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Das Nashorn in der Kleidertasche

Die 41. Tage der deutschsprachigen Literatur werden heute eröffnet. Und die Liste der Antretenden verspricht Spannung. Mit dabei ist Noemi Schneider, die bereits einige Literaturwettbewerbe gewonnen hat und im Vorjahr beim FM4 Kurzgeschichtenwettbewerb Wortlaut auf Platz 2 gelandet ist.

Von Maria Motter

Noemi Schneider muss ihren FreundInnen den Bachmannwettbewerb nicht mehr erklären. „Ja, das ist lustig: Es ist tatsächlich so, dass ich immer im Juli in diesen vier Tagen vor der Glotze sitze! Es gab schon öfter die Situation, dass ich genau in der Zeit mit Freunden auf Urlaub war. Wir waren einmal in einem wunderbaren Haus in Italien. Tatsächlich habe ich den Fernseher angemacht und das geguckt bei schönstem Wetter, während die anderen im See waren.“

Jetzt stehen wieder die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ bevor, wie das live übertragene Wettlesen offiziell heißt - und für Klagenfurt sind morgen 31°C angesagt.

Noemi Schneider

Peter-Andreas Hassiepen

Noemi Schneider

„Ich sage immer, das ist so ein bisschen wie ‚The Voice of Germany‘, nur Literatur. Und ein bisschen härter! Nicht nur positives Fernsehen!“ Noemi Schneider lacht am Telefon. Jetzt könnte man weiter fragen, nach der Heidi Klum oder dem Dieter Bohlen unter den JurorInnen, aber das mache ich Sonntagnachmittag.

Bis dahin werden Noemi Schneider und dreizehn weitere AutorInnen um den Hauptpreis lesen: den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der ist mit 25.000 Euro dotiert. Diesmal treten u.a. Ferdinand Schmalz, bekannt als Dramatiker, Barbi Markovic, John Wray und Björn Treber an.

Die Reihenfolge, wer wann liest, wird ausgelost. Das passiert heute Abend bei der Eröffnung. Letztes Jahr spielte das Los Stefanie Sargnagel die Pole-Position zu. Hat Noemi Schneider einen Glücksbringer dabei, der in eine Jackentasche oder Handtasche passt?
„Ja, ich habe ein kleines Nashorn dabei, das mir meine Lektorin geschenkt hat. Und mal sehen, was das ausrichten wird.“

Ist das Nashorn dein Lieblingstier? Weil die antretenden AutorInnen können sich mit einem Videoporträt vorstellen und du trägst in deinem Videoporträt eine naturalistische Nashornmaske und liest in einer Benimmfibel.

„Mein Lieblingstier ist es nicht, aber seltsamerweise stoße ich derzeit ständig auf Nashörner. Kürzlich erst hat mich dieser herrliche Satz von Ludwig Wittgenstein gefunden: ‚Es lässt sich schlechterdings nicht beweisen, dass kein Nashorn im Raum ist.‘ Und einen Ausschlag hat eine Ausstellung im British Museum in London gegeben, das war ‚Germany: memories of a nation‘, die Neil MacGregor, der Direktor des Museums, gemacht hat. Er hat anhand von dreißig Objekten die deutsche Geschichte nacherzählt und u.a. kam da ein Schnitt von Albrecht Dürrer vor, der ein Rhinozeros gezeichnet hat, nur nach den Erzählungen zweier Reisender. Die Firma Meissen hat danach ein Porzellan-Rhinozeros gemacht. Der Souvenir-Shop war voller Nashörner, ich habe mir einen Schlüsselanhänger gekauft. Ich fand die Idee schön, dass, wenn man an Deutschland denkt, an Nashörner denken kann. Das war so der Ausschlag und dann gibt es viele Nashörner, die mir in den letzten Jahren begegnet sind.“

Das Setting in Klagenfurt ist für eine klassische Wasserglas-Lesung vorbereitet: Ein Stuhl an einem Tisch mit einem Glas Wasser für den Autor. Davon sind bislang auch nur wenige AutorInnen in Ihrem Auftritt abgewichen. Auch nicht Rainald Goetz, dessen Lesung 1983 schockiert hat, weil er sich die Stirn mit einer Rasierklinge aufgeritzt hat. Keine Sorge, Rainald Goetz hat die Aktion überstanden. Geblieben ist ihm allerdings eine Narbe. Bereut hat er die Selbstverletzung nicht, erklärte er in einem Interview, vielmehr empfindet er Freude, wenn er an Klagenfurt damals denkt. Wenn Noemi Schneider sich aussuchen könnte, welches Getränk sie lieber am Tisch hätte als Wasser, antwortet sie „Pimm’s No. 1.“

