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Robert Rotifer

Mein Brexit-Magen

Meine kleine Konfrontation mit dem zerbröckelnden britischen Gesundheitssystem, und wie’s in den Wochen seither mit der kollektiven britischen Verdrängung weitergegangen ist.

Mein Schweigen hier in den letzten Wochen sollte ich kurz erklären. Das begann am Tag nach meiner Rückkehr von meinem letzten Wien-Aufenthalt zwecks der Programmpressekonferenz für das kommende Wiener Popfest.

Ich hatte ein Gefühl im Magen, als hätte mir da jemand einen Souvlaki-Grillspieß reingebohrt und wühlte unablässig damit in mir herum. Nun will ich niemand sinnlos mit Krankheitsgeschichten behelligen, aber in diesem Fall erfuhr ich dabei so einiges über den derzeitigen Zustand des Landes, in dem ich lebe.

Grundsätzlich wissen wir ja, dass das nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete, universell zugängliche, öffentliche britische Gesundheitssystem NHS (National Health Service, fabelhafte Idee) chronisch unterfinanziert ist, aber wann immer man damit zu tun kriegt, scheint dann doch alles gut zu laufen, weil die Leute, die da arbeiten, ihr Bestes geben, um die fehlenden Ressourcen zu kompensieren.

Man ahnt ja immer schon, dass irgendwann einmal der Punkt kommen muss, an dem das nicht mehr gutgeht, aber diesmal, zum ersten Mal, bekam ich den Eindruck, wir haben ihn bereits erreicht.

Da war einmal die Arztpraxis, die meinte, für die nächsten Stunden gäbe es niemand, der oder die sich um mich kümmern könne, daher sollten wir den Notruf anrufen. Da war die Rettung, die nach einer guten Dreiviertelstunde eintraf, mir ihre Kabel anlegte (könnte ja das Herz sein, bei einem Typen in meinem Alter, der sich für gestresst hält) und dann vom nächsten Spital den Auftrag erhielt, mich besser in die Notaufnahme zu holen. Bloß, dass diese nun nicht mehr wie früher zehn Minuten zu Fuß entfernt war – denn die Accident-&-Emergency-Abteilung im Kent & Canterbury Hospital war inzwischen aus Kostengründen geschlossen worden –, sondern in Ashford, etwa eine halbe Stunde Rettungsfahrt entfernt. Wenn man einen unsichtbaren Souvlaki-Spieß unter den Rippen stecken hat, macht das einen Unterschied.

Die dann doch dreiviertelstündige Reise (die direkte Route nach Ashford war gerade für ein paar Wochen gesperrt) gab mir reichlich Gelegenheit, etwas über die Härten des Sanitäterlebens zu erfahren. Zum Beispiel über die seit sieben Jahren auf ein Prozent eingefrorenen Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst (bei derzeit knapp drei Prozent Inflation) und was das für den Sanitäter und seine Frau bedeutet, die im sozialen Dienst arbeitet.

Bei einer Fernsehdebatte vor den Wahlen hatte Theresa May einer Krankenschwester in finanzieller Not versichert, es gebe leider keinen „magischen Geldbaum“, um den Gehaltserhöhungsstopp im öffentlichen Sektor aufzuheben. Konservative Kandidat_innen wiederholten fortan diese offenbar in der Wahlkampfzentrale der Partei erdachte Phrase, sichtlich nicht ahnend, als welche komplette Chuzpe sie da draußen in der echten Welt ankommen musste.

Es ist schon ein derartiges Klischee, dass niemand mehr darauf hinweisen will, aber ja, die Brexit-Kampagne versprach damals (letztes Jahr) 350 Millionen Pfund die Woche extra für das NHS, und die Wortkargheit meines Sanitäters zu diesem Thema (auf das wir natürlich irgendwann einmal zu sprechen kamen, ich bin in dieser Sache aus Prinzip Nervensäge und kann’s den Leuten nicht ersparen, auch nicht mit Spieß im Magen) ließ kaum Zweifel offen, dass auch er diesen Parolen auf den Leim gegangen war. Man darf nicht unterschätzen, wie tief verarscht sich diese Leute im Innersten fühlen. Die Frage ist bloß, wie lange sie das verdrängte Eingeständnis ihrer eigenen Leichtgläubigkeit noch vor sich herschieben können.

Im Spital angekommen, wurde mein Rollbett an einer Schwingtür angehalten, hinter der ein Paravent aufgestellt war. „Wenn Sie sowas sehen“, erklärte mir der Sanitäter mit Deut auf den Paravent, „dann wissen sie, dass was Grobes schief gelaufen ist.“ Hin und wieder zwängten sich erschöpft wirkende Ärzte und Krankenpfleger in beide Richtungen am Paravent vorbei durch die Schwingtür hindurch, schließlich wurde ich in die Notaufnahme hineingerollt.

