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FM4 Schnitzelbeats: „Gut Lack“

Austropop-Star Wilfried ist am 16. Juli im Alter von 67 Jahren seinem Krebsleiden erlegen. Al Bird Sputnik hat ihn für die FM4 Schnitzelbeats wenige Wochen vor seinem Tod - anlässlich seines neuen Albums „Gut Lack“ - zum Interview getroffen.

Von Al Bird Sputnik

Popstar Wilfried hat im Juni 2017 ein vielschichtiges, äußerst bewegendes Album veröffentlicht. Ein idealer Anlass, den Musiker und Schauspieler zu einem Gespräch über seine ereignisreiche Karriere zu treffen.

Ich bin mit Wilfried in Pressbaum verabredet. Da ich mit dem Zug angereist bin, werde ich von einem Freund der Familie Scheutz mit dem Auto vom Bahnhof abgeholt. Wilfried sitzt am Beifahrersitz. Auf dem Weg zum Haus plaudern wir über die neue Platte und machen Witze über die Rolling Stones. Es ist ein lauer Frühlingsmorgen, die Stimmung ist entspannt. Ganz beiläufig erwähnt Wilfried die “Viecher in seinem Kopf”. Gemeint sind Metastasen, die sich im Zuge einer Krebserkrankung gebildet haben. Nach einer überstandenen Gehirnoperation wird er medizinisch behandelt, der Verlauf ist weiterhin kritisch.

FM4 Schnitzelbeats - Wilfried Special

Unser Interview führen wir im schattigen Wohnzimmer des Hauses, das schlicht und unprätentiös eingerichtet ist: Ein Kamin, ein großer Holztisch, in den Regalen stapeln sich Bücher, Platten und CDs. Während des Gesprächs legen wir Pausen ein, bei denen er Kraft schöpft. Dennoch wirkt Wilfried in keinem Moment müde. Viel eher erweist er sich als äußerst ausgeschlafener Interviewpartner: Zu jedem Stichwort, das ich notiert habe, kommt eine gute Geschichte. Der Mann hat viel erlebt.

Wir sprechen über die heimischen Beat-Bands der 1960er-Jahre, seine Liebe zu Volksmusik, die Disco-Ära, die Erste Allgemeine Verunsicherung, Punk in Wien, den Song Contest 1988, das neue Album und die Zusammenarbeit mit seinem Sohn Hanibal.

Wilfried Scheutz

Privatarchiv Wilfried Scheutz

Wilfried, Danke für Deine Zeit! Fangen wir doch chronologisch an: Wie verlief denn deine erste Begegnung mit zeitgenössischer Musik?

Davon abgesehen, dass ich aus einer musikalischen Familie komme und Musik sowieso meine Grundnahrung war, schon von meinem Großvater und meiner Mutter her, war der Ausgangspunkt folgende Geschichte: Zwischen Goisern und Bad Ischl ist ein Pufferort namens Laufen und dort gab’s ein Heim für Austauschschüler, wo im Sommer immer englische Schulklassen untergebracht waren. Dort habe ich mit dem Rad kleine Touren gemacht und dabei ein 13-jähriges englisches Mädchen kennengelernt. Sie war ungefähr in meinem Alter. Die ersten Kontakte mit dem anderen Geschlecht, Blickkontakt, das Übliche.

Ich habe sie angequatscht. Und um mich zu belohnen für meine Aufmerksamkeit, hat sie mir ein kleines Sammel-Bildchen geschenkt, ein Bildchen von Ringo Starr. Ich habe damals schon aus dem Radio gewusst, dass es da eine Band in England namens Beatles gibt. Als wir uns das nächste Mal getroffen haben, hat sie mir vier weitere Sammel-Bildchen geschenkt. Wie Heiligenbilder, nur eben mit britischen Musikern und Autogrammen drauf. Ich habe sofort überrissen, dass das ein großes Opfer für sie war. Ein Zeichen von Wertschätzung und das habe ich dann jahrelang mit mir herumgetragen. Dadurch war ich quasi im Club. Es ging los mit den Beatles und dann auch schon mit ihren Konkurrenten, den Rolling Stones. Die erste Nummer, die ich auf der Gitarre spielen konnte, war „Time is on my side“.

