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„Das sind Mind Games, die hier stattfinden“

Der Lesemarathon um den Bachmann-Preis ist eröffnet. Mit Lustern in Partyzelten und John Wray als Benchmark am ersten Tag.

Von Maria Motter

„Da ist ein Raum, wo alles für das Fernsehen übertragen wird und in dem vierzehn Autoren lesen. Davor ist ein kleiner Garten und da sitzen so fünfzig Leute. Es ist eigentlich gar nicht so groß, aber es kommt halt die ganze deutschsprachige Verlagswelt her. Es trifft sich eine gewisse Szene von Verlagsleuten hier und die gehen auch immer am Abend Party machen und dann in irgendwelche Klagenfurter Kleinstadtdiscos. Und dort flippen sie voll aus und schmusen. Es ist wie eine Betriebsweihnachtsfeier, ein bisschen.“

Stefanie Sargnagel, Zita Bereuter und Voodoo Jürgens im Garten

Maria Motter

Stefanie Sargnagel, Zita Bereuter und Voodoo Jürgens im Garten

So erklärt Stefanie Sargnagel im FM4-Interview die Atmosphäre beim Wettlesen um den Bachmann-Preis. Sie hat das Geschehen im Beobachtermodus verfolgt. Weil sei letztes Jahr bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur den Publikumspreis gewonnen hat, ist sie Stadtschreiberin in Klagenfurt.

Ein Kindl unter Hunden: Karin Peschka

Jetzt hat der Lesemarathon um den Bachmann-Preis 2017 begonnen. Sportlich betrachtet, ist Österreich gestartet, denn das Los hat Karin Peschka den ersten Platz zugewiesen. Um Punkt zehn Uhr vormittags beginnt die Live-Übertragung und der erste Text heißt „Wiener Kindl“.

Bachmannpreis 2017

ORF/Johannes Puch

Der Text in 3 Sätzen:
„Das Kindl aber, stärker geworden in der Zwischenzeit, spielt Xylophon auf ihren Rippen. (...) Lag das Klinikschreiben, datiert vor wenigen Tagen, in einem Kuvert unter Tonnen von Schutt, der Vater nicht weit daneben. (...) Das fremde und schöne Wort Weigelie hatte sich das Kindl gemerkt, ohne es aussprechen zu können, und wo der Feigenbaum immer noch stand, zerrupft und nur ein wenig schief.“

Tier im Text:
Kois, Frösche, Hunde, Rind als Hundetrockenfutter.

Das sagt die Jury:
Neo-Bachmannwettbewerb-Juror Michael Wiederstein würde ein Achtel des Textumfangs streichen. Hubert Winkels wendet ein, dass Lektoren strenger seien als Juroren. Und das bei der ersten Lesung am Morgen des ersten Tages der 41. Tage der deutschsprachigen Literatur! Zugelassen sind nur unveröffentlichte Prosa-Texte, deren Vorlesezeit 25 Minuten nicht überschreitet. Und die JurorInnen kennen die Texte vorab. Schließlich lesen die teilnehmenden AutorInnen auf Einladung jeweils eines Jury-Mitglieds.

Einer unter Trauernden: Björn Treber

Björn Treber ist der Jüngste der antretenden Autoren, er wurde 1992 in Klagenfurt geboren. Sein Text „Weintrieb“ führt im Sekundenstil durch ein Begräbnis auf jenem Friedhof, auf dem auch Ingeborg Bachmann begraben liegt. Auffällig ist, wie klein Treber die Schriftgröße gewählt hat und sich dennoch nicht verliest. Gesenkte Lider, fokussiert.

Bachmannpreis 2017

ORF/Johannes Puch

Der Text in 3 Sätzen: „Eine Schar aus Trauergästen bildet einen Halbkreis um den Katafalk herum. (…) Während sich der Geruch der Trauergäste mit dem Geruch der Kerzen vermischt, sehe ich das Glitzern einer halben Träne in seinem linken Auge, sehe das Zittern seiner Stirnfaltenlinien, schlagende Vogelflügel über den Augen, und helle Vogelschreie in seinen Pupillen. (…) Seine Augen starren mir kurz ins Gesicht, als suchten sie etwas.“

Tier im Text: Graue und schwarze Raubvögel, nicht näher bestimmt.

Das sagt die Jury: Höflich übt die Jury Kritik am Text. Selten habe sie eine so „frische Schilderung eines Begräbnisses gelesen“, sagt Hildegard E. Kelller, „aber nur vierzehn Minuten?“ Neu in der Jury ist der Publizist und Germanist Michael Wiederstein aus der Schweiz, mit viel Sonne im Gesicht aus Athen. Er hat das „Gefühl, der Ich-Erzähler ist nur halb zum Trauern da.“ Meike Feßmann liest den Text entgegen gesetzt.

Emotionen am Schilfrand: John Wray

„Man muss sich ja ganz schön viel einbilden, um weiter zu machen“, sagt John Wray in seinem Videoporträt, das vor der Lesung eingespielt wurde.

John Wray liest

ORF\Johannes Puch

Der Text in 3 Sätzen: „Eines Tages nach der Arbeit, als Madrigal in ihrem Kaltfusionkombi die Feuchtigkeit entlang fährt, wird sie von einer plötzlichen Welle der Emotionen überrascht, die sie zwingt, am Schilfrand anzuhalten. (…) Das Wesen bewegt sich in engen, ziellosen, verspielten Kreisen, gleichgültig dem Auto gegenüber, und als plötzlich Sonnenlicht auf seinen Hals, seine Brust fällt, sieht Madrigal, dass sie sich getäuscht hat. (…) Die Schwester, die Schwester ist interessant.“

Tier im Text: Rothalstaucher im Brutgefieder. Kakapo! Kiwi.

