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Sündigen gegen das Erwachsenwerden

In Simon Strauss’ Debütroman begeht ein junger Mann die sieben Todsünden aus Angst vor dem Erwachsenwerden.

Von Conny Lee

Die sieben Todsünden verkaufen sich einfach immer gut. Sie üben eine eigene Faszination aus, die sie zu einem beliebten Stoff für Geschichten macht. Das Spannende an David Finchers Film “Sieben”, damals 1995, war zum Beispiel, wie der Serienkiller seine Opfer entsprechend der von ihnen begangenen Todsünden ermordete. Eine bekannte Eismarke hat vor einigen Jahren die sieben Todsünden sogar als Eissorten herausgebracht. Und im Debütroman des Autors Simon Strauss nimmt sich ein namenloser Protagonist vor, in sieben Nächten die sieben Todsünden zu begehen. .

Sieben Nächt Cover klein

Blumenbar Verlag

Simon Strauss’ Debütroman “Sieben Nächte” ist erschienen beim Verlag Blumenbar

Die Hauptfigur in “Sieben Nächte” hat Angst vor dem 30. Geburtstag und davor, erwachsen zu werden und nichts Aufregendes erlebt zu haben. Er hält ein Plädoyer für das Träumen und Empfinden, wider die Vernunft und der Anpassung, ganz im Geiste der Stürmer und Dränger. Ein nicht näher beschriebener Bekannter, dem er seine Ängste schildert, fordert ihn zu einem Experiment auf. Sie schließen einen Pakt:

Immer um sieben Uhr abends würde er sich melden und mich auf einen Streifzug schicken durch die Stadt. Immer würde ich einer Sünde begegnen, eine der sieben Todsünden. ‘Auf dass du eine findest, in der du dich wohlfühlst. Oder dich für immer von ihnen abkehrst’, hat er gesagt. Eine Nacht lang hätt ich Zeit nach dem Sturm zu suchen, ihn selbst zu entfachen. Aber wenn der Morgen graute, müsste ich geschrieben haben. Bis sieben Uhr früh sieben Seiten, jedes Mal.

Dieser mysteriöse Fremde steht „auf der anderen Seite“, denn er ist schon über dreißig. Davor, diese Altersgrenze zu überschreiten, fürchtet sich der Protagonist so sehr, dass er loszieht und die sieben Todsünden begeht: Hochmut, Völlerei, Faulheit, Habgier, Neid, Wollust und Jähzorn. Danach schreibt er darüber und diese Briefe ergeben das Buch, das wir lesen. So verrucht dieses Projekt anmuten mag, bürgerlich und harmlos begeht der Protagonist jedoch alle Sünden: Er zeigt Habgier, indem er auf der Pferderennbahn 20 Euro verspielt, oder betreibt Völlerei, indem er in einem teuren Lokal sehr viel Fleisch essen geht:

Fleischessen ist böse geworden. Wer darauf verzichtet, rettet die Welt. Wer es verachtet, der isst auf der richtigen Seite. Wer es aber salzt und pfeffert, der gilt als unverbesserlicher Reaktionär. [...] Ich esse Fleisch, damit ich werde, was ich noch nicht bin. Jemand, der nicht das nachmacht, was andere ihm vormachen, der selbst seinen Ton findet. Der eigene Überzeugungen hat, sie gegen andere verteidigt, sich traut, den Mund aufzumachen, auch wenn er in der Minderheit ist.

Die Hauptfigur strebt Widerstand und Exzess an, bleibt dabei allerdings immer auf sicherem Terrain. Es scheint, als könne sie einfach nicht aus ihrer bürgerlichen Haut. Und dabei streut der Ich-Erzähler immer wieder bildungsbürgerliche Zitate ein, von Schiller, Rilke oder Bruckner oder aus dem Lateinunterricht. Es ist schwierig zu sagen, ob es sich hier um die Hauptfigur oder den Autor selbst handelt, der unzufrieden ist vor lauter Wohlstand, Angst davor hat, sein ganzes Leben in der behüteten Glücksblase zu verbringen, und uns seine Bildung unter Beweis stellt. Simon Strauss ist nämlich selbst 29 und der Sohn des erfolgreichen Dramatikers Botho Strauss.

Während man Sieben Nächte liest, empfindet man entweder selbst die Angst vor dem Erwachsenwerden, oder erinnert sich an die Angst zurück. Am Ende scheitert der Widerstand aber. Obwohl die sieben Todsünden als Kampf gegen das Erwachsenwerden gedacht waren, werden sie stattdessen zur Initiation. Denn dem Bürgertum und dem Älterwerden kann man nicht entkommen.

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