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Pohoda Festival Sonnenausblick

Augustini

festivalradio

At Pohoda, love is all around

„I feel fine, free, exorbitant, relaxed and beautiful“. Wie das Pohoda Festival in Trenčin in der Slowakei an nur drei Tagen das Komfort- und Selbstwertgefühl steigert und wie wichtig dabei die Tradition für das Festival ist. Und, welche schönen Nebeneffekte die Auftritte von M.I.A., Solange und alt-J zusätzlich beisteuern.

Von Lisa Schneider

Der „spirit of Pohoda“ ist das Thema, worüber am alten Flughafengelände von Trenčin alle sprechen. „It’s about feeling free, it’s about art and tolerance, and the art of tolerance“, erklärt mir eine federn- und blumengeschmückte Besucherin. Das klingt verdächtig nach einer Zweitauflage des Hippie-Mekka Woodstock. Aber wieso eigentlich nicht?

BesucherInnen am Pohoda Festival

Ludia Prichod

Schon beim Ankommen am Bahnhof im verschlafenen Städtchen Trenčin, gute einenhalb Zugstunden von Bratislava entfernt, muss ich den frühmorgendlichen Wiener Grant zügeln und bin überrascht, als mir jemand den zu schweren Koffer abnimmt. Aber das war erst der Anfang. Nicht nur die Menschen, die am Pohoda arbeiten oder es besuchen, sind unheimlich zuvorkommend und freundlich – etwa, als ich versuche, den slowakischen Bankomaten zu enträtseln – sondern überhaupt jede und jeder, der mir hier begegnet. Das Pohoda Festival ist einfach nur der Höhepunkt dieses Gemeinschaftssinns.

Festival for body & soul

In den letzten Jahren sind Festivals, auf denen es Kinderbetreuung, vegane und laktosefreie Nahrungsmittel und Pilates-Kurse gibt, wie die Eierschwammerl aus dem feuchten Waldboden gesprungen. Es ist also jetzt nichts Neues, dass es in Trenčin „Yoga at Pohoda“ gibt, oder ein „Family Tent“, bei dem tatsächlich rund um die Uhr Musikstudenten zur Kinderbetreuung zur Verfügung stehen. Der Unterschied ist nur, dass das Pohoda keine Hipster-Anbiederung probiert, sondern einfach seine Tradition lebt. Ich treffe schon am ersten Tag zum Beispiel einen jungen Vater, seine dreimonatige, fröhlich glucksende Tochter im Hängegurt auf den Bauch geschnallt, der mir erzählt, er komme seit 15 Jahren hierher.

Mit Baby am Pohoda Festival

Ludia Prichod

Und auch, wenn viele Kinderwägen unterwegs sind, ist das kein Werbetext für familienfreundliche Fortgeh-Angebote. Am Pohoda wird genauso getrunken und durchgefeiert, geknutscht und sich blöd aufgeführt wie auf jedem anderen Festival. Der Unterschied ist nur das Hineinwachsen in die erwähnte Tradition, das erste Mal kommen die meisten als Teenager hierher, später zu ihrem Polterabend, später dann, um ihre zwanzigjährige Freundschaft zu feiern.

Keep it clean, baby

Das Pohoda gilt außerdem als eines der saubersten Festivals Europas, an die 600 Volunteers kümmern sich darum, das Pohoda-eigene Toilettenpapier überall rechtzeitig zu verteilen genauso wie Zahnbürsten und -pasta. Ist ein Konzert vorbei, strömen sofort zehn bis zwanzig HelferInnen herbei, sammeln allen Müll ein, und weiter geht’s. Zigarettenstummel am Boden findet man kaum. Das Limit von 30.000 BesucherInnen zeigt seine angenehmen Auswirkungen vor allem dann, wenn man zu den Schlangen vor den Toiletten oder Gastro-Ständen kommt: Das sind höchstens Blindschleichen.

Das Pohoda ist ein Festival, das seit 21 Jahren eine Tradition schafft und weiterführt. „I come here every year because of the people, not even the music“, erzählt mir gefühlt jede/r Dritte. Man kommt hierher, um Freunde zu treffen, die man sonst das ganze Jahr lang nicht sieht, oder um neue Freundschaften zu schließen. Ein junger Besucher erzählt mir, dass die slowakische Bevölkerung seiner Meinung nach eine sehr konservative ist, und er sehr froh ist, dass es Events wie dieses gibt, wo Freiheit, Toleranz und Freisinn groß geschrieben werden. „Pohoda is not just a festival, it’s a state of mind.“

Atmosphäre Pohoda Festival

Koskicova

Und obwohl eine Besucherin das Festival mit Glastonbury vergleicht, muss einem klar sein: Es ist tatsächlich kein klassisches Musikfestival. Hier muss man sich einlassen, man sollte die dichten Timetables durchforsten, um zumindest eine Lesung im Literaturzelt zu hören, um eine Diskussion über die EU zu verfolgen oder sich sein eigenes Instrument aus Holz zu basteln. Das Pohoda ist unbedingt als Gesamterlebnis zu verstehen, wer hier „nur“ für die Musik kommt, wird vielleicht ein bisschen enttäuscht sein.

