, wo Leute leben, nicht ein Themenpark für kranke Voyeur_innen und die selbstsüchtigen Reichen.“

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