Das sagt die Jury: Der Text „Madrigal“ zeige schon sehr stark, was er könne. Er habe es total in sich, sei brillant. Als Zuschauende hat man den Eindruck, der Text wäre der Jury gar zu brillant. Gar „crazy“ und „messy“ sei er! Wie es der Autor schaffe, das in in diesen Klagenfurt-Setzkasten von 25 Minuten zu packen, fragt sich ein Jurymitglied. „Da rast jemand mit dem Mähdrescher durch eine Kleingartenkolonie“. Und ja, das ist ein Statement und noch viel mehr sollten literarisch derart souverän losrasen. Souverän und höchst solide ist auch John Wrays Art, seinen Text zu präsentieren. Bislang hat der Autor, der einen amerikanischen Vater und eine Kärntner Mutter hat, auf Englisch geschrieben. „Madrigal“ ist sein erster, gleich im Original auf Deutsch geschriebener Text.

Im Abendland der Untergang: Noemi Schneider

Bevor John Wray am ersten Tag des Lesemarathons zur Trade- und Benchmark erklärt wird und sich Daniel Goetsch sagen lassen muss, dass sich Klaus Kastberger seinen Text „Der Name“ als „John-Wray-Verdichtungsmaschinerie“ gewünscht hätte, ist Noemi Schneider an der Reihe. Noemi Schneider hat etliche Schreibwettbewerbe gewonnen, bei FM4 Wortlaut ist sie im Vorjahr auf den zweiten Platz gekommen. „Fifty Shades of Gray“ ist ihr Beitrag, den sie extra für den Bachmannwettbewerb geschrieben hat.

Bachmannpreis 2017

ORF/Johannes Puch

Der Text in 3 Sätzen: „Was nimmt man mit, wenn man weiß, dass man nie mehr zurückkehrt? (…) An der Tür klebte ihr letztes Bild: eine kotzende Malina-Karikatur vor dem Internat, aus ihrem Bauch kamen die Eingeweide raus. Mir gefällt’s hier, stand drunter.“

Tiere im Text: Mönchsittiche. Gestohlene Pferde.

Das sagt die Jury: Sandra Kegel verortet sogleich den Text: Es handle sich um eine umgekehrte Fluchtbewegung, die zwei Protagonistinnen seien auf der alten Casablanca-Route unterwegs. Die Jurorin hebt das Zwiegespräch zwischen Figur und Leser hervor. Der Juryvorsitzende Hubert Winkels liest den Untergang des Abendlandes in der Geschichte, aber Klaus Kastberger kann diese Tiefe nicht finden und wird mit jedem Satz, den er über die seiner Auffassung nach „biederlichste Apokalypse“ sagt, härter in der Kritik. Der Text brauche gar ein Vorwort, gern vom Jury-Vorsitzenden Winkels. Dass eine Person im Text ausgerechnet Malina heißt, beachtet die Jury nicht weiter.

Schwach am Flachmann: Daniel Goetsch

Wobei sonst beim Bachmannwettlesen zumeist gilt: Hat ein Jury-Mitglied irgendetwas aus dem Leben Bachmanns zu erzählen, darf das lang ausgebreitet werden. So auch nach der Lesung von Daniel Goetsch.

Bachmannpreis 2017

ORF/Johannes Puch

Der Text in 3 Sätzen: „Immer öfter, wenn wir im Gloria am Flachmann nuckelten, fühlte ich mich zu schwach, um ihr meine volle Aufmerksamkeit zu widmen. (…) Wünschte mir, wir hätten uns erst gar nicht auf Deutsch unterhalten können. (…) ‚Experts in Teuschtum‘, fügte er mit dem ihm eigenen Humor hinzu.“

Tiere im Text: Schlafende Hunde.

Das sagt die Jury: Das sei eine einzige Identitätsauflösungsgeschichte, erklärt Hubert Winkels. Aber ob sich das in einem Romanauszug ausginge? Auch Klaus Kastberger ist skeptisch, ob das „Klagenfurtformat Romanauszug“ hier aufgeht. Gelobt wird jedoch die „raffinierte Anlage des Textes“ und Stefan Gmünder meldet sich zu Wort. Fast hätte man gedacht, der Juror Gmünder wäre noch nicht in Klagenfurt anwesend, so ruhig war er den ersten Lesetag hindurch. Aber jetzt: „Erinnerung ist Wertarbeit“. Gmünder „spürt da drinnen die ganze Recherche“. Doch Lob klingt anders.

Harter erster Tag

Manchmal merkt man, wie man den Kopf beim Zuschauen zwischen den Schulterblättern einzieht, weil die Kritik überraschend hart ist.

Der erste Tag war doch eigenartig hart, als Zuseherin und für die Lesenden. Morgen darf man sich auf den Dramatiker Ferdinand Schmalz und seinen Prosa-Text freuen sowie auf Barbi Marković und Verena Dürr, die heuer ebenfalls antreten. Heute Abend geht es für die Bachmannwettbewerb-Fanbasis nicht in die Disco, sondern zur Bürgermeisterin.

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