Zwei Besucherinnen, die spontan angereist sind, erzählen genau das, ihnen fällt das Musikprogramm zu wenig dicht aus. Sie sind mehr Fans der elektronischen Musik, haben ihre Freude dann schließlich im Technozelt gefunden, wo sie bis in die frühen Morgenstunden durchgetanzt haben. Sie waren ganz scheu anfangs, weil sie das Festival keinesfalls schlecht machen wollten. Das ist auch so eine Sache, die hier immer mitschwingt: der unheimliche Stolz auf das (landes-)eigene Festival. Ich habe fast nur slowakische Besucher getroffen, obwohl ich mir sicher war, dass auch viele Österreicher hinüberfahren würden. Dem war aber nicht so, auch, wenn die Distanz nicht weiter erwähnenswert ist.

alt-J am Pohoda Festival

Tomas Tkacik

Die Headliner

Es wäre interessant zu wissen, wie main acts wie alt-J oder Jake Bugg es einschätzen, auf einem Festival zu spielen, bei dem das Drumherum zwar nicht wichtiger, aber sicher genauso wichtig ist wie die Musik selbst. Auf der Pressekonferenz geben sich alt-J verhalten höflich: „We’re very much looking forward to our gig tonight. The location is just perfect, beneath the mountains, the weather is nice and we always love to play to an audience for the first time, to play for new fans.“ Jake Bugg macht sich die Mühe ganz in passender Gallagher-Attitude nicht wirklich, gute Laune an den Tag zu legen, er hat am Vortag einfach zu lang gefeiert. Die Fragen beantwortet er, wie er es für die Interviews vorbereitet hat, auf Trenčin oder das Festival direkt kommt die Sprache nicht.

Jake Bugg am Pohoda Festival

Tomas Tkacik

Müde beim Interview, superfit auf der Bühne: Jake Bugg

Die Shows von beiden, Jake Bugg und alt-J, sind hervorragend, die ersten dreißig Reihen vor der großen Urbiner-Stage angefüllt mit hüpfenden Fans, für die Bands ist es ein weiterer unter vielen Festivalgigs, für viele der Besucher die Erfüllung eines Wunschtraums.

M.I.A. am Pohoda Festival

Tomas Tkacik

M.I.A. auf ihrer wohl letzten Tour für längere Zeit.

Ebenso wie die Shows von M.I.A., die nach ihrem letzten Album „Aim“ ihre wohl letzte Tour spielt, oder die lange erwartete Solange, deren wunderbares an Bobby Brown angelegtes Set zwar anfangs von klatschenden BesucherInnen, dann allerdings von dicken Regentropfen davongetragen wird. Abgebrochen wird aber nicht, die Crowd feiert sie dafür, es geht weiter, die Lockenpracht wird geschüttelt, heiß oder kalt, trocken oder nass.

Birdy am Pohoda Festival

Kotrhova

Birdy am Klavier, ein Besucher erzählt: „I love her, because she’s just such an amazing pianist.“

Publikumsliebling bleibt die englische Künstlerin Birdy, die am zweiten Tag schon vor der großen Solange gespielt hat, nachdem der Regen in der Nacht davor schon einmal alle bis auf die Knochen durchnässt hat. Sie holt die Sonne hervor. Am Klavier, im glitzernden Meerjungfrauenkleid wirkt sie wie eine Nymphe, die aus den Pfützen hinauf auf die Bühne gestiegen ist. Die ZuseherInnen danken es ihr, die Zugaben wollen nicht enden, es macht zu viel Spaß.

Publikum bei Birdy am Pohoda Festival

Kotrhova

Nach drei Tagen am Pohoda versteht man die Menschen, die jedes Jahr wiederkehren. „It’s just three days of holiday here. We just set our minds free, to be free.“ Es ist wie ein großer, gemeinsamer Rausch, aber der gute, nicht der, der am nächsten Tag das Kopfweh bringt.

Der Pohoda-Spirit

Es steht, neben dem Poetry Cafe, wo man seinen Kaffee mit selbstgeschriebenen Gedichten bezahlt, ein kleines Zelt, eigentlich ist es mehr nur eine Abdeckung. Darunter steht ein altes, wunderschönes, abgenutztes, kleines Piano, und jeder, der möchte, kann es bespielen. Fast zwei Stunden habe ich da einem jungen Mann zugehört, der mit seinen besten Freunden hier ist, „just to jam and have a good time“, sie spielen Coldplay-Songs.

Und in diesem kleinen, familiären Szenario wurde gelacht und gesungen und geklatscht, getanzt. Das Kleine im Großen, eine kleine Metapher für das, was das große Rundherum ausmacht, die Essenz des Pohoda Festivals.

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