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Furioses Fernboxen

Nintendo hat mit „ARMS“ die erstarrte Gattung des Fighting Games aufgefrischt. Die Figuren kämpfen nicht mit Armen, sondern langen Sprungfedern.

von Robert Glashüttner

Digitale Prügeleien sind nicht totzukriegen. Seit vielen Jahren konstatieren FachjournalistInnen zwar die angebliche Nische, die die sogenannten Fighting Games mittlerweile einnehmen würden. Und doch sind mit „Injustice 2“ und „Tekken 7“ erst in den letzten paar Wochen zwei große Titel aus der gut gereiften Gattung der Prügelspiele erschienen.

Fighting Games haben den Ruf, zu wenig einsteigerfreundlich zu sein. Grob gesagt gibt es nur zwei Varianten, sich „Street Fighter“ und Co. anzunähern: das sogenannte Button Mashing, bei dem man möglichst schnell möglichst viele Knöpfe drückt und auf das Beste hofft. Oder man lernt und studiert, bekommt ein Gefühl für die Feinheiten des jeweiligen Spiels und seine Figuren und erarbeitet sich geduldig und konzentriert seine Kampfkompetenz.

FM4 Schwerpunkt: Fighting Games

Vor einigen Jahren haben wir uns bereits ausführlich zum Wesen der Kampfspiele Gedanken gemacht, und dabei auch den Wiener Fighting-Games-Verein Virtual Dojo besucht.

Besser prügeln

Nun gibt es zwei Wege, mit diesem durchwachsenen Umstand umzugehen: Man lenkt mit großen Marken (Superhelden, bekannte Spieleserien, etc.) von ihm ab. Oder man überlegt sich, wie man am Gamedesign drehen und ein besseres Prügelspiel machen könnte. Nintendo hat sich erfreulicherweise für Variante 2 entschieden.

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Die Switch erwacht zum Leben

Nach einem etwas mauen Launch der Switch mit hohen Preisen, viel Potenzial, aber wenig interessanten Spielen, scheint die neue Nintendo-Konsole nun doch bald so aufzublühen, wie es vom Hersteller vorhergesagt worden ist. „ARMS“ ist der erste große Schritt dorthin: Es ist eine völlig neue Spieleserie ohne bekannte Figuren und Maskottchen. Die etwas in die Jahre gekommene „Super Smash Bros.“-Serie wurde zugunsten eines frischen Kampfspiels erst Mal auf Eis gelegt. „ARMS“ versucht die Lücke zwischen Button Mashing und Profitum zu schließen und bietet eine übersichtlich und zugänglich gestaltete Kampfaction - interessanterweise auch nicht mehr länger in der Genre-typischen 2D-Ansicht, sondern in dreidimensionalen Arenen.

Wir schlüpfen in „ARMS“ in eine von zehn sehr markant und bunt gestalteten Figuren: Da gibt es einen Ninja, eine Mumie, einen Teenager im Riesenroboter oder auch ein missglücktes Laborexperiment in Form eines länglichen Blobs. Der Clou ist, dass jede Figur nicht mit Armen, sondern langen Sprungfedern kämpft. In „ARMS“ wird demnach nicht klassisch geboxt, sondern die Punches werden aus der Entfernung geschossen. Besonders stark ist dabei der sogenannte Grab, bei dem beide Sprungfedern gleichzeitig ausgefahren werden und versucht wird, den Gegner damit zu packen und an sich ranzuziehen.

Am Ende der Federn sind die namensgebenden Arms montiert, die ein Boxhandschuh, aber auch ein Raketenwerfer oder ein Schwungrad sein können. Die Auswahl der jeweiligen Figur und der beiden Arms entscheidet darüber, welche Spezialfähigkeiten und welchen Kampfstil man bevorzugt.