Du hast bereits den Stellenwert von Musik in Deiner Familie angesprochen: Dein Großvater leitete in Goisern eine Volksmusik-Kapelle, Deine Mutter besaß ein Wirtshaus...

Ja, und noch was: Meine Mutter hat sich eine Musicbox gekauft, eine AMI 2000. Das war quasi die neuere Version von der Wurlitzer und ich durfte diese Musicbox bestücken. Ich habe natürlich die ganze neue Musik dort eine’pockt. Also ich glaub die erste volkstümlich Nummer ist erst nach drei Jahren gekommen. Vorher waren die Beatles bis Jethro Tull drin. Und dann in weiterer Folge Deep Purple und Bands, die Hardrock-Ansätze hatten, wie Free mit „Alright Now“. Das ist den ganzen Tag g’rennt.

Wilfried Scheutz

Privatarchiv Wilfried Scheutz

Deine erste Band trug den Namen The Provos, in der Du in den Jahren 1964 bis 1969 Gitarre gespielt und gesungen hast. Eine klassischen Beat-Tanzband. Welche Erinnerungen hast Du an diese Zeit?

Der Ausgangspunkt war Ebensee, Bad Goisern. Zuerst waren wir zu dritt, zwei Goiserer und ein Bad Ischler und dazu kamen dann auch ein Schlagzeuger und ein Bassist aus Ebensee. Wir vier waren die Provos und haben dann noch einmal ein Mitglied ausgewechselt. Die Band gab’s bis zu meinem 19. Geburtstag. Nach der Matura bin ich dann nach Graz gegangen, um Sprachen zu studieren. Aber meine Lebenszeit vom 15. bis zum 19. Geburtstag habe ich an Wochenenden immer in Tanzlokalen verbracht.

Man kennt Dich als stimmgewaltigen Sänger. Hattest Du in Deiner Jugend auch Ambitionen als Instrumentalist?

Ich habe ein bisschen Gitarre gelernt, war aber nie ein großer Über. Und ich habe auch nie richtig Gitarre spielen gelernt, weil ich immer mit Musikern gearbeitet habe, die das wirklich konnten. Ich hatte außerdem von Anfang an eine Ehrfurcht vor richtiger Instrument-Beherrschung und habe sehr früh überrissen, dass, selbst wenn man es sehr individuell, im Keith-Richards-Stil spielt, also kein Virtuose, sondern ein ursprünglicher, fast volksmusikartiger Rockgitarrist ist, dass man sich trotzdem wirklich mit dem Instrument beschäftigen muss. Auch der Keith Richards spielt nur vor, dass er nicht Gitarre spielen kann. In Wirklichkeit hat er seinen Schmäh perfektioniert. Das ist eine ganz eigene Welt, wie er spielt. Das ist ein Gitarrist. Ich war nie einer. Und ich habe dann relativ früh begonnen, zu singen.

Was waren damals Deine musikalischen Einflüsse?

Mit den Provos habe ich Kommerz gespielt, aber der Kommerz damals war nicht diese Musik, die heute Kommerz ist. Das war nicht Helene-Fischer-like oder volkstümliche Trottelmusik, sondern alles Rockmusik. Rock und Soul. Dadurch habe ich sängerisch eine ziemlich gute Ausbildung gekriegt, weil wir ja zuerst einmal diese ganzen Dinge nachgemacht haben: Die Soul-Balladen, Beatles, Stones. Ich bin schon damals als 14-jähriger von einer leichten Querulanz gewesen - das lernt man sich ja nicht an, das ist man einfach - und ich bin immer auf Bands gestanden, auf die die anderen nicht gestanden sind.

Also meine erste Lieblingsband waren nicht die Beatles, sondern die Easybeats. Also quasi die Großonkel von AC/DC. Dann in weiter Folge The Move aus England, die wiederum die Vorläufer vom Electric Light Orchestra sind. Mich haben innovative Leute interessiert, die neue Dinge probiert haben. Und sehr früh habe ich überrissen, dass der wirklich gute Blues und Soul, nicht aus England kommt sondern einfach von dort, wo er herkommt. Also aus den USA und je tiefer und je weiter im Süden, desto besser.