Was immer dort geschehen sein mochte, war säuberlich beseitigt worden, aber als sie dann einen Parkplatz für mich gefunden hatten, fiel mir schon auf, dass genau so, wie man es überall liest, die meisten Leute auf den Betten rundherum ganz offensichtlich nicht wegen klassischer Notfälle da waren, sondern so wie ich wegen Beschwerden, zu deren Behandlung sich einfach kein_e praktische_r Arzt oder Ärztin gefunden hatte. Dieses Problem, sowie das Verschwinden der Notaufnahme in Canterbury, musste diese Abteilung nun also ganz allein abfedern. So sieht in der Praxis das aus, was im Austeritätsjargon als „efficiency savings“ bezeichnet wird, nämlich gänzlich ineffizient, mit den falschen Patient_innen am falschen Ort, betreut von völlig überfordertem Personal.

Während der nächsten paar Stunden lernte ich eine große Zahl von Ärzt_innen und Krankenpfleger_innen kennen, die mit elektronischem Gerät angerollt kamen und dann viel Zeit damit verbrachten, fluchend Löcher in eingefrorene Bildschirme zu starren. Unter ihnen waren Brit_innen, aber auch eine Griechin, eine Italienerin, ein Ägypter und Menschen aus anderen Ländern, mit denen ich nicht zum Smalltalk kam (der fehlende Atem nagte am nötigen Humor). Die, mit denen ich redete, spielten jedenfalls allesamt konkret und offen mit dem Gedanken, das Land zu verlassen. Die Zahl an EU-Bürger_innen, die sich in Großbritannien als Krankenpfleger_innen bewerben, ist heuer übrigens um 96 (!) Prozent gesunken. Im NHS ist die Netto-Abwanderung zurück in die EU bereits Realität.

Das hat wohl nicht nur mit Brexit zu tun, sondern auch mit der erwähnten, immer schäbigeren Bezahlung. Und mit so demütigenden Momenten wie dem, als der ägyptische Arzt, der gemeinsam mit der griechischen Ärztin mein Herz testen wollte, nach drei wegen Wackelkontakten in der Stromversorgung missglückten Versuchen, schließlich verzweifelt mit dem Kabel in der Hand über meinen Brustkorb kletterte (Achtung, der Spieß!), um an die Steckdose hinterm Nachbar-Bett zu gelangen. „Wie viele Steckdosen muss man hier probieren, bis eine funktioniert?“, schnaufte er dabei.

Irgendwann gegen Abend fuhren wir wieder heim, der Schmerz im Magen fühlte sich bereits etwas stumpfer an, ich hatte zwar keine Diagnose dazu, aber eine Packung Pulver zur Beruhigung, und die Versicherung, es sei jedenfalls nicht das Herz. Und die Bauchspeicheldrüse auch nicht. Vor allem aber nahm ich den Eindruck eines Gesundheitssystems mit, dessen Angestellte auf Schritt und Tritt gegen dessen offensichtlichen Zerfall anzukämpfen haben. Man muss wissen, es ist nicht die britische Art, über Missstände zu raunzen. Dass die Leute, die mit mir sprachen, so bereitwillig ihre Loyalität gegenüber dem System brachen, war bezeichnend. Sie taten das, weil sie keine Spur der Loyalität von oben erleben. Im Gegenteil: Der Gedanke, dass die Regierung das NHS erst zugrunde richtet, um es nachher durch umfassende (im Kleinen längst begonnene) Privatisierung vor dem Untergang „retten“ zu können, ist längst inoffizieller Konsens.

Seit jenem Tag im Spital in Ashford ist viel Zeit vergangen, durchgefieberte Tage, gefolgt von solchen, an denen ich mehr und mehr arbeiten konnte, mit Rückfällen zwischendurch. In den Wochen seither hat sich David Cameron aus der Versenkung zurückgemeldet, um festzustellen, Politiker_innen, die für eine Aufhebung des Sparprogramms im öffentlichen Sektor eintreten, wären einfach „selbstsüchtig“. Die 1-Prozent-Grenze für Gehaltserhöhungen bleibt intakt, die britischen Reallöhne sinken aber auch im privaten Sektor, wenngleich nicht ganz so schnell. Der Anteil an Geld, den ein Haushalt in Ersparnissen zur Seite legen kann, ist auf ein Rekordtief von 1,7 Prozent des Einkommens gesunken (10 Prozent war einmal der Durchschnittswert).

Mit ein bisschen mehr Kraft hätte ich hier aber noch einiges mehr zu berichten gehabt:

Theresa May fand den magischen Geldbaum zur Fixierung eines anderthalb Milliarden Pfund teuren Deals mit der homophoben, von Kreationist_innen durchsetzten nordirischen Democratic Unionist Party, um ihre Regierung im Unterhaus abzusichern, und brach damit nebenbei das für den nordirischen Frieden notwendige Karfreitags-Abkommen, in dem die britische Regierung sich zur Neutralität verpflichtet – mit bisher noch nicht abzusehenden Konsequenzen.

