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Aus dem film: Dwan of the Dead

Anchor Bay

Godfather Of The Dead

US-Regisseur George A. Romero ist mit 77 Jahren einem Krebsleiden erlegen. Ein Nachruf auf einen Horror-Meister, der im Alleingang das moderne Zombiekino erfunden hat.

Von Christian Fuchs

1968, das ist nicht nur das Jahr der weltweiten Studentenrevolten und sozialen Unruhen, der Proteste gegen den Vietnamkrieg und des ersten bemannten Raumflugs. Damals kommt auch ein Streifen in die US-Kinos, der die Horrorfilmgeschichte verändern wird.

Night Of The Living Dead“ heißt die Billigstproduktion einiger Freunde aus Pittsburg, rund um den vormaligen Werbespot-Regisseur George A. Romero. In dem Schwarzweiß-Film erwachen die Toten aus mysteriösen Gründen zum Leben. Und sie sind hungrig. Nur mit einem gezielten Schuss in den Kopf lassen sich die menschenfressenden Leichen stoppen.

„Die Nacht der lebenden Toten“ ist aber viel mehr, als ein gut gemachter kleiner Schocker, der aus den Zombies der haitianischen Voodoo-Mythologie zeitgenössische Monstren macht. In die pessimistischen Bilder des Films ist auch die Stimmung von 1968 eingeschrieben. Quasi nebenbei erzählt Romero von der Auflösung der kleinbürgerlichen Familie oder auch dem erwachten schwarzen Selbstbewusstsein. Am Ende überlebt die Hauptfigur, ein resoluter Afroamerikaner, zwar den Angriff der Zombies, aber dafür wird er von Mitgliedern einer faschistoiden Bürgerwehr abgeknallt.

Aus dem Film "Night of the Living Dead"

Laurel Inc.

Night Of The Living Dead

Apokalypse im Kaufhaus

1978 setzt der desillusionierte Linke George Romero seine bitterböse Version der Apokalypse fort. „Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Toten auf die Erde zurück“, nicht nur dieser Werbespruch schrieb Geschichte. „Dawn Of The Dead“ wird zu einem absoluten Schlüsselwerk des Genres und zu einer einschneidenden Kinoerfahrung für eine ganze Generation. Auf ungewöhnlich realistische Weise beschwört der Film eine Untergangsatmosphäre, die perfekt zum damaligen No-Future-Gefühl des Punk passt.

„Dawn Of The Dead“, der im deutschen Sprachraum den schlichten Titel „Zombie“ trägt, spielt fast zur Gänze in einem Einkaufszentrum, in dem sich einige Freunde vor den Untoten verschanzen. Ein symbolischer Ort, denn der Film ist weit mehr als ein blutrot eingefärbter Kinoalptraum, er beschwört auch prophetisch ein Amerika, in dem einzig der Konsumwahn zählt. Die verfaulenden Untoten erinnern an die Shopping-Zombies aus den Einkaufszentren und Fußgängerzonen.

Dawn Of The Day

Anchor Bay

Dawn Of The Dead

Noch nie wurde so realistisch in Gummigedärmen herumgewühlt und hektoliterweise Kunstblut verspritzt. Der Splatterklassiker lockte aber nicht nur Publikumsmassen mit plakativen Schauwerten an und versetzte Zensurbehörden auf Jahrzehnte in Panik. Mit Verspätung zeigten sich auch strenge Kritiker von dem intelligenten Schocker begeistert.

Mit dem unterschätzten „Day Of The Dead“ beendet Romero 1985 seine Zombie-Trilogie. Den wandelnden Leichen gehört in dem Film längst der halbe Planet. Das passt zu einer Dekade, in der US-Präsident Ronald Reagan an der Macht ist und in der mit ihm Angst und Gier regieren. „Day Of The Dead“ entsteht aber auch in einer Wendezeit, die Herrschaft der Zensur beginnt für Dekaden im Genrekino. Die Ära der tabubrechenden Zombie-Filme, die im Gefolge von Romero zahlreich auftauchten, ist erst einmal zu Ende. Die Untoten ruhen erstmal in ihren Gräbern, aber sie werden wiederkommen.