Du bist 1970 nach Graz gezogen und hast als Bassist bei der Bluesrock-Formation Moses die vitale Underground-Szene der Stadt erlebt. Welche Erinnerungen hast Du an Graz jener Tage?

Das war das Paradies. Wien hat sich ja erst viel später emanzipiert. Und das hatte einen Grund: In Graz gab es die Jazz-Akademie und zwar sehr lang bevor es in Wien eine gab. Es haben Deutsche, Franzosen, Schweizer, Wiener dort studiert. Das ist alles in Graz zusammengelaufen.

FM4 Schnitzelbeats- Gut Lack

Atom

Im Jahr 1971 bist Du als Lead-Sänger bei Hide & Seek eingestiegen. Die Band hatte damals ja schon einen Plattenvertrag beim Majorlabel Amadeo und war eine der bekanntesten Gruppen des Landes. Ist Dir da nicht das Schlottern gekommen?

Es war eine große Angelegenheit aber ich hab’s nicht registriert. Ich bin ja erst zum Studium nach Graz gekommen und habe die Vorgeschichte von Hide & Seek nicht wirklich gekannt. Ich habe mitgekriegt, aha, das ist die angesagte Band, aber ich war damals schon drei, vier Jahre auf der Bühne und hatte schon ein Selbstbewusstsein, dass mir erlaubt hat, das einfach zu machen. Hide & Seek spielte damals in einer Vierer-Besetzung, die stark in Richtung des aufkeimeinden englischen Hardrocks ging. So eine Mischung aus Black Sabbath, Deep Purple und Free. In diese Richtung. Das war eine wirklich gute Band.

Nach einer 7“-Veröffentlichung mit Hide & Seek (“Mexican Desert / Sad Song”), bist Du bei einem landesweit übertragenen ORF-TV-Talentwettbewerb aufgetreten und hattest dort großen Erfolg mit der Eigenkomposition „Mary, oh Mary“. Was hat Dich denn ursprünglich zur Teilnahme bewogen?

Hide & Seek wollten meine Kompositionen nicht, weil ich ja als Sänger in die Band eingestiegen bin. Ich habe mir gedacht, ja, wenn die meine Songs nicht wollen, dann nehm’ ich sie selber auf und habe die Demos zu diesem ORF-Casting-Nachwuchswettbewerb eingeschickt. „Show-Chance“ hieß das. Und ich wurde genommen. Mein Betreuer von Seiten des ORF war der Direktor der Grazer Jazz-Akademie, Professor Harald Neuwirth. Mit ihm zusammen habe ich „Mary, Oh Mary“ produziert, was ein Batz’n-Anfangserfolg war. Dieter Dorner, der spätere Ö3-Chef saß in der Jury. Und auch Evamaria Kaiser, eine gewöhnungsbedürftige, weil wahnsinnig resolute Frau. Aber aus heutiger Sicht hat sie das Ganze durchgeboxt. Sie hat die “Show-Chance” gemacht und auch geschafft, dass im ORF österreichische Künstler gespielt wurden. Das gab’s vorher nicht.

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Atom

„Mary, oh Mary“ ist gewissermaßen die Blaupause für die Verflechtung von heimischer Rockmusik mit Volksmusik. Ein Sound, mit dem Du letztlich bekannt geworden bist. Welche Motivation stand hinter diesem Experiment?

Also ich hab mich immer informiert, was es stilistisch alles gibt und bin relativ bald auf diese Volksmusik-Connection gekommen: Wenn die Engländer ihre Volksmusik verwenden in der Rockmusik, kann ich das auch machen. Und die Franzosen, Alan Stivell damals, die Italiener sowieso, haben immer ihre Volksmusik in der Rockmusik verwendet. Ich habe dann beschlossen, das in Österreich zu machen und hab einfach Gstanzl ins Englische übersetzt. Die erste Nummer, die ich auf Platte rausgebracht habe, war „Mary, oh Mary“, und das war gleich dreimal Nummer eins in der Ö3-Hitparade. Weil es etwas Neues war. Das haben wir eingespielt mit der ORF Big Band und das war ein richtig fetter, ganz ein neuer Sound damals.

