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Altstadt und Hafen von Chania

Antoine Rossi

Wohnungsnot im Urlauberparadies

Auf Chania in Kreta werden immer mehr Mietwohnungen in Touristenunterkünfte verwandelt. Für Einheimische wird es immer schwieriger, leistbaren Wohnraum zu finden. Eine Bürgerinitiative macht mobil.

Von Chrissi Wilkens

Der Tourismus boomt gerade auf Kreta und in ganz Griechenland, doch es fehlt an Betten, um all die BesucherInnen unterzubringen, die im Moment nach Griechenland wollen. Viele ImmobilienbesitzerInnen in der kretischen Stadt Chania springen da ein und vermieten ihre Häuser und Wohnungen an TouristInnen, einerseits, weil sie das Geld dafür in der Wirtschaftskrise ganz gut gebrauchen können, andererseits, weil es leicht verdient ist. Doch diese Entwicklung hat auch eine Kehrseite:

„Ein großer Teil der Mietwohnungen wird an Touristen vergeben. Dadurch werden die Bewohner aber aus dem historischen Zentrum und dem Stadtzentrum vertrieben und die Preise steigen. Im Großteil der Häuser, die jetzt an Touristen vermietet werden, haben bis vor Kurzem noch Einheimische gewohnt.“, sagt Christos Piperagkas , ein Arzt aus Nordgriechenland, der seit mehr als vier Jahren mit seiner Familie in der Stadt lebt.

Eindrücke aus Chania

Chrissi Wilkens

Christos Piperagkas

Christos ist Mitglied der Bürgerinitiative „Häuser ohne Bewohner, Bewohner ohne Häuser”, die sich vor ein paar Wochen formiert hat und gegen die Wohnungsnot in der Stadt kämpft: „Der Tourismus führt uns derzeit nicht aus der Krise, sondern aus unseren Häusern“, schreibt die Initiative in einem Aufruf.

Eindrücke aus Chania

Chrissi Wilkens

Eine andere Perspektive auf ein idyllisches Bild

Christos steht in einer Seitenstraße der venezianisch geprägten Altstadt. Touristengruppen eilen durch die schmalen Gassen mit den kleinen Häusern. Ein paar Meter weiter auf einem Platz singt ein Kinderchor traditionelle Lieder. Aus den naheliegenden Restaurants, die mit Tischen den Bürgersteig belegen, duftet es nach kretischen Gerichten. Der junge Arzt sieht das idyllische Bild schon längst mit anderen Augen: „Die letzten zwei, drei Jahre hat sich die Stadt rasch verändert. In Zeiten der Krise hat niemand etwas gegen die Entwicklung des Tourismus. Wenn das aber ohne Kontrolle stattfindet, was die Folgen für die Stadt, die Wohnungen und die Arbeitsbeziehungen angeht, dann ist es ein Problem“, sagt er.

Eindrücke aus Chania

Antoine Rossi

Altsttadt von Chania

Zusammen mit dem Architekten Giannis Tsoukatos, ebenfalls ein Mitglied der Bürgerinitiative, besucht Christos eine Diskussion über die Folgen der unkontrollierten Entwicklung der Tourismusindustrie. Die Diskussion findet auf einem Hügel der Altstadt, im Vorhof eines von AnarchistInnen besetzen Hauses, statt. Das historische Gebäude wurde vom anarchistischen Kollektiv Rosa Nera im Jahr 2004 besetzt. Mit kulturellen und politischen Veranstaltungen tragt es seither zum sozialen Leben der Stadt bei. Jetzt soll das besetzte Haus in ein Luxushotel umgewandelt werden. Dies hat die Technische Universität Kretas, der das Gebäude gehört, beschlossen, in der Hoffnung, mehr Geld in die Kassen zu bringen.

Angst vor der toten Stadt

In Chania wehren sich BewohnerInnen und Intellektuelle gegen diese Entscheidung, auch Christos und Giannis. Die Stadt verliere rasch ihren Charakter, finden die beiden Männer. „Diese Stadt ist lebendig, sowohl auf kultureller als auch politischer Ebene und auf der Ebene der menschlichen Beziehungen, und das hat sie charmant gemacht. Das verschwindet leider langsam”, betont Christos. Der Architekt Giannis glaubt, dass die Stadt keine Zukunft haben wird, wenn der Staat und die lokale Verwaltung nicht bald etwas unternehmen, um das soziale Recht auf Wohnen zu sichern. „Wenn keine Maßnahmen getroffen werden, werden wir eine Altstadt unter Glas haben, also eine tote Stadt, die ein paar Monate im Jahr lebendig ist, was meiner Meinung nach eine sehr düstere Zukunft ist. Für uns und für die Touristen.”