Den Bachmannwettbewerb mit allen Lesungen und den Diskussionen der Jury kannst du live auf 3sat und als Live-Stream über 3sat.de mitverfolgen. Mittwittern: #tddl. Aus dem 3sat-Außenstudio in Klagenfurt meldet sich Zita Bereuter mit aktuellen Interviews. Wir berichten täglich on air und auf fm4.orf.at

Noemi Schneider hat Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in München studiert. Wie ist denn die Inszenierung des Bachmannwettbewerbs im ORF Landesstudio Kärnten? Hat man da Möglichkeiten, sich vorab zu orientieren?

„Mit dem ORF Landesstudio ist es ein bisschen so, wie es mir immer mit Großbritannien gegangen ist. Also, man guckt ganz viele Filme, ich habe immer ganz viele Filme über London gesehen, und dann steht man zum ersten Mal in Notting Hill und ist irgendwie gar nicht überrascht, weil man das Gefühl hat, man kennt das schon. Und da ich seit fünfzehn Jahren den Bachmannpreis schaue, ist das eine ganz merkwürdige Sache. Ich habe das Gefühl, ich kenne mich da schon aus und weiß, wie es läuft, und wahrscheinlich wird es ganz anders werden, wenn ich dort zum ersten Mal stehe und die Raumdimensionen sehe.“

Das Wettlesen kann man als höchst unterhaltsam empfinden oder kritisieren. Fakt ist: Endlich wird wieder stundenlang in einer Sendung über Texte und Literatur geredet! Bei Literaturbewerben hat Noemi Schneider schon öfter gewonnen, ihre Kurzgeschichten „NEBEL rückwärts“ und „PME“ für FM4 Wortlaut kann man online lesen. Welche Geschichten sind ihr die liebsten? Und mit welchen kämpft sie?

„Wenn ich mit einer Geschichte kämpfe habe ich sie bereits verloren. Die Geschichte hat immer die Oberhand und es hat einige Zeit gedauert, bis ich kapiert habe, dass ich eine Geschichte nicht zwingen kann, geschrieben zu werden. Ich kann sie animieren und inspirieren, vorbereiten und an die Hand nehmen, ihr Material hinschmeißen, sie anflehen und anschreien und ihr drohen aber die Geschichte ist unerbittlich, sie entscheidet ob, wann und wie sie geschrieben werden will. Und das sind mir die liebsten Momente, wenn sich die Geschichte endlich entschieden hat und sich mir nach und nach öffnet und ich das Privileg habe - das immer auch harte Arbeit bedeutet - , sie schreiben zu dürfen.“

Noemi Schneiders Debütroman „Das wissen wir schon“ ist 2017 bei Hanser Berlin erschienen. Alex Wagner hat den Roman gelesen, hineinlesen kannst du hier.

Klagenfurt in Zeiten des Bachmannwettbewerbs gilt als Ort, wo AutorInnen einen Verlag finden bzw. Verleger neue AutorInnen. Nun, einen Verlag hast du schon, dein Debütroman „Das wissen wir schon“ ist heuer bei Hanser Berlin erschienen. Was reizt dich am Bachmannwettbewerb?

„Ich mag dieses Spektakel einfach und wollte da immer schon mal meinen Hut rein werfen, wenn ich einen Text habe, der dahin passt und da dieser Text noch ganz geheim ist und ihn niemand kennt - bis auf vier Leute - bin ich sehr gespannt und neugierig, was mit dem Text in Klagenfurt passieren wird, denn ich habe keine Vorstellung davon, was passieren wird. Und das finde ich einfach wunderbar.“

Bei den Lesungen um den Ingeborg-Bachmann-Preis sind ausnahmslos unveröffentlichte, deutschsprachige Prosatexte mit einer maximalen Lesedauer von 25 Minuten zugelassen. Hast du viele Texte, die da in Frage kämen, auf deiner Festplatte?

„Ich habe EXTRA!!! einen dafür geschrieben.“

Extra etwas schreiben und gewinnen könnt ihr beim Twitteraturwettbewerb. Zur Einstimmung auf den Lesemarathon melden sich Hannes Duscher und Roland Gratzer mit und für TOP FM4 heute ab 19.00 aus Klagenfurt. Mit facebook-Livestream und Special in der FM4 Homebase heute Abend. Bis dahin: Stand-up Paddling oder Tauchen? „Brustschwimmen!“, empfiehlt Noemi Schneider.

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