Der Jugendradiosender Ö3 hat auch Deine kommenden Produktionen in die Heavy Rotation übernommen, unter anderem „Ziwui Ziwui“ im Jahr 1973, einen weiteren beachtlichen Verkaufserfolg. Der Brückenschlag zwischen zeitgenössischer Rockmusik und traditioneller Folklore war hier sogar noch ausgefeilter als bei „Mary, oh Mary“: Pate für den Refrain stand ein Tiroler Vogelfängerlied, die Songtexte waren in Mundart verfasst. Hast Du diese Pionierarbeit ganz bewusst gemacht?

Ja, Volksmusik zu verwenden in der Rockmusik ist ein ganz normaler Vorgang, weil das ist deine Musik, und zwar die einzige, die du hast. Und das andere, das kann man nicht ausgleichen, indem man so tut, als wenn man in Wulkaprodersdorf aus Chicago käme. Das ist einfach lächerlich. Weil wir kommen nicht aus Chicago, sondern aus Wulkaprodersdorf.

Ich habe einen völlig natürlichen Zugang zu Volksmusik und wenn Du mich fragst, was es ist, dass mich musikalisch rührt, sage ich Dir – lang, bevor irgendwas anderes kommt: Wenn ich einen Geigenjodler hör’, brech’ ich übergangslos vor Dir zusammen und es haut mich auf die Erd’. Weil ein Geigenjodler ist durch nichts zu toppen. Das ist die Musik meines Lebens. Und wenn ich das hör’, dann bin das ich. Und das kann man mir nicht wegnehmen. Da kann man schreiben, was man will. Diese Art von Pionierarbeit, die war mir schon immer wichtig, weil ich irgendwann überrissen habe, diese Pionierarbeit gehört gemacht. Und ich habe sie gemacht. Und das freut mich.

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Atom

Wie waren damals die Reaktionen?

Nicht wahnsinnig gut. Als dann Jahre später der Hubert von Goisern kam und die verschiedenen anderen Volksmusik/Rockmusik-Kombinate, war das bereits angesagt, da gab’s bereits ein Bewusstsein für world music, wenn man das so nennen will. Ich musste mich aber noch gegen Anfeindungen wehren, weil damals auch der „Musikantenstadl“ und diese Dinge begonnen haben.

Was ich der Wiener Medienlandschaft übel nehme, ist, dass sie bis heute den Unterschied zwischen Trottel-„Musikantenstadl“-Musik und richtiger Volksmusik nicht kennt. Sie hören eine Ziehharmonika und verwurschten das alles. Sie setzen auch Lederhose mit reaktionär gleich. Ich komm’ aus einem Eck, in dem die Lederhose ein schönes Kleidungsstück ist. Und die können gar nicht so viel über Nazis in Lederhosen schreiben, dass die Lederhose nicht die schönste Hose meines Lebens ist. Verstehst Du?

Nach Deinem Debut-Album „The Crazy Baby“ musstest Du 1974 aus gesundheitlichen Gründen pausieren, da Deine Stimmbänder angeschlagen waren. Was war passiert?

Ja, weil ich ohne Technik den Brüllaffen gemacht hab. Ich habe gedacht, ich kann über die ganze Anlage d’rüberschreien und habe das auch dauernd gemacht. Ich war ein richtiger Kraftlack’l, nicht nur körperlich. Ich habe gedacht, ich reiß’ die Welt nieder. Und da habe ich dann Stimmbandknötchen gekriegt, was heute eine Reparatur im Hals-Nasen-Ohren-Bereich von einem Tag bedeuten würde. Das wird jetzt einfach weggelasert. Aber damals war’s eine Sache, die mich zwei Jahre außer Gefecht gesetzt hat, weil man es mit einer Mini-Schere von außen bei örtlicher Betäubung “wegschnipseln” musste. Das war schrecklich. Die Wunde ist langsam verheilt und ich musste zwei Monate den Mund halten, damit das nicht wieder aufbricht. Es war furchtbar. Das hat mich aber andererseits dazu gebracht, dass ich eine Stimmausbildung gemacht habe und das hat mir die weitere Singtätigkeit gerettet. Damals habe ich eine Technik gelernt und das hätt’ ich vielleicht nicht, wenn ich diese Reparatur nicht gehabt hätte.

