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Screenshots aus "Dil Leyla"

Essence Films

Was ist mit Leyla Imret passiert?

Mit 26 war Leyla Imret die jüngste Bürgermeisterin in der Türkei. Die Doku „Dil Leyla“ erzählt ihre Geschichte und von struktureller Unterdrückung.

Von Maria Motter

Leyla Imret war fünf, als sie ihr Vater aus der Türkei nach Deutschland zu seiner Schwester bringt. Panzer waren gegen das Haus ihrer Familie in der Türkei gefahren, daran kann sie sich noch heute erinnern. Und daran, dass ihr Vater immer wieder zu ihr gesagt hat, dass er nicht einhundert Söhne gegen sie tauschen würde.

In den ersten Minuten des Dokumentarfilms „Dil Leyla“ zeigen die Aufnahmen einer Videokamera das gewalttätige Vorgehen der türkischen Armee. Es ist 1993 und in der Stadt Cizre in der südöstlichen Türkei wurde das kurdische Neujahrsfest gefeiert. Das Bild wackelt, die Aufnahme bricht ab. Dieser Film erzählt die Geschichte von Leyla Imret und er erzählt vom Verhältnis des türkischen Staats zur kurdischen Bevölkerung des Landes.

Leyla Imret wächst nahe Bremen auf. Nach zwei Jahrzehnten in Deutschland entschließt sie sich, in ihr Geburtsland zurückzukehren. Der Vater ist tot, die Mutter schwer gefoltert worden, die Geschwister erwachsen. Mit 26 Jahren tritt Leyla Imret in ihrer Geburtsstadt Cizre bei den türkischen Kommunalwahlen für die „Partei für Frieden und Demokratie“ BDP zur Wahl um das Bürgermeisteramt an und gewinnt mit über 80 Prozent der Stimmen. Was als beeindruckendes Porträt einer Bürgermeisterin beginnt, entwickelt sich zum Polit-Thriller: Der Dokumentarfilm „Dil Leyla“ von Asli Özarslan ist außerordentlich bemerkenswert und unglaublich spannend.

Screenshots aus "Dil Leyla"

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Gemacht hat den Film die 30-jährige deutsche Regisseurin Asli Özarslan, die zuletzt mit „Insel 36“ eine Sudanesin in Berlin porträtierte und mit ihr, ganz ohne zusätzlichen Kommentar, ein Bild eines von AsylwerberInnen errichteten Protestcamps gezeichnet hat. Auch in ihrem neuen Film verzichtet Asli Özarslan auf zusätzlichen Kommentar. Die Geschichten, die sie aufgreift, sind heftig genug. Das Jahr 2015 hindurch begleitet sie Leyla Imret mit der Kamera, zuhause in den Wohnungen ihrer Familie in Deutschland und in der Türkei und in ihrem Amtszimmer. Es ist Imrets Stimme, die in der Öffentlichkeit stark und entschlossen klingt. Im Privaten muss man sich konzentrieren, um sie zu hören.

Konflikte in den türkischen Kurdengebieten

KurdInnen sind die größte ethnische Minderheit in der Türkei. In Städten im Südosten des Landes kommt es immer wieder zu schweren Auseinandersetzungen zwischen türkischen Sicherheitskräften und kurdischen Kämpfern. Cizre, Leyla Imrets Geburtsstadt, liegt am Fluss Tigris nahe der türkischen Grenze zu Syrien.

Kahle Berge umgeben Cizre, die Siedlungshäuser sind alt und die Kinder spielen auf staubigen Straßen. 15.000 Bäume lässt die Politikerin in Cizre pflanzen. Bei den Parlamentswahlen im Sommer 2015 legt die prokurdische HDP - mit der Imrets Partei BDP fusionierte - enorm zu und erreichte 12,7 Prozent. Es ist der Partei gelungen, über ihre StammwählerInnen hinaus Zuspruch zu gewinnen. Aber die Hoffnung auf Demokratie und Gleichheit in der Türkei wird jäh unterbrochen. In Cizre rollen Panzer. „Ich kann dieses Volk nicht lassen, weil es nicht um mich geht“, sagt Leyla Imret im Film, „Ich fühle mich verantwortlich für diese Menschen“.

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Im Herbst 2015, während Zentraleuropa mit der sogenannten Flüchtlingskrise beschäftigt ist, führt die Türkei Krieg gegen kurdische Städte. Für die Türkei war Imrets liebender Vater ein PKK-Terrorist. Seine Tochter will Frieden und das auf demokratischem Weg. Ihre Mutter war dagegen, dass sie in die Politik geht. In einem Wohnzimmer kauern die Brüder und immer wieder bricht die Skype-Verbindung ab. Als Vice ein Interview veröffentlicht, das Leyla Imret so nicht gegeben haben will, ist sie in akuter Bedrohung.

Der türkische Innenminister wirft ihr das Delikt „Aufwiegelung des Volkes gegen den Staat“ vor und bezieht sich auf ein Zitat aus dem „Vice“-Artikel: "There’s a saying, ‚if there’s peace, it will start from Cizre, and if there’s war, it will start from here as well,‘ the town’s co-mayor Leyla Imret, 28, told VICE News recently. „And we can say we have a civil war in Turkey.“

Seitdem läuft ein Verfahren gegen Imret, sie wiederum klagt gegen die Amtsenthebung. Ihre Familie im deutschen Niedersachsen hat den Kontakt zu Leyla Imret verloren.

Im April erzählt die die österreichische Verleiherin des Films beim Crossing Europe Filmfestival in Linz, dass Leyla Imret lebt. Nähere Umstände sind nicht bekannt, Imret musste untertauchen.

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