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Hodgkinson mit Buch und Gummistiefel

Rick Morris Pushinsky

„Harte Arbeit ist etwas für die Dummen, die Unorganisierten oder die Ängstlichen“

Wenn ein Faulenzer-Profi zum Entrepreneur wird, liest sich das zumindest gut. Zu Tom Hodgkinsons „Business for Bohemians“

Von Boris Jordan

Er ist zu nett für das Unternehmertum. Er liebt altgriechische Bücher, Grammatikkurse und Bierabende, er plädiert dafür, lieber selber zu singen und zu spielen, als sein Geld für Eintrittskarten auszugeben und den Kindern Zeit und Freiheiten zu schenken, statt sie nach Disneyland einzuladen. Tom Hodgkinson ist der große Prophet von Langsamkeit und Selbstverwirklichung, der Propagandist von Boheme und Müßiggang.

Mit seiner Zeitschrift „The Idler“ (etwa der Faulenzer“ - angelehnt an eine Kolumne eines seiner Vorbilder, des geistreichen Lebenskünstlers und Gelehrten Dr. Samuel Johnson und dessen Bonmot, dass jeder entweder „ein Faulenzer ist oder gerne sein möchte“) und seinen Büchern über den Müßiggang, das Aussteigen und Verlangsamen - „How to Be Idle“, „How to be free“ und „The idle Parent“ - ist Tom Hodgkinson weltberühmt geworden. Das ist ihm auch deshalb gelungen, weil er in allen Publikationen glaubhaft versichern konnte, dass wir es hier mit einem Meister des postmodernen Zen zu tun haben, der – angetrieben von einem ideologischen Mix aus Sokrates, Bertrand Russell, Laotse, Seneca, Marc Aurel und Penny Rimbaud von CRASS - Arbeit, Lebenssinn, Familie und Beziehungen mühelos unter einen Hut bringt und dabei noch Zeit findet, Bier trinkend und singend den Tomaten beim Wachsen zuzusehen.

Es kann jedoch nicht anders sein, als dass Tom Hodgkinson ein Workaholic ist. Aussteiger, Herausgeberlektor, Biobauer, Autor, Journalist, Vortragender, Cafébesitzer, Akademiechef, Veranstalter, Seminarorganisator... Vom Freizeitstress seines „guten Lebens“ nicht zu reden. Die Überforderung seines Zeitmanagements, seiner natürlichen Reserven und seiner Work Life Balance ist noch höher als bei einem „normalen“ so genannten „freien Selbstständigen“.

Eines der Hauptanliegen von Tom Hodgkinson ist es, die Menschen dazu zu erziehen, dass sie ihr Leben nicht dem Erfolg oder dem Geld unterordnen. Das ist schon in „normalen“ Angestellten-Dienstverhältnissen eine immer schwerer zu lösende Aufgabe. Der Ausgleich zwischen Arbeit und Lebensqualität für das selbstständige und noch dazu idealistisch und ideologisch motivierte Kleinunternehmertum ist nahezu unmöglich zu bewältigen. Davon handelt ein großer und oftmals mit kurzweiliger, geschliffener Ironie gewürzter Teil seines neuen Buches „Business for Bohemians“.

Wie wird der Faulenzer zu seinem eigenen Feind?

Tom Hodgkinson Buchcover

Kein und Aber Verlag

„Business für Bohemians“ von Tom Hodgkinson ist in der Übersetzung von Yamin von Rauch im Kein & Aber Verlag erschienen

Zu diesem Buch war es so gekommen: Im März 2011 beenden Hodkginson und seine Lebens- und Geschäftspartnerin Victoria Hull ihre Aussteigerexistenz in Devon und eröffnen in Notting Hill die „Idler Academy of Philosphy, Husbandry and Merriment“, eine utopisch erdachte und elegant nostalgisch gestaltete Mischung aus Buchladen und Cafe, angelehnt an die literarischen Salons der letzten Jahrhundertwende. Angeboten wurden körperliche wie geistige Nahrung, fairer Kaffee, ausgesuchte Bücher sowie allerlei Kurse zur Kunst des Müßiggangs, von Brotbacken bis Ukulele spielen.

Das Projekt war etwas Neues, vollends von den beiden vorfinanziert, und wurde zu einem zwar kurzweiligen, aber sowohl finanziell wie ressourcentechnisch desaströsem Unternehmen. Zugleich konnten sich die Beiden mit der „Academy“ allerdings im Onlinehandel und mit Veranstaltungen profilieren, Sponsoren finden und eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne durchführen. Das Handwerk des Unternehmertums habe man sich in dieser Zeit mühsam in allerlei aufreibenden Versuchen und Irrtümern selbst beigebracht.

„How to“ oder „How not to“

Von dieser Zeit handelt das Buch „Business for Bohemians“. Vom „How to… Book“- König in „How to … Book“- Manier geschrieben, ist es weniger eine Anleitung als eine Bestandsaufnahme der Wandlung vom Autor zum Unternehmer und der Kunst, dabei nicht aufzuhören, Bohemien zu sein und das Leben zu genießen. Was das Buch dann wieder zum „How To... Book“ macht, nicht selten in Form des „How not to...“.

