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Friends From College

Netflix

Serie

Gott sei Dank haben wir uns gehabt

Sex, Lügen und Freundschaft: Die neue Serie „Friends from College“ ist wechselhaft und wärmt doch das Herz.

Von Philipp L’heritier

In der siebten Episode der eben veröffentlichten ersten Staffel der neuen Netflix-Serie „Friends from College“ wird in einer emotional geladenen Szene der ewige Schmalzhit „A Long December“ der amerikanischen Band Counting Crows angespielt. Die Zeilen des Songs, die Message transportieren, lauten so: „A long December and there’s reason to believe, maybe this year will be better than the last“.

Zwar glüht die Show „Friends from College“ zart mit Optimismus, für ihre Protagonisten wird aber vieles meistens nicht besser, sondern schlechter. Hier straucheln Menschen, die auf dem Papier lange schon Erwachsene sind, in der Liebe, im Leben.

Erfinder und Hauptshowrunner der Serie ist der britisch-amerikanische Regisseur, Autor und Produzent Nicholas Stoller - der ist bislang für deutlich grellere Filme wie „Forgetting Sarah Marshall“, „Get him to the Greek “ und „Neighbors“ verantwortlich gewesen. Im Vorfeld ist „Friends from College“ recht plakativ als Comedy angekündigt worden – das ist nur so halb wahr. Vielmehr ist die Show ein luftiges, herbstmelancholisches Drama mit klarem humoristischen Unterton und punktuell gesetzten Blitzen großer Albernheit – Letzteres ist nicht zum Vorteil der Serie.

Freundeskreis forever

Wie der Titel andeutet, dreht sich „Friends from College“ um das beliebte Thema College-Reunion. Im Zentrum stehen sechs Menschen um die 40, drei Frauen, drei Männer, die in New York City ein bisschen in Midlife Crisis zerfließen und sich ihren Neurosen hingeben. Wir haben es in der Serie aber nicht mit dem Setting eines feucht-fröhlichen Klassentreffens inklusive aller unvorteilhafter Ausrutscher zu tun, sondern mit einer Reunion auf Dauer.

Ein Ehepaar kehrt nach zehn Jahren wechselhaften Lebens in den USA wieder nach New York zurück und findet mit der alten Clique von früher – und mit deren teils neuen Lebenspartnern – zusammen. Hauptfigur ist der gebeutelte Autor Ethan, dargestellt von Komiker Keegan-Michael Key und bisweilen arg grimassierend durch Overacting unvorteilhaft überzeichnet: Wenn Ethan nervös wird, neigt er dazu, zu versuchen, sein Unwohlsein durch blöde Witzchen und Stimmimitationen zu kaschieren. Da muss sich nicht bloß seine Ehefrau Lisa fremdschämen.

Die wiederum ist Anwältin und nicht selten die Versorgerin im Haushalt. Schauspielerin Cobie Smulders („How I met your mother“ ) entwirft sie souverän als Menschen im Tumult, zwischen Toughness, Zweifel, Ratlosigkeit.

Friends From College

Netflix

Nahezu das gesamte Ensemble strahlt, es muss freilich die diversen Typinnen und Typen geben: Annie Parisse - die kennt man vielleicht aus „Law & Order“ und der Serienkiller-Serie „The Following“ - ist Architektin Sam. Im College ist sie Autor Ethans erste große Liebe gewesen, mittlerweile Mutter, schwerreich verheiratet, und auch mit Ethans Frau Lisa bestens befreundet. Seit Jahren pflegen Sam und Ethan jedoch eine Affaire.

Lügen und Geheimnisse, die Rätsel von Ehe und Partnerschaft sind die Hauptmotoren von „Friends from College“. Fast alle Figuren haben hier schon betrogen.

Nat Faxon gibt den alternden Party- und Playboy Nick, der es nicht nötig hat zu arbeiten, da ihn seine Eltern großzügig mit finanziellen Mitteln bedacht haben. Jae Suh Park ist der schräg-schnippische Weirdo der Gruppe: freigeistige Yoga-Lehrerin und Hobby-Regisseurin, die in Turnsälen windschiefe Adaptionen von Tennessees Williams „A Streetcar named Desire“ inszeniert.

Fred Savage – der ewige Kevin Arnold aus „The Wonder Years“ – ist gleichzeitig Ethans bester Freund und sein erfolgreicher wie euphorisch-kindlicher Literatur-Agent. Am College haben Ethan und Max gemeinsam ein Monica-Lewinsky-Musical entwickelt, wenn sie zusammen sind, dann funkelt die Magie der Freundschaft. In Nebenrollen, mal zynisch-grantig, mal schnöselig: Billy Eichner („Billy on the Street“, „Parks and Recreation“) und Greg Germann („Ally McBeal“).

Hilfe, wir werden erwachsen

Man kennt diese Geschichten also alle schon, das Leben ist manchmal schwer und manchmal ist es wunderbar, meistens sind wir selbst verantwortlich, „Friends from College“ findet jedoch einen eigenen Ton. Vor allem nach den ersten holprigen Episoden ist die nur acht Folgen à 30 Minuten lange erste Season in ihrer zweiten Hälfte ein wohliges Glimmen.

Am Besten ist die Show, wenn sie die schrillen Quatschmomente herunterdimmt und auf die intimen Augenblicke setzt: ein leiser Dialog, eine Berührung, ein Blickwechsel. Wenn sie den Humor in den Momenten unangenehmer Stille findet, in der peinlichen Ratlosigkeit, in der stark gedämpften Quirkiness.

Viel geschieht nicht: Die Gang hat Sex in diversen Konstellationen, sie geht auf Dinner-Partys, fährt mit einem Partybus auf Weinverkostungstour und macht sich auf Hochzeitsfeiern zum Deppen. Um die Sehnsucht nach der verlorenen Zeit der Figuren zu unterstreichen, läuft dazu College-Rock aus den 90ern: die Breeders, die Eels, Modest Mouse.

Am Ende dann kulminieren auf einer luxuriösen Geburtstagsparty die Ereignisse, einige unerfreuliche Wahrheiten kommen ans Licht. Dazu erklingt ein Song der Indiehelden Pavement und alles ist schön. Die Nostalgie wärmt uns den Magen, halb ängstlich, halb zuversichtlich blicken wir in die Zukunft.

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