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Lorde im Auto

Brendan Walter

Nacht in Neon

Das Leuchten und der Absturz. Das zweite Album von Superstar Lorde gießt das turbulente Leben ins Popformat. Es ist wahr: „Melodrama“.

von Philipp L’heritier

Darauf hat die Welt gewartet. Lorde, der neuseeländische Popstar neuen Stils, hat gerade ihr zweites Album veröffentlicht. Die Frau ist gerade mal 20 Jahre alt und hat auch einen bürgerlichen Namen, der aber niemanden mehr interessieren muss.

Lorde ist 2013 mit ihrem Debütalbum „Pure Heroine“ eine Platte geglückt, die hochpolierten, elektronisch betriebenen Pop-Hochleistungssport durch die Linse des ernstzunehmenden, coolen Künstlerindividuums filtert. Schon noch irgendwie real und anders und im Stande fünf Millionen Tonträger über die Ladentheke zu schicken.

Teenagerliebe und Break-Up, Schulterror und Party. Die komplette Ernstmeinung und die gewitzte Brechung und Hinterfragung der Klischees. Schnell war Lorde als nicht weniger als das Sprachrohr einer Generation, die wir „Millenials“ nennen, auf den Thron gehievt.

This is Melodrama

Die neue Platte heißt „Melodrama“, und dieser Titel stimmt. Er weiß auch, dass in ihm schon die Überzeichnung und Übertreibung drin mitschwingen. Lorde hat die Platte als loses Konzeptalbum angelegt: die vage Nachzeichnung einer Partynacht. Mit all ihren Highs und Lows und all den blöden Gedanken und Gefühlen, die man in diversen Zuständen so haben kann.

Albumcover

Universal Music

Auch in musikalischer Hinsicht ist die Platte turbulent gestaltet, von der Piano-Ballade über Weichspül-EDM zu Fake-Disco ist alles drin. Im Segment „Pop“ wird man heuer kaum eine interessantere Platte hören als „Melodrama“ – die ausgestellte Finesse und das Kalkül sind dabei oft auch der Schaden des Albums.

Popfabrik

Ihr erstes Album hat Lorde mit Produzenten und Songwriter Joel Little aufgenommen, der beispielsweise auch für Ellie Goulding und Sam Smith gearbeitet hat, bei „Melodrama“ war jetzt durchgehend der aktuell hoch im Kurs stehende Jack Antonoff Hauptpartner. Den wiederum kennt man von seinen Projekten fun. und Bleachers und seinen Beiträge zu Stücken von Taylor Swift oder Charli XCX.

Dazu kommt kurze, punktuelle Unterstützung von Leuten wie Andrew Wyatt von Miike Snow, dem jungen australischen Emo-Elektroniker Flume oder Jean-Benoit Dunckel von den geschmackvollen französischen Salon-Löwen von Air.

Ein ordentliches Arsenal an Pop-Power, dennoch lebt diese Platte, die chaotisch ist und überschäumt, von der Intimität, vom Zoom ins Innere einer Person, die den Wahnsinn spürbar zusammenhält und dirigiert. „Melodrama“ ist der Größenwahn von Kanye Wests „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“, eingedampft und konzentriert, 11 Songs in rund 40 Minuten.

Ich habe Stimmen gehört

Das erste was auf „Melodrama“ überdeutlich zu hören ist, ist ein Atmen von Lorde, im Stück „Green Light“, fast schon ein Seufzen. Ich bin hier, ein Mensch, ich bin ich, es geht los.

Lorde im Schwimmbecken

Universal Music

Eine Stärke von „Melodrama“ ist freilich Lordes - nichts anderes als virtuoser - Umgang mit ihrem Instrument. Die Phrasierung, die dynamische Lautverschiebung, die fließenden Übergänge in ihrer Stimme, von betrübtem Singer/Songwritertum über Dancefloor-Queen hin zu HipHop-Singsang, sind auf der Höhe der Kunst.

In dieser Hinsicht ist die zweite Strophe im Stück „Liability“ – insgesamt ein Highlight der Platte – eine der schönsten Passagen des Jahres. Ein Gleiten, eine elegantes Stolpern und Zerbrechen.

„Liability“, das heißt so viel wie „Bürde“ oder „Belastung“ – Lorde stellt sich hier als diese „liability“ aus: „I’m a little much for everyone“. Sie ironisiert und dreht diese Position aber auch.

So funktioniert die ganze Platte. „Melodrama“ arbeitet mit Perspektivenwechseln und Verschiebungen, mit Lügen, Selbsttäuschung und Behauptungen: "I’ll give you my best side, tell you all my best lies”, heißt es im Stück „Homemade Dynamite“. Jeder ist der Leidende und Getretene und der Schwindler und das Arschloch.

A Little Much For Everyone

Lordes stimmliche Tricks und Ticks, die Pausen, die quecksilbrige Souveränität und die artifizielle Mühelosigkeit sind dabei oft auch zu eitel ins Spotlight gerückt. Hier wird viel gewollt und gekonnt.

Ebenso in musikalischer Hinsicht: Antonoff und Lorde haben das alles so schlau gebaut und geschnitzt, aus allen Trends sauber gezogen, dann ein bisschen verbogen und die erwartete unerwartete Wendung eingebaut, wissend wie ein Popsong geht. Es ist ärgerlich, wie sehr sie es wissen.

Da ist der Song „Supercut“, der die Ekstase und Raserei einer waghalsigen Liebschaft thematisiert: “Slow motion, I’m watching our love. I’ll be your quiet afternoon crush. Be your violent overnight rush. Make you crazy over my touch.”

Dazu läuft Umkleidekabinen-House, der die rettungslose Euphorie transportieren will: „We were young and fluorescent.“ Gutes Bild, dieses Lied wird Werbespots vertonen, in denen junge, hübsche Menschen in Cabrios an Küstenstraßen entlangcruisen, die Arme in die Luft gereckt. Später machen sie Polaroidfotos.

Das gute, wilde Leben

Im Abschluss-Song der Platte kommt alles perfekt zusammen. Überschwang und die leise Trauer, Zweifel und strahlender Optimismus. Synthesizerglühen und Glanz, eine kleine Klaviermelodie, pointiert gesetztes Chaka-Chaka-Chaka, ein Glöckchenklang, ein Beat. „Perfect Places“. Ein Text: „All of the things we’re taking /’Cause we are young and we’re ashamed /Send us to perfect places“. Wer möchte es nicht hören?

Manchmal ist es schön, manchmal ist es nicht so schön. Manchmal ist man gut, manchmal ist man übel. „Melodrama“ von Lorde weiß das und dokumentiert die Wirrungen in Perfektion. Auch das weiß die Platte.

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