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Arcade Fire live in Linz

Christian Stipkovits

festivalradio

Das Wetter ist schön, ihr seid es auch

Konstantin Gropper von Get Well Soon bringt’s auf den Punkt. Das ahoi! The Full Hit Of Summer gestern an der Linzer Donaulände war ein fantastischer Abend. Und das vor allem wegen des heuer einzigen Österreich-Auftritts von Arcade Fire.

Von Lisa Schneider

Gestern bin ich mit dem Zug von Wien nach Linz gefahren. Schräg hinter mir saßen da ein Neuseeländer und seine beiden Freunde, einer, nehme ich an, war Pole. Sie haben eine halbe Stunde der Zugfahrt damit verbracht, die Alben von Arcade Fire nach awesomeness zu reihen, und am Ende waren sie sich schließlich einig, Nummer eins muss „The Suburbs“ sein, das beste Album übers Aufwachsen und trotzdem nicht erwachsen Werden.

Diese drei sind, so wie ich, aufs ahoi! The Full Hit Of Summer gefahren, um dort eine Band zu sehen, zu der jeder Fan seine eigene Geschichte hat. Der erwähnte neuseeländische etwa hat das erste Album damals von seiner Schwester geschenkt bekommen, vor zehn Jahren, als er noch, wie er reumütig zugibt, auf der musikalischen Nudelsuppe geschwommen ist und sie ihm erklärt hat, es wäre jetzt mal endlich Zeit für gute Musik.

Prognose: einfach gute Musik

Denkt man an letztes Jahr, ans ahoi! Full Hit an der Donaulände mit den Headlinern Sigur Ros, muss man leider auch gleichzeitig an nasse Füße, weil strömender Regen, denken. Unglaublicherweise hat das Wetter gestern mit strahlendem Sonnenschein durchgehalten, ja mehr noch, es war so warm, die Schlangen zur Ausgabe des Gratis-Trinkwassers waren länger als die zu den Toiletten. So viel zu punktgenauen Wetterprognosen.

Publikum beim Full Hit Of Summer in Linz

Christian Stipkovits

Alles bereit für ein erfolgreiches Festival also, und das sieht auch Konstantin Gropper so. Der zelebriert mit seiner Band Get Well Soon als erster Act des gestrigen Abends sein letztes, von Herzblut triefendes Album „Love“ in großartiger Instrumentierung, der Bass donnert über die Donau hinweg, die percussions werden nicht geschlagen, sondern mit Inbrunst gedroschen. Vor allem beim gruselig schönen Monster von einem Song, dem orchestralen „You Cannot Cast Out The Demons“, das sich am Ende instrumental selbst in andere Sphären katapultiert. Für Konstantins dunkles Jackett wird es schnell zu heiß, weg damit, denn „das Wetter ist schön, ihr seid es auch“. Und deine Band erst!

Zwischen den Bands ist immer gut Platz für einen köstlichen, fleischigen oder veganen Burger, ein süßes Eis, einen Spritzer. Dadurch, dass auch heuer nur eine, nämlich die große Bühne bespielt wird, bekommt der Abend, ja, der ganze Tag, einen angenehm entschleunigten Charakter. Setzt euch hin, in die Wiese, genießt die Zeit am Wasser. Kein Hin- und Herhetzen, kein „Welche Band verpasse ich jetzt gerade?“.

zum Aufwärmen

Die Salzburger Superhelden Steaming Satellites sind die nächsten, ein bisschen müde wirken sie, wenn auch das Set wie immer tight sitzt. Eine Band, bei der man sich live immer zu hundert Prozent verlassen kann, eine schöne Brise grantiger Spacerock, 70er-Jahre-Spielereien, ein Sonnenhut. Dass die Kuratoren des Line Ups nach den Steamings das kanadische Trio Timber Timbre auf den Plan setzen, zeugt von Fingerspitzengefühl. Diese dehnen den zynischen Cowboy-Rock noch weiter Richtung Folk-Blues aus, ruhiger wird es, das Set ist langsam, die Zeit steht kurz beinahe still. Im Interview verrät uns Taylor, „I’m kind of a play-in-the-dark kind of guy“, die Augen sollten wir bei ihrem Gig also am besten schließen, und das machen viele.

Und schon wieder, auf die Nachfolgeband könnte nicht besser vorbereitet werden. Das ist nämlich die texanische Artrock-Formation Explosions In The Sky, es ist ein ganz besonders süßes Zuckerl, sie bei einem raren Österreich-Auftritt in Linz erleben zu dürfen. Eine rein instrumentale Seance, Klangwände werden hochgezogen, um sie anschließend wieder zu zerstören, um sie wieder aufzubauen. Das Set fließt hinein in den Sonnenuntergang, zwischen Extase und Wurschtigkeit, zwischen mal konzentriert gezimmerten Gitarrenmelodien und assoziativem Schrammeln.

Es geht auf neun zu, die Nervosität steigt. Es ist so wie die Vorfreude auf einen Kindergeburtstag, wenn man weiß, die Party steigt nur für einen selbst, und es wird Kuchen geben. Schokoladentorte.

... das Beste zum Schluss

Und da sind sie, perfekt in time, das Riesenensemble Arcade Fire. Die ersten Freudentränen kullern, dazu noch ein paar Schweißperlen, immerhin ist es heiß, es wird geschrien, gehüpft und gefeiert ab der ersten Sekunde. Natürlich muss „Everything Now“, dieser ABBA-Schlager, am Anfang des Sets, gleich nach „Wake up“ stehen. Wir wollen alles, und wir wollen es jetzt.

Win Butler ist ein unglaublich konzentrierter Frontmann, fast verbissen sieht man ihn am großen Screen in die Runde schauen. Die Sprechchöre, die sich nach jedem Refrain bilden, erstaunen ihn offenbar nach wie vor. Das Set ist eine Hitlist, es gibt für jeden etwas, für meinen neuen neuseeländischen Freund seine Suburbs, für die jüngst auf den Geschmack Gekommenen dann „Creature Comfort“, den neuesten, kongenialen Streich. Es geht um die Generation Lost: Wo will ich hin, wer kann ich sein? On and on and I don’t know what I want. On and on and I don’t know if I want it.

Das Set ist dicht, es bleibt keine Minute zum schnell Hinausgehen, ein neues Getränk oder sonstiges zu holen. Keine Sekunde lassen Arcade Fire dahinziehen, in die sie nicht – und dabei meine ich wirklich jedes einzelne Bandmitglied – alles hineinstecken. Alle haben ein Mikrophon, und am liebsten hätte die Band auch im Publikum noch ein paar verteilt, es ist kein Dastehen und Zuhören, es ist ein Mitmachen. Tanzt mit, singt mit. Protestiert mit. Protestiert gegen diese „crazy world“, in der wir gerade leben, und nehmt die Musik als das, was sie ist: einen Situations- und Lebensverbesserer.

Natürlich tragen uns die Rebellion Lies hinaus in den Abend, und der Applaus will nicht enden. Die Vorfreude auf das neue Album, das am 28. Juli erscheint, ist jetzt noch größer als vorher, sofern irgendwie möglich.

Arcade Fire ziehen weiter, ihre Familie ist wieder ein Stückchen gewachsen. Sie lassen ein glückliches Linz zurück, es war der einzige Österreich-Auftritt der Band. Die Überlegung, ihnen deshalb noch ein Stück nachzureisen, wenigstens in die nächste Stadt, steht vielen BesucherInnen gestern Abend ins Gesicht geschrieben. Vielleicht sogar bis nach Neuseeland.

Aktuell:

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