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Lügen im Netz

Für ihr im Vorjahr veröffentlichtes Buch „Hass im Netz“ erhielt die Journalistin Ingrid Brodnig den „Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch“. Jetzt veröffentlicht die Autorin ihr neues Werk, in dem es um Manipulation und Propaganda im Internet geht. Der Titel lautet: „Lügen im Netz - Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren“.

Von Christoph „Burstup“ Weiss

Ingrid Brodnig im Interview

In der Debatte über Falschmeldungen im Netz wird oft gesagt: Fake News hätte es immer schon gegeben, auch in der Politik sei immer schon gelogen worden - warum also all die Aufregung? Dieses Argument, sagt Ingrid Brodnig, löse großes Unbehagen in ihr aus, weshalb sie sich intensiv damit auseinandergesetzt hat: „Es stimmt, dass es Falschmeldungen aus politischer Absicht und Verschwörungstheorien gegen Minderheiten in der Vergangenheit schon gab. Doch gerade die Geschichte zeigt, dass das besonders furchtbare Phasen waren. Das extremste Beispiel dafür ist natürlich der Nationalsozialismus, wo mittels Verschwörungstheorien und Falschmeldungen eine ganze Bevölkerungsgruppe – bzw. sogar mehrere – als Feinde des Volks dargestellt wurden. Aus der Geschichte können wir also lernen, dass Fake News absolut ernst zu nehmen sind.“

Ingrid Brodnig im FM4 Studio

Christoph Weiss

Ingrid Brodnig zu Gast bei FM4

Als Beispiel für eine Verschwörungstheorie gegenüber der jüdischen Bevölkerung zieht Brodnig im Buch die „Protokolle der Weisen von Zion“ heran, ein auf Fälschungen beruhendes antisemtisches Pamphlet. Es wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Grundlage mehrerer fiktionaler Texte erstellt und gilt als eine der einflussreichsten Schriften antisemtischen Verschwörungsdenkens.

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Fälschungen zielen oft darauf ab, Menschen wütend zu machen, denn: Wütende Menschen klicken öfter. Soziale Medien, sagt Brodnig, würden dadurch zur Drama-Maschine:

„Das Problem ist, dass sich Wut total rentiert. Wenn ich heute ein Politiker oder ein unseriöses Medium bin und viel Aufmerksamkeit oder Zuspruch erhalten will, dann ist eine der simpelsten Methoden, mit Aggression Aufmerksamkeit zu erheischen. Wir wissen aus der Politikwissenschaft, dass Wut Menschen aktiviert – auch online. Der Politologe Timothy Ryan erforschte das mittels mehrerer Experimente. In einem davon schaltete er politische Inserate. Jene Anzeigen, die Wut auslösten, wurden mehr als doppelt so oft geklickt.“

Das führt dazu, dass die Algorithmen von Social Media wie Facebook gerade diese Meldungen als besonders relevant einstufen. Besonders aggressiv auftretende Politiker, die am meisten Wut auslösen, erhalten in den Social Media also die meiste Reichweite.

Im Kapitel „Populisten kreieren Parallelrealitäten“ beschäftigt sich Brodnig mit Strategien von Politikern, die etablierten Medien zu diskreditieren. Donald Trump empfahl seinen Anhängern im Wahlkampf: „Vergesst die Presse. Lest das Internet. Studiert andere Dinge, geht nicht zu den Mainstream-Medien.“ Später strich Trump dem Public Broadcasting Service der USA große Teile seiner Budgetmittel.

Auch H.C. Strache verfolge die gleiche Strategie. Am 1. März 2017, schreibt Brodnig, gastierte er beim politischen Aschernmittwoch der AfD in Bayern, wo er sagte, man habe es „mit einer Systematik zu tun, wo oftmals Journalisten gar nicht mehr frei und unabhängig berichten dürfen, wo alles durchgeschaltet ist, gleichgeschaltet ist“. Stattdessen empfahl er „alternative Medien“, die man im Internet finde. Unzensuriert, Breitbart oder das Compact Magazin der AfD errichten eigene Echokammern, in der Bürger permanent mit Halbwahrheiten und völlig erfundenen Schreckensmeldungen versorgt werden.

Das Problem ist, dass sich Wut total rentiert.

Auf der Website Hoaxmap lässt sich gut sehen, in welchen Ortschaften Fälschungen über Flüchtlinge bereits aufgedeckt wurden. Betrieben wird die Website von Hackern des Chaos Computer Club in Hamburg. Ganz vorne dabei mit Hoaxes seien die AfD und die FPÖ, sagt Lutz Helm vom CCC.