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Theater an der Wien

Du hast dann vermehrt damit begonnen, in Theaterstücken und Musicals mitzuwirken, etwa in der Produktion „Mayflower“ (1977) im Theater an der Wien. Danach hast Du die Hauptrolle in einem Rock-Cabaret namens „Uschi im Glück“ (1978) übernommen, das - wie man im Nachinein weiss - die Geburtsstunde der Ersten Allgemeine Verunsicherung darstellt. Kannst Du uns die Entstehungsgeschichte dazu erzählen?

Ich habe bei „Mayflower“ gespielt im Theater an der Wien. Dort gab es einen Choreograpie-Assistenten, der einen Kulturaustausch im Iran vorbereitet hat. Sie wollten die „West Side Story“ an der Oper in Teheran aufführen. Und ich hätte den Polizeioffizier gespielt. Mit einer eigenen Solonummer, was bei so einer großen Produktion tatsächlich eine Rolle spielt. Ich wurde dafür engagiert: Es war alles ausgemacht, die Gage besprochen, es gab auch einen Vorvertrag. Und dann war „Mayflower“ vorbei und noch zwei Monate zwischen den beiden Produktionen. Und in diesen zwei Monaten habe ich im Zug den Thomas Spitzer getroffen und er hat mir sein Projekt „Erste Allgemeine Verunsicherung“ vorgestellt. Er hat damals gesagt: „Du hast ein bissl Theatererfahrung. Möchtest du nicht bei uns die Hauptrolle spielen“? Ich habe erwidert: „Das kann ich nicht, weil ich jetzt nach Teheran fahre“. Das ist aber nichts geworden, weil der Khomeini in Teheran einmarschiert ist in diesem Jahr. Dadurch ist mir ein halbes Jahr Arbeit weggefallen. Daraufhin habe ich den Spitzer angerufen und habe gesagt, „Ich habe Zeit, ich mach die Erste Allgmeine Verunsicherung mit dir“.

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EMI Columbia

Dann haben wir uns in ihrer Wohngemeinschaft in der Otto-Bauer-Gasse getroffen. Fünf oder sechs Leute haben dort gewohnt, unter anderem meine jetzige Frau Marina, die Mutter vom Hanibal, mit der ich jetzt noch immer verheiratet bin... Ich habe diese Hauptrolle übernommen und habe mit der Band ein Tanztraining absolviert. Wir haben versucht, uns fit zu machen für diese EAV-Produktion. Dann haben wir dieses Stück das erste Mal aufgeführt im Schauspielhaus in der Porzellangasse. Es war anfangs ein Total-Flop: Das wollte kein Mensch haben. Es war auch zu teuer, weil wir zwanzig Leute waren, also fünf hinter der Bühne und fünfzehn auf der Bühne. Das war ein riesiges Rocktheater, ohne Kohle. (lacht.)

Ich glaub’, ich habe nach zweijähriger Arbeit als Hauptdarsteller 200 Mark ausgezahlt bekommen. Der Rest ist in die Anlage gegangen. Aber ich habe mich immer gern auf solche Dinge eingelassen. Wenn mich etwas interessiert hat, habe ich sowas immer gemacht.

Dann wollten wir davon eine Platte machen, aber die Plattenfirma hat gesagt: “Du hast bei uns einen Vertrag. Wir wollen nicht die EAV, das interessiert niemanden. Schon der Name ist völlig... Wer soll sich das merken: ‘Erste Allgemeine Verunsicherung’"? Solche Argumente kamen, so wie immer. Und dann hat mir der Chef (Anm.: von EMI Columbia) vorgeschlagen, dass wir das Projekt unter meinen Plattenvertrag produzieren könnten. Und das haben wir dann gemacht mit einem Minimalbudget. Das hört man leider auch. Aber die Songs sind so großartig, dass ich finde, dass man das trotzdem im Schrank stehen haben muss. Und jetzt gibt es die Platte ja auf CD und als Vinyl-LP. Also das freut mich schon, dass das endlich erschienen ist im Vorjahr.

(Anm.: Das Re-Issue der mittlerweile äußerst wertvollen LP „1. Allgemeine Verunsicherung“ erschien 2016 bei Universal Music.)

