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Gib mir deinen Saft

Das Blut spritzt, C-Movie-Fetisch in allen Farben: Die Serie „Blood Drive“ steigt aufs Gas.

von Philipp L’heritier

Die kürzlich angelaufene Serie „Blood Drive“ will plakativ schocken und auf die Nerven gehen und macht das auch recht gut. „Blood Drive“ – schriller Name, da weiß man schon in etwa, was das für eine Show ist.

Die vom US-Amerikanischen Network SyFy produzierte Serie ist ein loses und modernisiertes, ein gut aufgespritztes Update das Trash-Klassikers „Death Race 2000“ aus dem Jahr 1975. In satten Farben und mit dem Retro-Charme des ostentativ Abgewetzten tut „Blood Drive“ so als wäre es ein Film aus den frühen 80er-Jahren, damals schon straight to video.

„Blood Drive“ ist in einer fiktiven Zukunft angesiedelt, hier ist das das Jahr 1999, im Zentrum der Serie steht ein hochdotiertes und also brandgefährliches Autorennen quer durch die USA, ein Rennen ohne Rücksicht auf Verluste (auch von Körperteilen) und menschliche Würde, explizit von Mord, Totschlag und Saftfontänen jeglicher Couleur begleitet: Es ist der Blood Drive.

Die Autos werden hier mit Menschenblut betrieben, öffnet man die Motorhaube warten da die metallenen Zähne eines hungrigen und fauchenden Motors auf Fütterung. Man kann die Menschen da dann so hineinschieben wie einen kleinen Baum in einen Gartenhäcksler.

Der billige Kitzel

Neben dem Film „Death Race 2000“ von Produzenten Roger Corman, Indie- und B-Movie-Legende sowie der so genannte „Pope of Pop Cinema“, beruft sich „Blood Drive“ gerne und plastisch auf Spät-70er-Grindhouse-Schmuddelfilme, Lo-Fi-Splatter und billig inszenierte SciFi-Dystopien, inklusive schrottiger Roboter- und Androiden-Armeen und unguter Verwicklungen zwischen Regierung, Wirtschaft und Industrie. Und freilich ist hier auch das „Grindhouse“-Doppel-Feature von Quentin Tarantino und Robert Rodriguez speckiges Vorbild gewesen: „Planet Terror“ und „Death Proof“, Zombie-Wahnsinn, Raserei und Tod per Auto, in „Blood Drive“ spielt das alles hinein.

Szenenebilder als "Blood Drive"

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Man hat das alles also schon hundertmal gesehen, bloß nicht so. Soviel Blut, Schweiß, Gewalt, nacktes Fleisch, bestens modelliert, Sex in einem großen klebrigen Haufen waren im Fernsehen in dieser Intensität noch selten zu erleben. Es spritzt, spritzt und spritzt, dieses Reservoir wird nie leer.

„Blood Drive“ ist aber nicht bloß schlichte exploitative Hochdruckbetankung durch Sinnesreize, nicht bloßer ironischer Meta-Witz, der sich in der formvollendeten Überhöhung genügt. Der schwere Balanceakt zwischen explosivem Trash, Schlagoberskanone, glitschigem Exzess und feinem Witz glückt.

Die Dialoge, die hier gesprochen werden hantieren zwar meist mit Genre-Mustern, lassen dabei das wissende Augenzwinkern nur leise durchwirken. „Blood Drive“ ist die Brechung der Ironisierungs-Kultur. Im Spotlight pralle Parade der steilen Sensationen und auch stolz darauf, im Inneren fein geschnitzt und eben nicht ausschließlich am Schauwert interessiert.

Zwei wie Pech und Schwefel

Es gibt eine Story, es gibt Figuren, es gibt Themen. Es gibt Schauspieler, wenig bekannte, so muss es sein, die zunächst mit dem Charisma an der Schnittstelle von Soap-Opera-Star und Pornodarsteller strahlen, nach und nach jedoch Leben entwickeln. Die Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren lässt knistern: Alan Ritchson ist der gutherzige, dabei toughe Cop Arthur Bailey, ausgestattet mit einem Körper, der die Ken-Puppe in Existenzzweifel bringt. Arthurs Spitzname: Barbie.

Wider Willen und durch unglückliche Verkettungen wird Arthur zum Teilnehmer im Blood Drive, zum Co-Piloten in einem kirschroten, bestens lackierten Chevrolet Camaro. Den fährt mit kühler Grandezza und Elan Christina Ochoa in der Rolle der wenig zimperlichen Femme Fatale Grace D’Argento (D’Argento!). Sie trägt Hot Pants und Bauchfrei-Shirt, höchstens.

