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Holly Macve und Nu Country

Christian Lehner

Nu Country

Über die Prärie schallt ein Lied: Country Music ist wieder dick da und Holly Macve der rising star. Plus 50 aktuelle Westernhadern.

Von Christian Lehner

Wollen wir es nicht gleich Trend nennen, aber es ist doch auffallend, dass immer mehr Cowboyhüte und Westernstiefel in aktuellen Pop-Produktionen auftauchen. Lady Gaga tut es, Miley Cyrus tut es (wieder), aber auch Indie-Helden wie The Shins oder Dan Auerbach greifen auf ihren neuesten Alben zum Revolver und ich meine dezidiert nicht den Folk oder Blues, der ihrer Musik immer schon innewohnte. Ich meine zart im Hintergrund weinende Lap-Steel-Gitarren, im Zeitlupentempo wechselnde Akkorde, Honky Tonk und Blue Grass, klobige Mikrophone und Hank-Williams-Gedächtnisjodler. Ich meine aber auch den kommerzielleren Nashville-Sound der 60s und 70s, wie er im berühmten Studio B von RCA vom Fließband rollte und die zwölfsaitigen Genreausflüge eines Bon Jovi in den Achtzigerjahren.

Soundtracks von TV-Serien wie „True Detective“ und „The Man in the High Castle“ sind countryfiziert und warten mit für das Genre ungewöhnlichen Interpreten auf - darunter Angel Olsen oder Karen O von den Yeah Yeah Yeahs. Wer es gern soapy hat, schaut „Nashville“. Die US-Serie um alte und junge Stars der Countryszene gewährt - neben viel Herzschmerz – tiefe Einblicke in das beinharte Business der „Music City“ und Hauptstadt von Tennessee.

Von Gaga über Miley bis True Detective

Ein gewisser Bonnie Prince Billy, der immer schon mit einem Bein in Westernstiefeln steckte, nimmt ein Album mit rührigen Coverversionen des im letzten Jahr verstorbenen Genre-Giganten Merle Haggard auf, während junge Songwriterinnen wie Nadia Reid oder Bedouine den Stetson tief ins Gesicht ziehen.

Erwähnt seien hier auch Combos heimischer Provenienz wie Son Of The Velvet Rat und das Black Palms Orchestra, die sich eher der sinisteren und in die Wüste des Existentialismus starrenden Auslegung u.a. von Country verschrieben haben. Und da wären noch Dauer-Outlaws wie Calexico oder Giant Sand, die seit Jahrzehnten auf ihren eigenen staubigen Pfaden wandeln - abseits des Multimillionendollarbuiz, das Country und Western in den USA darstellen.

Miley Cyrus interpretiert 2012 ihre Patentante Dolly Parton. Auf ihrem neuen Album, das noch in diesem Jahr erscheinen soll, will Cyrus weg von der Pop-Dekadenz zurück zum Country-Sound ihrer Kindheit.

Globalisierung und Retrogefühle

Warum ausgerechnet Country, mag man sich an dieser Stelle fragen. Fragen wir also eine, die es wissen muss. Holly Macve hat irische Wurzeln, lebt im englischen Brighton und ist ein rising star am Himmel des „Alternative Country“, wie sie ihre Musik (allerdings mit sichtlichem Unbehagen) selbst definiert.

Oh fear, don’t hold me back again / I lost my battles for you / Oh fear, don’t tell me silence speaks / I know that can’t be true (Holly Macve - „Fear“)

Für die New York Times war die 22-Jährige eine der Entdeckungen des diesjährigen SXSW-Festivals in Austin, Texas. Ein herausstechendes Merkmal ist Mavces Gesangsstil. Sie kippt häufig zwischen Kopf- und Bruststimme, ohne großen Vorsatz, wie sie sagt, und erinnert damit an die Jodeltechnik längst vergangener Countrygrößen wie Patsy Cline oder Hank Williams. Musikalisch erzogen wurde sie von der einschlägigen Plattensammlung ihrer Mutter. Mit Trap und Future R’n’B kann Holly aber auch ganz gut. Heute passt eben viel ins jugendliche Geschmacksspektrum. Von wegen alte Seele in einem jungen Körper.

Holly Macve und Nu Country

Bella Union

„Golden Eagle“ von Holly Macve ist bereits auf Bella Union erschienen.

HIER haben wir für euch 50 aktuelle Country Songs zusammengestellt.

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Menschen das Direkte an Country schätzen. Die Sprache ist simpel, die Themen kann jeder nachvollziehen. Er trifft mitten ins Herz.“ Wenig überraschend artikuliert sich auch im Country-Revival ein allgemeines Bedürfnis nach verloren geglaubten Welten und Gefühlen, wie es typisch ist für unsere globalisierte und digitalisierte Welt - File under Hipster Bärte, Trachten-Comeback und Vintage Möbel. Gleichzeitig ist es ein Ausdruck der Magie von Pop, Raum und Zeit spielerisch überwinden zu können und die Sehnsuchtsmaschinen immer wieder aufs Neue anzuwerfen.

Dass ausgerechnet eine Britin für frischen Wind in der Prärie sorgt, sollte Anno 2017 niemanden mehr wundern. „Golden Eagle“ heißt das Debütalbum von Holly Macve, das im Frühjahr bei Bella Union erschienen ist. Die 10 Songs wirken trotz Vintage-Anstrichs frisch und zeitgemäß. Das liegt auch an den rabenschwarzen Texten, die Holly Macve mit einer derartigen Überzeugung darbietet, dass man durch die liebliche Anmutung der Musik vermeint, der Figur des Rusty Cole aus der ersten „True Detective“-Staffel zu lauschen. „Ich ging durch ein sehr dunkles Tal, als ich das Album geschrieben habe“, sagt Holly Macve im FM4-Interview, ohne auf die näheren Umstände einzugehen. „Jetzt geht es mir wieder besser. Am Anfang der Tour war es jedoch alles andere als easy, wieder zurück in diese Songs zu schlüpfen.“

Für das nächste Album möchte sich Holly Macve stilistisch öffnen. Die junge Britin versucht zu vermeiden, als one trick pony abgestempelt zu werden. Darum muss sie sich aber ohnehin keine Sorgen machen.

Denn mit Folklore hat Macves Debütalbum ebenso wenig zu tun, wie mit Novelty. Derzeit bemühen sich viele Singer- Songschreiberinnen um die Nachfolge von Lana Del Rey. Holly Macve legt es zwar gar nicht darauf an, sie hat sich mit „Golden Eagle“ dennoch näher an die Klasse der Retro-Diva herangespielt als sämtliche Anwärterinnen vor ihr und das mit Country und Western. Wir wollen es trotzdem keinen Trend nennen.

Nu Country

Wir haben für euch 50 aktuelle Country Songs zusammengestellt. Wahlweise drüben auf Spotify oder gleich hier:

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