FM4 Schnitzelbeats- Gut Lack

EMI Columbia

Deine nächste LP „Nights in the city“ (1979) hat dann die aufkeimende Disco-Welle reflektiert. Produziert wurde es in München vom ehemaligen Acid-Organist Robert Ponger, der später auch die ersten Falco-Alben aufgenommen hat. Mit dem Titeltrack „Nights in the city“ und der Nummer „Johnny’s Diskothek“ standest Du schlagartig wieder im Rampenlicht. Ein erfolgreiches Comeback mit hoher kommerzieller Verwertbarkeit also. Hast Du gute Erinnerungen an das Projekt?

Nein. Meine einzige große Sünde ist dieses Ponger-Album. Das hat mit mir sehr wenig zu tun und es hat mir auch keinen Spaß gemacht. Die Plattenfirma hat den Auftrag gegeben und ich habe dem nachgegeben. Es hat mich zwar wieder zurück in die Branche gebracht, aber ich habe bis heute keine Freude damit... Meine anderen Alben sind zum Teil Sound-Experimente, aber haben mit meiner Entwicklung zu tun. Das Disko-Album eigentlich nicht. Das bin einfach nicht ich.

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Polydor

Mit anderen Subkulturen hattest Du da schon größere künstlerische Schnittmengen, etwa mit Punk. In Anbetracht Deines Songs „Pink Punk“, scheint das eine regelrechte Love Story gewesen zu sein.

Ja, Punk und New Wave haben mich angehüpft wie ein Tier. Eine Sache, die überfällig war. Die Entwicklung mit diesem Bombast-Rock (Anm.: in den 1970-er Jahren) ist mir irrsinnig auf die Nerven gegangen: Als nur mehr die Bühne gespielt hat mit riesigem Technik-Zirkus und nicht mehr die Musiker. Es musste der Punk kommen, es war eine logische Entwicklung. Und ich habe in Wien dann The Clash gesehen. Bist du deppert, war das gut. Es war zwar irre schlecht als musikalische Darbietung, weil sie natürlich überhaupt nicht spielen konnten, aber so, wie das rüberkam, ... Ich war brain washed, um ein neues Modewort zu verwenden. Es hat mir die Sicherungen durchgeblasen. Und neben mir sind lauter Musikerkollegen gestanden, die gesagt haben: „Was ist denn das für ein Dreck“? Und ich habe mir gedacht: „Kinder, seht ihr nicht die Energie“? Die Energie war unfassbar.

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Atom

Du hast Dich dann auch in der Wiener Punk- und New-Wave-Szene verewigt, indem Du Bands wie die Rucki Zucki Palmencombo und Tom Pettings Hertzattacken produziert hast. Wie verlief denn die Arbeit im Studio?

Wenn Leute Studioarbeit nicht gewohnt sind, dann neigen sie dazu, etwas besonders toll machen zu wollen. Das habe ich noch von mir selber gewusst: Ich war anfangs auch so. Und das darf man natürlich nicht. Man muss es besonders normal machen. Und ich habe dafür gesorgt. Die Techniker, mit denen ich gearbeitet hab, haben auch nie verstanden, was meine Arbeit dabei ist. Meine Arbeit war es, die Leute so zu kitzeln, dass sie das machen, was sie sind, nicht was anderes. Und das ist das Entscheidende beim Produzieren. Ich bin nicht der Meinung, dass man alle Harmonien kennen muss, wenn man Musik produziert. Du musst nur wissen, worum es in dem Projekt geht. Und da ich die Punk-Bewegung interessant fand, als musikalischen Ausdruck, als Kunstbewegung, war das für mich eine Belohnung, dass das zum Teil wirklich funktioniert hat.

Das Experimentieren mit Sounds zieht sich wie ein roter Faden durch Deine Diskographie. In diesem Zusammenhang besonders erwähnenswert ist das Album „Make-Up“ aus dem Jahr 1980, das einmal mehr vielschichtige Einflüsse zusammengeführt hat: Neben Hard Rock und New Wave konnte das Album damals sogar mit einer Reggae-Nummer überraschen. Waren diese Genre-Brüche ein bewusster Aspekt der Konzeption?