Wenn einmal auffliegt, dass sie eine falsche Behauptung verbreitet haben, würden einzelne Politiker dieser Parteien oft nur zögerlich und nicht sonderlich transparent reagieren, schreibt Ingrid Brodnig und gibt ein Beispiel: Im September 2015 habe Strache auf Facebook einen vermeintlichen Augenzeugenbericht geteilt, wonach Flüchtlinge in Wien einen Supermarkt „überrannt“ hätten – sogar eine Spezialeinheit der Polizei hätte demnach dort ausrücken müssen.

Dieser Bericht war allerdings erfunden, wie die betroffene Supermarktkette offenlegte. Statt dies daraufhin sofort richtigzustellen, löschte die FPÖ das Posting kurzerhand. Straches Fans, so Brodnig, hätten von ihm also nicht einmal eine Fehlerbeseitigung geliefert bekommen. Ähnlich gehe auch die AfD in Deutschland vor.

Driftet unsere Gesellschaft im Netz auseinander?

Diese Sorge ist fast so alt wie das World Wide Web selbst. Anstatt eines „globalen Dorfs“, so die Befürchtung, würden immer mehr sogenannte „Echo Chambers“ entstehen, in denen Menschen mit gleicher Einstellung einander bestärken.

Brodnig widmet sich im Buch Studien zu diesen „Echokammern“ und denkt über deren Konsequenzen nach: „Wenn Linke viel mit Linken diskutieren, sind sie danach umso mehr von diesen Positionen überzeugt. Wenn Rechte stark mit Rechten diskutieren, sind sie dann umso mehr von diesen Positionen überzeugt. Die Gefahr ist, dass sich in Echokammern diese Zirkel gegenseitig bestärken und sich ihrer Positionen sehr sicher sind, aber die gemeinsame Gesprächsebene verloren geht. Das ist eine Gefahr für unsere Demokratie, die auf Mehrheiten aufbaut und darauf, dass wir Kompromisse schließen und in Gesetze gießen können.“

Wie umgehen mit Fake News

Gefordert sind einerseits die Betreiber von Social Networking Plattformen - sie sollten ihre Algorithmen so gestalten, dass die Meinungsvielfalt gefördert wird – eine Forderung, die auf der diesjährigen Gödel Lecture in Wien auch der chilenische Wissenschaftler Ricardo Baeza Yates gestellt hat.

Andererseits, sagt Ingrid Brodnig, müssten auch wir, die Userinnen und User, zur Aufklärung über Fake News beitragen. Das müsse auf drei Ebenen geschehen, sagt die Autorin.

Blaues Buchcover mit roter Schrift

Brandstätter Verlag

Das lesenwerte, neue Buch von Ingrid Brodnig, „Lügen im Netz - Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren“, ist erschienen im Brandstätter Verlag.

Auf Ebene eins müssten wir selbst ein besseres Sensorium für Falschmeldungen entwickeln. Dazu gehöre etwa auch die Recherche mittels der umgekehrten Bildersuche, um gefälschte Fotos zu entlarven.

Auf der zweiten Ebene, sagt Brodnig, müssten Userinnen und User lernen, auf bessere Weise gegen Falschmeldungen aufzutreten: Den Verfasser einer bösartigen Falschmeldung könne man kaum von einer anderen Weltsicht überzeugen. „Doch es ist möglich, für die Mitlesenden aufzuzeigen: Achtung, der Artikel, den du hier geteilt ist, stammt von einer der schlimmsten Desinformationsschleudern im deutschen Sprachraum. Bitte sei vorsichtig, ich kann vor dieser Quelle nur warnen.“

Auf Ebene drei müsse man danach streben, die Technik sozialer Netzwerke besser zu verstehen. Die oben beschriebene Falschmeldung, ein Supermarkt wäre von Flüchtlingen überrannt worden, habe viele Menschen zu Reaktionen veranlasst, sagt Brodnig:

„Sie haben darunter geschrieben, ‚das stimmt nicht‘, und mitdiskutiert. Die Administratoren der Partei löschen solche Kritik oft. Doch je mehr Postings und Interaktion bei einem Beitrag zu finden sind, umso sichtbarer ist dieses Posting. Auch Widerspruch führt also dazu, dass das Posting sichtbarer wird. Technik verstehen heißt: Wenn ich etwas widerlegen will, kann ich einen Screenshot machen, diesen bei mir selbst auf Facebook teilen und sagen: Achtung, das wird gerade behauptet und das stimmt aus diesem und jenen Grund nicht.“

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