Easy to learn

Auch ohne die Details der unterschiedlichen Figuren und Arms zu kennen, kann man schnell erste Erfolge einfahren: „ARMS“ bietet eine kurze, aber schweißtreibende Kampagne gegen computergesteuerte Gegner in sieben Schwierigkeitsstufen. Das Spiel trichtert einem von Anfang an ein, dass man neben dem Boxen nie aufs Dashen (bzw. Ausweichen) und Springen vergessen soll. Das, und das genaue Beobachten der Gegnerin (greift sie an oder blockt sie) sowie die entsprechende Reaktion darauf entscheiden über Sieg oder Niederlage.

Move your arms

Der Spagat, ein Party-freundliches Spiel zu sein und dabei gleichzeitig immer interessant für die kompetitive Games-Szene zu bleiben, geht auf: Während GelegenheitsspielerInnen sich vorwiegend mit den richtigen Timing von Bewegung und Angriff beschäftigen, kommt es bei den Profis immer auch auf die Auswahl der Figuren und Arms an. Wie tief der Kaninchenbau in „ARMS“ wirklich ist, davon bekommt man eine Ahnung, wenn man sich das Finale des Turnies auf der vor kurzem zu Ende gegangenen E3 ansieht. Spannender als das Finalspiel an sich ist aber das anschließende Showmatch des Gewinners mit dem Produzenten des Spiels. Spoiler: An Mr. Kabuki kommt niemand ran.

Besonders interessant ist die Tatsache, dass Nintendo die vor zehn Jahren (bei der Wii) noch als Spielzeug verschriene Bewegungssteuerung nun perfektioniert hat. „ARMS“ - wie auch schon den innovativen Shooter „Splatoon“ - spielt man am besten und am erfolgreichsten mittels Bewegungssteuerung. Das ist vor allem für sogenannte Hardcore-Gamer der alten Schule ein gar nicht so einfach zu verkraftender Paradigmenwechsel. Denn die waren es gewohnt, jedes Game, das nicht mittels Maus, Tastatur oder klassischem Gamepad gesteuert wird, von vornherein als irrelevant abzustempeln.

Blizzard als Vorbild?

All jene, die auf Nintendos Stärke hinsichtlich Innovation vertraut haben, sollten also Recht behalten. Das betrifft nicht nur die Steuerung, sondern die Spiele an sich: Trotz seiner eingefahrenen Marken hat der japanische Konzern keine Scheu, völlig neue Serien zu starten und sich in ungewohnte Terrains zu wagen. Das erinnert frappant an den jüngsten Output des kalifornischen Spieleentwicklerprimus Blizzard Entertainment. Auch hier sind trotz der jahrelang erprobten, erfolgreichen Serien "Starcraft, „(World of) Warcraft“ und „Diablo“ mit „Heroes of the Storm“, „Hearthstone“ und vor allem „Overwatch“ in Rekordzeit neue Spieleserien gestartet worden. Vor allem an „Overwatch“ scheinen sich die japanischen EntwicklerInnen von „ARMS“ orientiert zu haben: Design, Darstellung und Inszenierung der Figuren sind denen des Team-Shooters sehr ähnlich. Auch ein zugängliches Spielprinzip mit leicht zu beherrschenden Grundregeln, aber einer Menge Feinheiten, sind da wie dort der Schlüssel zum Erfolg.

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Call to ARMS

Nachdem mit „Splatoon“ der Third-Person-Shooter neu gedacht und gemacht worden ist, hat Nintendo dasselbe mit „ARMS“ nun auch mit dem Fighting Game geschafft. Das ist keine Kleinigkeit, weil es auch anderen EntwicklerInnen Mut macht, bewährte, aber mitunter erstarrte Designs neu zu denken und auf den Kopf zu stellen.

„ARMS“ ist für Nintendo Switch erschienen.

Wer schon lange nicht mehr virtuell um sich gedroschen hat, weil immer alles gleich ausgesehen hat, wird „ARMS“ schnell ins Herz schließen. Da macht es auch nichts, dass die Singleplayer-Kampagne derzeit noch kurz ist und wir über unsere zehn HeldInnen noch nicht ganz so viel wissen, wie wir gerne würden. Der Erfolg des Spieles wird schon für baldigen Nachschub sorgen.

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