Ich bin ein sehr intuitiver Mensch. Und ich habe mich einfach nicht eingeschränkt. Ich habe alles rausgelassen was drin war. Ich bin dann nach Hause gekommen und meine Frau Marina hat gesagt: „Spiel mir vor, die Platte“. Dann hat sie’s angehört und hat gesagt: „Prack“! Es kam über sie, wie eine Lawine. Das Gefühl habe ich heute noch, wenn ich diese Platte höre. Das ist eine großartige Platte. Dazu steh ich 1000-prozentig. „Make Up“ war meine endgültige Emanzipation als Solokünstler.

FM4 Schnitzelbeats- Gut Lack

Electrola

Viele Künstler hätten wohl Angst gehabt, mit dem Wiedererkennungswert ihrer Musik auch ein Publikum zu verlieren. Du hattest damit aber offensichtlich nie ein Problem.

Ich war immer neugierig und habe Sachen in mich einfließen lassen, ich konnte gar nicht anders. Also mein Leben lang dasselbe zu machen, wollte ich nicht. Und wenn’s immer gleich klingt, denk ich mir, gibt’s überhaupt keine Innovation, keine Entwicklung. Das habe ich immer vermieden, weil’s so viele interessante Sachen gibt... Im Herzen bin ich eigentlich ein Jazzer und ein Blues-Sänger. Und Hard Rock gefällt mir sowieso, nicht in seiner dümmsten Variante, aber in seiner guten Variante. Ich bin eine Mischung aus alldem und drunter liegt meine wirkliche Liebe: Die Volksmusik.

In den 1980er-Jahren hast Du beinahe jedes Jahr ein Album veröffentlicht. Dazu regelmässige Tourneen im deutschsprachigen Raum. Ich stelle mir das recht auslaugend vor.

Ja, ja. Ich habe einen gewissen Output gehabt und war damals der Meinung, das muss so sein. Ich habe eine Zeit lang gebraucht, bis ich d’rauf gekommen bin: Wenn ich nur die Hälfte davon gemacht hätte, hät’s auch gereicht. Ich bin aus heutiger Sicht der Meinung, dass wenn einer ein richtiges Buch schreibt, braucht er dazu zwei bis drei Jahre. Also Leute, die alle zehn Monate ein Buch abliefern, schreiben dann auch so. Und bei der Musik ist es ähnlich. Man kann nicht ununterbrochen Platten auswerfen wie ein Karnickel. Ein richtig gutes Album dauert. Du muss was reintun, damit was rauskommt. Und alles andere ist ein Fake. (Lacht.) Original Fake.

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Belaphon

Im Jahr 1988 hast Du Österreich beim Eurovision Song Contest in Dublin vertreten. Dein Beitrag „Lisa Mona Lisa“ landete damals an letzter Stelle. Ich könnte mir vorstellen, dass das eine recht gruselige Erfahrung war. Wie kam es denn überhaupt dazu?

Der ORF hat’s mir vorgeschlagen und ich habe mir gedacht: „Das habe ich noch nicht gemacht und das mach ich jetzt“. Ich muss ehrlich sagen, dass ich damals nicht die besten Entscheidungen getroffen habe. Das Lied finde ich nicht einmal schlecht, aber es war nicht das richtige Lied. Ich war damals auch nicht gut drauf. Also da ist mir schon ziemlich der Saft ausgegangen. Es gab eine Schaffenskrise in meinem Leben und das ist da hineingefallen.

Wir kommen wieder zurück ins Jahr 2017. Vor uns liegt das aktuelle Album „Gut Lack“, das vor wenigen Tagen bei Monkey erschienen ist. Was bedeutet der Albumtitel?

Es gibt einen Song auf dem Album, in dem es heißt: „Des hod an Lack“. Ein Kraftspruch aus meiner Jugend in den 60er-Jahren. Wenn man was beurteilt hat, hat man gesagt: „Also hast Du schon den Film gesehen, diesen neuen Dings-Film? Wow, der hat an Lack“. Damit war gemeint, der ist „wie lackiert“, so großartig glänzend, strahlend. Oder: „Das Moped ist ja hinig, das hat überhaupt kein’ Lack“. Und daraus habe ich einen Song gemacht, der heißt, „Lack“. Und dann ist mir ein kleines Wortspiel eingefallen. Es ist eine Spur kindisch, aber ich bin ein kindischer Mensch: „Good Luck“. Und zwar auf deutsch geschrieben, also alles umgedreht: „Gut Lack“.