Durch in den Kopf eingepflanzte Chips, die im Falle eines Fluchtversuchs explodieren, werden Grace und Arthur zwangsgekoppeltes Pärchen, das gemeinsam durch die Wüste USA rast und sich dann doch recht schnell recht gerne hat. Teasen, flirten, gemeinsam Freaks den Arsch versohlen. Grace will das Preisgeld abräumen, um ihrer Schwester, die dank massiver Drogenüberdosis in Psychose gestürzt ist, die medizinische Versorgung zu ermöglichen, Arthur will das Gute im Menschen und den Blood Drive zu Fall bringen.

Szenenebilder als "Blood Drive"

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Discover America

Der Blood Drive macht Halt in schmierigen Motels oder in einer in permanentes Rotlicht getauchten psychiatrischen Anstalt, in der längst schon die Patienten das Regime übernommen haben und in der die Show ihre gesamte cartoonhafte Bildmacht auswalzen darf, inklusive gruseliger Tier- und Clownmasken.

Hat man als Fahrer des Blood Drive Hunger, stoppt man an einem ranzigen Roadside-Diner, in dem die gar schmackhaften Burger freilich aus – das ist kein Spoiler – Menschenfleisch hergestellt werden. „Blood Drive“ inszeniert den Blood Drive als fahrenden Karneval der Freaks und der durchgeschossenen Thrillseeker.

An jedem Etappenstopp wartet eine schamlose bombastische Party, ins Bild gesetzt als Mischung aus 90er-Jahre-Alternative-Music-Video, Vorstadt-Fabrikshallen-Rave, Pseudo-Industrial-Chic und Psycho-Zirkus. „Mad Max“, Glowsticks, Marylin-Manson-Fetischisierung, ungünstige Gesichtsschminke, Dreadlocks, ein aus dem Ruder gelaufenes Festival der Insane Clown Posse.

Dazu läuft hochgezüchteter EDM, Big Beat, Raprock oder giftig-sleazy Surfmusik. Hässlich ist das und es ist gut so. Das Arsenal der Fahrer im Rennen gestaltet sich als Sammelsurium an betont weirden Typinnen und Typen: ein Killerclown, ein Fat Elvis oder ein an der Oberfläche ausdrücklich nicht in den Irrwitz des Blood Drive passendes, bieder-harmloses All-American-Suburbs-Ehepaar im minten Polo-Shirt sind am Start.

Der Pfau im Szenario ist der Strippenzieher und applausgeile Master of Ceremonies des Blood Drive: ein betulich sprechender Wannabe-Dandy in Zylinder, Samtweste und Frack vom Dachboden, mit Gehstock und schweren Silberringen an den Fingern, er modelliert sich als windschiefer Hybrid aus viktorianischem Serienkiller, Steampunk, Tim-Burton-Johnny-Depp und schlüpfrigem Gruselonkel.

Evil Empire

Neben dem permanenten Signaloverkill und Adrenalinschock weitet „Blood Drive“ das Themenfeld und die Schauplätze über das Rennen hinaus aus. Wie in guten Horror-, SciFi- und Zombiefilmen nicht unüblich, ist neben Rasanz und dem Schauer des Vulgären Raum für System- und Konsumkritik.

In „Blood Drive“ hat – in der Vorgeschichte zur Serie - eine Reihe von gewaltigen Erdbeben die USA ordentlich erschüttert und einen gigantischen Riss in der Landschaft hinterlassen, man nennt ihn: „The Scar“.

Eine allmächtige, naturgemäß undurchsichtige und sicherlich höchst boshafte Megacorporation, Hearts Enterprises, macht am Grunde dieser Narbe mysteriöse und bislang nicht näher beleuchtete Entdeckungen und hat in den hier längst schon kaputten und dahinsiechenden USA insgesamt so gut wie alle Fäden in der Hand. Politik, Versorgung, Militär. Die Umwelt ist vergiftet, Wasser und Benzin hochknapp und teuer, Heart Foundations dirigiert.

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Hier läuft der neben dem eigentlichen Blood Drive zweite Hauptstrang der Serie: Cop Thomas, üblicherweise Cop Arthurs Partner, scheint den Machenschaften des Konzerns auf der Spur, gerät jedoch schnell in Gefangenschaft von Heart Foundations und wird in einem mit allerlei Zangen, Scheren, chirurgischem Besteck sowie Kratz- und Piek-Instrumenten gut ausgestatteten Labor von einem Domina-Roboter in Lack und Leder untersucht. Und gemolken. Auch Gummihandschuhe kommen zum Einsatz.

Stanley-Messer und Dampfhammer, die gute geölte Körpershow und atemlos-hanebüchene Action, der Humor der harten Überzuckerung, die Meta-Bespiegelung der Meta-Bespiegelung und die hochdynamische Überaffirmation, „Blood Drive“ ist die schäbige Pracht, mit extra Mayo und Fettglanz.

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