Eindrücke aus Chania

Chrissi Wilkens

Plakat gegen Tourismusindustrie in der Altstadt

Tatsache ist, dass wegen der langjährigen Krise keine neuen Häuser gebaut wurden und gerade deswegen auch das Immobilienangebot sehr klein ist. Insbesonders StudentInnen, die an der Technischen Universität Kretas studieren und kleinere Wohnungen in Chania suchen, haben gerade ein großes Problem, betont der Immobilienmakler Ioannis Mantonanakis, aber das Problem weitet sich aus: „Im Moment werden auch schon Drei- und Vierzimmerwohnungen als Touristenunterkünfte angeboten. Ich schätze, dass in einem Jahr die Wohnungsnot noch größer wird.“

Die Anzeigen in den lokalen Zeitungen, in denen Wohnungen angeboten werden, werden immer weniger. Dafür nehmen die Suchanzeigen zu, die es in der Vergangenheit kaum gegeben hat.

Eindrücke aus Chania

Chrissi Wilkens

Wohnungsanzeigen in der Öffentlichkeit

Zusatzeinkommen oder Profitmaximierung?

Doch nicht alle BewohnerInnen Kretas sind kritisch gegenüber dem Phänomen:„Es ist eine große Hilfe für viele Griechen, die hohe Steuern zahlen müssen oder sich in Not befinden”, sagt ein Zahnarzt, der selbst einen Teil seiner Wohnung an Touristen vermietet und anonym blieben will. Vor der Krise hat er ein ca. 200m² großes Haus gebaut. Jetzt ist es zu groß und zu teuer für seine vierköpfige Familie. Die Vermietung an Touristen ist ein wichtiges Zusatzeinkommen für ihn.

Hunderte von Häusern in Chania werden mittlerweile auf der Plattform Airbnb TouristInnen zur Vermietung angeboten. Das Gesetz in Griechenland erlaubt die kurzfristige Vermietung von Eigentum durch digitale Plattformen für bis zu 90 Tage pro Jahr. In mehreren Fällen verlangen die ImmobilienbesitzerInnen von den griechischen Mietern sogar, die Wohnungen zu räumen, damit sie diese auf die Plattform stellen und somit mehr Geld verdienen können. Wegen der Krise mieten in Griechenland viele Menschen Häuser, ohne einen Vertag zu unterschreiben, weil sie dann meist weniger Miete bezahlen müssen. Im Fall einer Räumungsdrohung stehen sie dann allerdings rechtlich ungeschützt da.

Eindrücke aus Chania

Antoine Rossi

Hafen von Chania

Ärzte, Lehrer oder andere Angestellte die nach Chania versetzt wurden und vergeblich nach einer Wohnung suchten, waren sogar gezwungen, der Stadt den Rücken zu kehren und woanders eine Stelle anzunehmen. Panagiota, eine Lehrerin aus Heraklion, der Hauptstadt Kretas, ist verzweifelt. Sie hat in Chania gerade ihre letzten Sachen gepackt und sie mit einer Bekannten in ihre Heimatstadt geschickt, da sie ihre Mietwohnung räumen musste. Sie ist Lehrerin und seit vier Jahren wird sie jährlich in Schulen von Chania versetzt. Zusammen mit ihrem 6-jährigen Sohn muss sie fast jeden Herbst eine neue Wohnmöglichkeit suchen, da die Häuser, in denen sie wohnen, über die Sommersaison an TouristInnen vermietet werden.

Panagiota hofft nun, dass die Formierung der Bürgerinitiative ein erster Schritt ist, um das Problem der Wohnungsnot in den Griff zu bekommen und die Rechte der BürgerInnen zu verteidigen. „Ich fühle mich unsicher. Ich komme aus Kreta und ich möchte auf dieser Insel arbeiten. Der Gedanke, dass ich nächstes Schuljahr wieder nach Chania versetzt werde und mit meinem Kind links und rechts nach einer Bleibe suchen muss, macht mich fertig!“.

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