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Die Preisträger mit ihren Preisen

FM4 / Daniel Grabner

Tod und Rehragout

Die Gewinner der 41. Tage der deutschsprachigen Literatur: Der Grazer Ferdinand Schmalz gewinnt den Bachmannpreis. Karin Peschka den Publikumspreis und löst Stefanie Sargnagel als Klagenfurter Stadtschreiberin ab.

Von Daniel Grabner

Als die Jury in der heutigen Übertragung der Preisvergabe gerade darüber abstimmt, wer den 3Sat-Preis gewinnen soll, und sich Gianna Molinari als Favoritin herauskristallisiert, zoomt die Kamera nah an ihr Gesicht heran. Es ist ein Gesicht, das man eben so macht, wenn man kurz davor ist, einen wichtigen Preis zu gewinnen oder eben nicht zu gewinnen und man im Monitorbildschirm sieht, dass die Kamera gerade voll draufhält. Der Kollege neben mir deutet die Anspannung im Gesicht anders und erzählt mir, dass Molinari gestern Nacht mit Stefanie Sargnagel durch Klagenfurt gezogen ist, die ihr die Stadt gezeigt hat.

Stefanie Sargnagel hat sich dieses Jahr bei den TddL nur zweimal blicken lassen, am Eröffnungsabend und am Tag darauf, um mit Voodoo Jürgens ein Interview zu geben, zu dem sie 40 Minuten zu spät gekommen ist. Irgendwie fehlte der Sargnagelfaktor dieses Jahr. Ihre Teilnahme, ihre Anwesenheit und ihr Text haben dezent am Selbstverständnis der TddL gekratzt. Das merkte man, an den Gesprächen mit Literaturblogger- und BesucherInnen (sanfte Empörung, Kopfschütteln, Belustigung), an der Jurydiskussion nach ihrer Lesung (Ist das Literatur?) und auf Twitter (einhelligster Jubel). Letztes Jahr hatte man das Gefühl, dass die vielerwähnte Blase, innerhalb derer sich dieser Event abspielt, ein bisschen durchlässiger geworden war.

Bilder aus Klagenfurt

FM4 / Daniel Grabner

Bei den heurigen 41. TddL gab es keine solche Attraktion. Die Blase war geschlossen wie eh und je, draußen stürmt die Welt und drinnen sitzen Menschen auf Heurigenbänken und tauchen in die Geschichten von vierzehn Auserwählten ein. Aber wie das mit Geschichten so ist, wenn sie nur einigermaßen gelingen, holen sie die Welt ein Stück weit herein. Fünf davon wurden heute ausgezeichnet.

Ferdinand Schmalz gewinnt den Bachmannpreis

Sein Text „mein lieblingstier heißt winter“ beschäftigt sich, so der Dramatiker aus Graz, mit der Art und Weise, wie unsere Gesellschaft mit dem Tod umgeht. Der Gefrierkostlieferant Franz Schlicht wird gebeten, einem Krebskranken beim Selbstmord zu unterstützen. Dieser will aus vielen einzelnen Stücken tiefgefrorenen Rehragouts ein Reh zusammenbasteln, ehe er sanft dem Kältetod erliegt. Die Jury war begeistert und Schmalz galt bis zuletzt als Favorit.

Deutschlandfunk Preis für John Wray

Für John Wray war die Teilnahme ein Wagnis. Nicht weil er wie manche andere noch keinen Verlag im Rücken hatte, sondern weil er zum ersten Mal einen Text auf Deutsch geschrieben hatte, „nicht seine Muttersprache, aber die Sprache seiner Mutter“ (Sandra Kegel). Der renommierte Autor aus den USA überzeugte in seinem Text „Madrigal“, einer Geschichte zweier Geschwister, mit einer virtuosen Erzählstruktur.

Bilder aus Klagenfurt

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Gianna Molinari gewinnt mit „Loses Mappe“ 3Sat-Preis

Zwei Themen, die sich in mehreren Texten wiederfanden, waren Flucht und Migration. So auch in Gianna Molinaris Erzählung über den Security-Mitarbeiter Lose, der beobachtet, wie ein Mensch vom Himmel fällt. Dieser Mensch, der sich auf der Flucht im Fahrgestellraum eines Flugzeugs versteckt und so tödlich verunglückt, lässt Lose nicht los und er beginnt Informationen um den Vorfall zusammenzutragen und in einer Mappe zu sammeln. Im Fließtext der Erzählung hat Molinari Faksimiles und Fotos des Inhalts dieser Mappe montiert.

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Kelag-Preis an Eckhart Nickels vertrauensunwürdige Himbeeren

Für Eckhart Nickel war es ein gewisses Risiko anzutreten. Auch er trat ohne Verlag zum Wettlesen an. Hätte die Jury seinen Text verrissen, hätte das die Suche nach einem Verleger für Jahre erschweren können. Auch begab sich der promovierte Literaturwissenschaftler, Journalist und ehemaliges Mitglied diverser Jurys, plötzlich auf die andere Seite, die unsichere, prekäre Seite des Autors, der sich dem Urteil anderer aussetzt. „Hysteria“ heißt sein Text, der mit einem Satz beginnt, der zurecht als der schönste des Wettbewerbs bezeichnet wurde: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht“. Die Geschichte eines Menschen, dessen übersensible Wahrnehmung ihn an der Grenze zum Wahnsinn balancieren lässt. In einer Welt, in der nicht klar ist, ob die latente Bedrohung echt oder nur Einbildung ist und in der der Mensch die Grenze zwischen Künstlichkeit und Natur aufzulösen beginnt.

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Karin Peschka wird Stadtschreiberin

Die Wienerin Karin Peschka hatte einen durch die Lesereihenfolge bedingten, schweren Stand. Sie eröffnete das Wettlesen am Donnerstag. Wer beginnt, läuft Gefahr, bis zur Preisvergabe „vergessen“ zu werden. In ihrem Text „Wiener Kindl“ lag die Bedrohung schon in der Vergangenheit. Ein postapokalyptisches Wien, in dem ein Kind mit Entwicklungsstörungen unter Hunden lebt. Obwohl die Jury vom Text angetan war, wurde sie in den Abstimmungen am Sonntag nicht mehr erwähnt. Die Zuseher haben sie nicht vergessen, sie verliehen ihr den Publikumspreis.

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Schön: die Farbe des Wörthersees am Samstagnachmittag: azur-türkis.

Schade: Barbi Markovic und Noemi Schneider gingen leer aus.

Nett: Björn Treber, der mit 25 Jahren jüngste Teilnehmer bei den TddL, war nach der Besprechung etwas niedergeschlagen. John Wray ging zur Aufmunterung mit ihm Tennisspielen.

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Schräg: Die Juroren Hubert Winkels, Klaus Kastberger und Autor Eckhart Nickel befanden sich Samstagabend für sehr kurze Zeit tanzend auf ein und derselben Tanzfläche.

Nebensächlich: In der Schwulenbar „Stadtkrämer“ weiß man nicht, wie man einen Averna Sour mixt.

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