Film "Dawn Of the Dead"

Anchor Bay

Dawn Of The Dead

Blut, Beuschel und politische Satire

Den 1940 in New York geborenen George A. Romero auf diese drei Zombie-Filme zu reduzieren, tut ihm einerseits natürlich unrecht. Schließlich kommen Genrefans auch kleine Prunkstücke wie sein vampiristisch angehauchtes Außenseiterdrama „Martin“ (1977) oder die knallbunte Stephen-King-Kollaboration „Creepshow“ (1982) in den Sinn. Auf der anderen Seite ragt die originale Dead-Trilogie wie riesige Eisberge aus dem Meer des Horrorkinos, so bestechend ist die Mischung aus Blut, Beuschel und politischer Satire.

Kein Wunder, dass diese Streifen seit ihrer Veröffentlichung mehr Metalcombos, Industrialbands, italienische B-Regisseure und Nachwuchsfilmer mit Splatterambitionen beeinflussten als andere vergleichbare Filme. Etliche Bücher und auch Diplomarbeiten beschäftigen sich mit Romeros Zombie-Trilogie. Weil diese Werke eben nicht nur Furcht und Ekel provozieren, sondern auch den American Way of Life hinterfragen und attackieren. Faschistoide Bürgerwehren und eiskalte Militärs ergreifen im postapokalyptischen Gemetzel die Macht. Sozialdarwinismus ist an der Tagesordnung. Die einzigen Figuren, die sich im Chaos bewähren, sind Frauen und Afroamerikaner.

George A. Romero 2009 bim Filmfestival in Venedig

FILIPPO MONTEFORTE / AFP

George A. Romero 2009 in Venedig

Wenn in der Hollywood-Hölle keine Idee mehr vorhanden ist, kommen die Toten auf die Erde zurück, könnte man zynisch über das Zombie-Revival der Nullerjahre sagen. Aber gleichzeitig finden sich auch spannende Verbeugungen vor George Romero unter den neuen Fleischfresser-Filmen.

Direkt beeinflusst vom Meister lässt Danny Boyle in „28 Days Later“ (2002) dessen radikalen Spirit aufleben. Zack Snyder, noch vom späteren Größenwahn entfernt, gelingt ein kompaktes, wenn auch unpolitischeres Remake des Meisterwerks „Dawn Of The Dead“. Die „Resident Evil“-Saga trivialisiert die Zombie-Apokalypse auf Computerspiel-Niveau, die 2010 startende TV-Serie „The Walking Dead“ beruft sich dagegen direkt auf die Ausgangsidee der Dead-Trilogie: Was würdest du tun, wenn du in einem Gebäude gefangen bist, mit deinen Liebsten, rundum Zombies, und plötzlich wollen wildfremde Flüchtlinge in deinen Bereich eindringen?

Serie "The Walking Dead"

AMC

The Walking Dead, Fernsehserie

Die Romero-Zombies kehren zurück

Im Zuge der untoten Welle kehrt jedenfalls auch Godfather George Romero zurück. „Land Of The Dead“, „Diary Of The Dead“ und „Survival Of The Dead“ heißt die neue Trilogie, die in den Nullerjahren entsteht. In all diesen Filmen gibt es beklemmende wie auch bitterböse Szenen, aber bei immer geringeren Budgets übernimmt sich der alternde Regisseur oft inhaltlich. Während seine ikonischen Zombiefilme auf hintergründige Weise den Nerv ihrer jeweiligen Zeit getroffen haben, wirken die linksliberalen Botschaften neuerdings überdeutlich und platt.

Romero, der liebenswürdig engagierte alte 68er, tut sich in seinen letzten Jahren immer schwerer mit der Gegenwart. Wenn man beobachtet, wie sehr Hollywood sein Schaffen ausbeutet und seinen Ideenfundus plündert, ihm selber, wie auch anderen Horrorpionieren, keinerlei Chancen mehr bietet, versteht man auch die Verbitterung, die sich durch späte Interviews zieht.

Unbestritten bleibt: Hungrige Zombies, die heute inflationär Kino und Fernsehen bevölkern, wurden durch George A. Romero zur zentralen Metapher für die soziale Apokalypse, die uns der Kapitalismus beschert. Seine Meilensteine werden bleiben, als blitzgescheite, sarkastische und grimmige Horror-Monumente, als große amerikanische Popkunst.

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