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Monkey

Produziert wurde das Werk vom brasilianisch-stämmigen Multi-Instrumentalisten Carlos Barreto-Nespoli und Deinem Sohn Hanibal Scheutz, den man von den 5/8erl in Ehr’n kennt. Kannst Du uns einweihen, wie der Entsehungsprozess verlaufen ist?

Ich habe den beiden meine Texte gegeben und habe mich überhaupt nicht eingemischt. Die zwei haben komponiert. Die Musik kommt komplett von diesen beiden. Einmal hat der eine eine bessere Idee gehabt, einmal der andere. Das ist ein Art Lennon-McCartney-Team. Es gibt einen Song, der ist ein bissl Kinks-lastig, dann gibt’s einen Song der indisch klingt, ein sehr lyrischer Song. Carlos und Hanibal haben mir tolle Vehikel geliefert zu meinen Texten.

Wir haben wirklich nix ausgelassen und es ist trotzdem ganz einfach geworden. Das ist das schönste, dass es einfach ist... Ich hatte früher pausenlos das Gefühl, dass mein Leben zu Ende wäre, wenn ich keine Platten mache. Dann habe ich irrsinnig lang keine gemacht und jetzt habe ich eine gemacht, am Ende meiner Karriere, die sich wirklich gewaschen hat. Das Album war lang in the making und hat eine totale Linie gekriegt. Das ist der Beweis, dass man es auch richtig gut machen kann. Es ist mir schon fast wurscht, wie das von der Kritik beurteilt wird. Ich weiß schon, dass das gut ist.

Am Ende einer langen Karriere“, wie Du’s formuliert hast: Zu welchem Zeitpunkt Deiner Laufbahn hast Du Dich denn am wohlsten gefühlt?

Darauf gibt es keine Antwort. Es gibt Sachen, da habe ich mich irrsinnig wohl gefühlt, und dann bin ich auf die Schnauze gefallen, weil ich mich zu wohl gefühlt habe. Dazu ist das Leben zu komplex und zur Zeit meiner größten Erfolge war ich oft am unglücklichsten, weil ich das Gefühl hatte, das bin nicht ich, sondern die Maschine macht sich selbstständig.

Es gab eine Zeit, als das ganze Land ein Lied von mir gesungen hat, nämlich „Ziwui Ziwui“. Ich war in Tirol Skifahren und habe das Fenster zugemacht, weil die Besoffenen, die in der Nacht heimgewackelt sind, alle „Ziwui Ziwui“ gesungen haben. Und ich habe mir gedacht: „Um Gottes Willen, was habe ich da angerichtet“? Also es gibt keine Antwort auf die Frage. Ich halte aber wahnsinnig viel von dem Wiener Spruch, „Das Glück ist ein Vogerl“. Das ist ein hochphilosophischer Satz. Und wenn ich Dir sage, „das Glück ist ein Vogerl“, dann mein’ ich das so, dass ab und zu, zwischen dem dritten und vierten Song, sich der Kreis mit dem Publikum schließt und du das Gefühl hast, du erlebst ein paar Sekunden Magic. Und das ist der Grund, warum man das Ganze macht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Danke an Christina Krakovsky, Hanibal Scheutz, Blacky Schwarz und Stefan Trischler.

Das Lebenswerk des Wilfried Scheutz hat es in sich und die Entwicklung heimischer Popgeschichte maßgeblich beeinflusst. Auch die jüngste Produktion, „Gut Lack“, kann überzeugen und spendet Mut. Den Mut, für seine Ideale einzustehen. Mut, zu kämpfen. Und Mut, dem Leben die Stirn zu zeigen. Wir wünschen Wilfried viel Kraft, mit der gegenwärtigen Krise umzugehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Ausnahmekünstler Berge versetzt hätte. Oder wie dem Promotion-Text des aktuellen Albums zu entnehmen war: „‚Gut Lack‘ ist ein Statement eines unbändigen Willens. Und sicher nicht das letzte.

Am 16. Juli 2017 ist Wilfried einem Krebsleiden erlegen. Mehr auf „Austropopper“ Wilfried ist tot

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