Sie setzte auch einen bisher auf Schiffsunfälle spezialisierten, pensionierten Richter ein, um die Untersuchungen zum Brand des Grenfell Tower zu leiten, und zwar mit einem derart eng definierten und auf die unmittelbaren Brandursachen beschränkten Auftrag, dass die weitergehende Verantwortung der Sparpolitik, die zum Verfall der Sozialwohnungen in North Kensington (und in ganz Großbritannien) führte, dabei ganz sicher nicht zur Sprache kommt.

Des weiteren hat die Regierung ein „großzügiges“ Angebot für den Post-Brexit-Status von EU-Bürger_innen in diesem Land vorgelegt, das so gut wie nichts garantiert, nicht einmal den Status künftiger Kinder dieser Einwander_innen. Der innerbritische Diskurs hatte nicht einmal wahrgenommen, dass bereits am 12. Juni ein wesentlich großzügigeres Angebot seitens der EU eingelangt war, und zeigt bis jetzt wenig Anstalten, sich ernsthaft mit der Materie zu befassen, die immerhin geklärt werden muss, ehe die Verhandlungen mit der EU zu ihrer zweiten Phase gelangen können: dem Ausverhandeln der ausständigen britischen Zahlungen für bestehende gemeinsame Projekte in einer Höhe von bis zu hundert Milliarden Euro.

Außenminister Boris Johnson ließ neulich wissen, die EU könne mit ihren Forderungen „pfeifen gehen“ („go whistle“, heißt auf Englisch auch nicht mehr als auf Deutsch). EU-Chefverhandler Michél Barnier entgegnete dem heute, er höre keine Pfeife, aber sehr wohl das Ticken der Uhr – meinend die Deadline des Artikel-50-Prozesses im Frühling 2019. Der Druck ist ganz entschieden auf der britischen Seite, allein die britische Seite scheint dies immer noch nicht zu realisieren.

Eine konservative Unterhaus-Abgeordnete namens Anne Marie Morris meinte vergangene Woche bei einem Treffen führender Euroskeptiker_innen, die Aussicht auf einen Brexit ohne Deal sei „der wahre N* im Holzhaufen“ („the real n* in a wood pile“). Sie wurde dafür zwar suspendiert, aber in den Hauptnachrichten der BBC fand der Rassismus-Skandal nicht einmal Erwähnung. Man könnte fast glauben, man wäre daheim in Mitteleuropa.

Davon abgesehen hat man aber den Eindruck, dieses Vereinigte Königreich schlafwandele derzeit einfach selbstvergessen dem Desaster entgegen. Das Zollamt hegt Zweifel, für den immer wahrscheinlicheren Fall einer harten Zollgrenze nicht rechtzeitig die nötige Infrastruktur aus dem Hut zaubern zu können – Brexit-Minister David Davis will davon nichts hören, meint, das Problem liege vielmehr in Frankreich, Holland und Belgien. Der Ausstieg aus der Euratom-Behörde setzt die künftige Stromversorgung aufs Spiel (alles nur, weil Theresa May angeblich was gegen Reisefreiheit für Nuklearphysiker_innen hat, bzw. weil der Europäische Gerichtshof als Schlichtungsstelle für Euratom-Angelegenheiten für Hardcore-Brexiter einen Affront darstellt). Und solange Großbritannien keinen Ersatz für das europäische Open Skies Agreement findet, gibt es mit 29.3.2019 keine rechtliche Basis für zivile Luftfahrt zwischen der Insel und dem Festland.

All das ist so völlig absurd, dass man meinen möchte, es könne einfach nicht passieren, wären die ausführenden Kräfte in diesem Land nicht so offensichtlich kognitiv unfähig, die Tragweite ihres Treibens zu begreifen. Noch immer wird hier so geredet, als wären die Bedingungen des britischen EU-Austritts eine Geschichte, die sich zwischen den verschiedenen Fraktionen der Tories ausmachen ließe, mit ein bisschen Zollunion hier, ein wenig Euratom da und einem für britische Bedürfnisse maßgeschneiderten Einwanderungsrecht, das „die Klügsten und Besten“ ins Land holt und alle anderen (bzw. deren schwächliche Verwandte) ausschließt. So als wären die 27 Länder auf der anderen Seite nur dazu da abzusegnen, worauf Britannien sich in den kommenden anderthalb Jahren intern zu einigen vermag. Das ist also die befremdende Prämisse, unter der ich diesen Blog hier nun wieder aufnehme. Jetzt wieder ohne Grillspieß, aber mit umso flauerem Gefühl im Magen.

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