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Beth Ditto

OpenAir St. Gallen - Annette Flavia Matt / coolor.ch

Weibliche Headliner? In der Schweiz kein Problem!

Das Open Air St. Gallen oder das kommende Pohoda schaffen es problemlos, Headliner-Slots am Line-Up mit Frauen zu füllen. In Österreich herrscht derweil weiterhin das große Eierschaukeln.

Von Daniela Derntl

Für Gänsehaut sorgte beim Open Air St. Gallen nicht der andauernde Regen und die Kälte, sondern die große Kunst von Frauen wie Lorde, Beth Ditto und Savages. Auch das kommende Pohoda Festival in der Slowakei zeigt mit Musikerinnen wie M.I.A., Solange, Austra, Mykki Blanko, Dillon und Birdy, dass dort gerne auch weibliche Acts gebucht werden.

Bei den großen österreichischen Festivals ist das noch immer nicht so. Feist ist der einzige weibliche Headliner dieses Sommers, sie spielt am 22. Juli beim Out Of The Woods Festival in Wiesen. Beim FM4 Frequency sieht man eigentlich nur Männer, mit Ausnahme von Birdy, Fiva, Anne-Marie und ein paar wenigen Bands mit Sängerinnen, wie Jennifer Rostock, Clean Bandit und Pretty Reckless. Beim Rock in Vienna gab es nur zwei Frontfrauen, nämlich bei Grossstadtgeflüster und Silbermond. Das Nova Rock und das Nu Forms Festival sind reine Eierschaukeln. Die FM4 Bühne beim Donauinselfest ist mit Bookings wie Little Simz, K.Flay und Akua Naru solide, aber ausbaufähig. Einzig das Popfest Wien und Waves Festival zeigen, wie es geht.

Spannende Frauen en masse

Was ich damit sagen will: das Argument, dass es keine spannenden Frauen gäbe, die man als Headliner oder für einen Abend-Slot buchen könnte, kann man nicht gelten lassen. Den heimischen Festival-Besucherinnen und Besuchern wird auch heuer wieder viel großartige Musik am Puls der Zeit vorenthalten – und das ist ein trauriger Befund!

Savages

OpenAir St. Gallen - Tatjana Rüegsegger / tatjanarueegsegger.ch

Savages

Nehmen wir zum Beispiel Savages, die am Samstag auf der Sternenbühne beim Open Air St. Gallen gespielt haben. Das britische Post-Punk-Quartett aus London ist intensiv, laut und gefährlich. Es ist eine Grenzgängertruppe mit Ecken und Kanten. Respekteinflößend, in ihrer Aufgekratztheit und kaputten Einheit, dem skalpellscharfen Heroin-Schick und dem androgynen Glamour der Sängerin Jehnny Beth. Sie ist eine Getriebene, Gepeinigte. Sie stürzt sich auf Stilettos ins Publikum, peitscht es auf. Sie schreit und fordert, faucht und flüstert die Wahrheiten unserer Zeit: „Don’t let the Fuckers get you down“. Und wenn sie schweigt, erledigt die Band den Rest. Allen voran der bitterböse Bass von Ayse Hassan, sie prügelt den Rhythmus, während Gitarristin Gemma Thompson die Songs zerfleddert. Das Schlagzeug von Faye Milton ist die stoische Konstante in den harten Anklagen und nervösen Zuckungen, den Abgesängen unserer modernen Welt.

Beth Ditto

OpenAir St. Gallen - Annette Flavia Matt / coolor.ch

Beth vs. Beth

Die Mark-und-Bein-erschütternde-Performance von Jehnny Beth ließ sogar die Show der fabelhaften Beth Ditto erblassen. Nicht wenige berichteten nach dem Savages-Konzert überrascht, dass es für sie das beste Konzert des bisherigen Festivals war – und das will was heißen, hatte doch ein paar Stunden zuvor Beth Ditto die Latte schon ziemlich hoch gelegt. Sie präsentierte mit ihrer herzigen Band ihr Solo-Album „Fake Sugar“ und spielte, zur größten Freude das Publikums, auch alte Gossip-Hits wie „Standing in the Way of Control“ und „Heavy Cross“. Songs, die auch nach Jahren nichts von ihrer Strahlkraft verloren haben, Hymnen, die leidenschaftlich von im Schlamm versunkenen Menschen mitgegrölt wurden. Das waren die hellsten Momente des Festivals, in denen Profanitäten wie Kälte, Regen und Gatsch durch die Magie ihrer Stimme und Musik zu Nichtigkeiten wurden. Später erklärte man mir dann, dass es sich hierbei um den Spirit des ganzen Festivals handelt – nämlich, die Realität zu überwinden und sich von nichts und niemandem die Laune verderben zu lassen.

Leute im Festivalschlamm

OpenAir St. Gallen - Michael Dornbierer / ausnahmezustand.ch

Und die Laune war bei Beth Ditto wie gewohnt die beste. Sie machte Witze, plauderte mit dem Publikum, versuchte sich im „Schwitzer-Dütsch“ und gestand, schon am frühen Abend betrunken zu sein. Ja, wer nicht?!

Publikum

OpenAir St. Gallen - Daniel Gassner / danielgassner.com

Diese Publikumsnähe zeichnet jedes Beth-Ditto-Konzert aus. Ihr Humor und das Gefühl, mit ihr auf Augenhöhe zu sein. Das sorgt für intime Momente inmitten tausender Menschen. Eine Seltenheit, die von Lorde am Sonntag Nachmittag noch getoppt wurde. Während des Konzerts setzte sie sich im strömenden Regen auf die Bühnenkante und plauderte mit dem Publikum. Sie erzählte aus ihrem Leben, über den wahnsinnigen, wahnsinnig überraschenden Erfolg. Dass sie vor vier Jahren noch nie in einem Flugzeug gesessen ist und jetzt um die ganze Welt jettet. Dass der Ruhm auch eine „Liability“, eine Belastung, ist. Und dass sie sich über die Maßen freue, in St. Gallen zu sein, und ihr die Schönheit der Location mitten im Wald die Sprache verschlage. Es schaue hier aus wie in einem Märchenwald.

Sitterbühne

OpenAir St. Gallen - Nick Lobeck / lobeck.photo

Und dann setzt sie wieder an zum Sprung, turnt und tanzt in ihrer einzigartigen Lorde-Weise (sie nennt es selbst „Ugly-Dancing“) über die Bühne. Sie feiert ihre Musik und sich selbst, erzählt von den Parties, von denen ihr neues Album „Melodrama“ handelt, und auch von der Einsamkeit. Dabei geht sie einem so entwaffnend nahe und ist dabei so bewunderswert reif, reflektiert, selbstbewusst, freundlich (nach jedem Song bedankt sie sich beim Publikum), lustig und bodenständig (wegen dem vielen Regen auf der Bühne beginnt sie selbst den Boden zu wischen und meint lapidar: „It’s time for a little housekeeping“) wie selten ein Act. Und ja, sie ist eine großartige Performerin, ihre Stimme, ihre Songs, ihre Persönlichkeit, alles greift ineinander und potenziert sie zum Superstar. Alleine der wummernde Bass nimmt uns zuweilen den Herzschlag, wobei ihr das schon längst gehört. Eines der besten Dinge der nächsten Jahre wird sein, dieser Zwanzigjährigen in ihrer Entwicklung zuzusehen. Merci vielmal, Open Air St. Gallen!

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