„Stellen sie sich darauf ein, in bitterer Armut zu leben. Reduzieren sie alle ihre Ausgaben auf ein Minimum. Das bedeutet: Keine Urlaube, keine Taxifahrten, keine Restaurantbesuche, kein teures Auto, keine Einkaufsbummel. Weil mir diese Dinge überhaupt nichts bedeuten, ist es keine große Zumutung für mich, bescheiden zu leben. So lange ich Bier und Bücher habe und nicht verschuldet bin, bin ich glücklich.“

Lange Kapitel sind dem richtigen Auswählen von Ideen, Produkten und MitarbeiterInnen gewidmet - noch mehr aber den prinzipiellen Fragen vor und hinter einer Entscheidung, ein Unternehmen zu gründen – und die sind ganz im Sinne des Idler’schen Bohemiens: „ Was will ich?“, „Bin ich mir der Opfer der Fremdbestimmung bewusst“ oder „Wie arbeite ich mich nicht zu Tode“

"Gutes Unternehmensmanagement erfordert nicht etwa harte Arbeit. Harte Arbeit, im Sinne von langen Arbeitszeiten, ist etwas für die Dummen, die Unorganisierten oder die Ängstlichen. Sorgfältiges Nachdenken und Planen und die Einführung von gut funktionierenden Systemen können dafür sorgen, dass sie genügend freie Zeit haben und ausreichend Schlaf bekommen.“

A good Read

Wie schon bei Hodgkinsons anderen Erfolgsbüchern ist es sein geschliffener, an Bertrand Russells „Lob des Müßiggangs“ angelehnter, jovialer englischer Plauderton, der auch dieses Buch zu einem angenehmen Leseerlebnis macht.

Außer den schon öfter gehörten Anleitungen erfährt man hier etwa noch, dass die Pariser „Flaneure“ um Baudelaire und Nerval im 18. Jahrhundert bei ihren Spaziergängen Schildkröten und Hummer an der Leine führten, um ihre Schritte zu verlangsamen, oder dass der Chef des deutschen Generalstabs vor den Nazis, Kurt von Hammerstein- Equord, diejenigen Offiziere für die verantwortlichsten Aufgaben auswählte, die nachweislich sowohl clever als auch faul waren, während er in den Dummen und Fleißigen die größte Gefahr sah.

Hodgkinson gibt sich weniger gelehrt und auch weit weniger entspannt als früher und das schlechte Gewissen des Faulenzers, der sich doch aus all dem nichts macht, blitzt nicht nur durch, es wird stellenweise zum Leitmotiv des Buches. Wie ein Kollege über Hodgkinsons Konzepte geschrieben hat, sie würden die „Sehnsucht nach dem richtigen Leben im Falschen“ befriedigen, weiß sich der Autor heute direkt im Zentrum des „Falschen“, im stets von ihm bekämpften Konkurrenzkapitalismus, dessen Regeln man nun unterworfen ist, mehr als einem Bohemien lieb sein will.

Die wahnwitzig privilegierte Situation des Zwei-Personen-Unternehmers, der „skurrile britische Bildungsmöglichkeiten und schöne Bücher“ verkauft und dazwischen einfach Bill Drummond um Rat fragen kann, oder von Emma Thompson unterstützt wird, sollte Hodgkinson etwas mehr bewusst sein. Statt dessen beteuert er doch lächerlich oft, wie sehr für Klempner oder Bäcker nicht dasselbe gelten würde, wie für die prominente Londoner Kreativwirtschaft, nämlich dass man nur Spaß an seiner Arbeit braucht und sich nicht unterkriegen lassen soll.

„Keine andere Laufbahn bietet diese Art von Freiheit. Es geht dabei nicht darum, ein riesiges Vermögen zu machen und ein amoralischer Hedgefondsmanager zu sein, der sich nur für Geld interessiert. Es geht darum, etwas zu erschaffen, das die Welt verbessert, Spaß macht und Ihnen und anderen die Gelegenheit gibt, einer erfreulichen und erfüllenden Tätigkeit nachzugehen. Wie Robert Louis Stevenson einst sagte: ‚In meiner Vorstellung besteht die eigentliche Aufgabe des Menschen darin, die Welt mit schönen Dingen zu bereichern und dabei selbst eine möglichst angenehme Zeit zu verbringen.‘"

Der beste Tip zum Schluss

Obwohl die Blurbs des Klappentexts juchzen „Hört auf zu Jammern! Arbeitet Frei! Gründet ein Geschäft“, ist das Buch vom ständigen Aufruf durchzogen, doch als Jungunternehmer immer wieder innezuhalten und sich zu fragen, ob man so leben will, der sein will, oder es besser lässt.

Viele der Tipps sind als Warnungen an den verträumten, idealistischen Kleinunternehmer verkleidet, etwa sich ja nicht vor so profanen Dingen wie Businessplänen, Tabellenkalkulationen oder Ablaufplänen zu drücken oder auch den Mut zu besitzen, etwas zu beenden, wenn es nicht funktioniert, kein Geld abwirft oder keinen Spaß mehr macht. Diese Gedanken sind für Hodgkinson-Freunde und Idler-LeserInnen sicher die schlüssigsten im ganzen Buch.

Versuchen sie nichts zu erzwingen. Verausgaben sie sich nicht damit, weiterzumachen, wenn sie eine falsche Richtung eingeschlagen haben. [..] Um dem zu entgehen, rate ich ihnen, eine einfache Liste aufzustellen. Überdenken sie die vergangenen fünf Jahre und schreiben sie alles auf, was sie gern getan haben und wobei sie sich wohlgefühlt haben.
Bleiben sie dabei.
Vereinfachen sie.
Lassen sie es gut sein.
Geben sie auf.

Das klingt doch wie ein guter Rat. Wer nach diesem Buch immer noch kein „Kleinvertreiber für obskures Englisches Handwerk“ sein will, der möge ohne schlechtes Gewissen mit der Ukulele in der Hand auf ein Bier gehen.

So wie es Hodgkinson früher vorgeschlagen hätte.

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