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Benjamin Clementine sitzt im Grünen beim Interview

Susi Ondrusova/FM4

„We are all wanderers!“

Die Sommertour hat den englischen Musiker nicht nur zum Colours Of Ostrava geführt, mit seiner neunköpfigen Band wird er am Samstag auch auf dem Out Of The Woods Festival auftreten. Im FM4-Interview spricht der Musiker über seine neuen Songs, das Fremdsein und die Liebe.

Von Susi Ondrušová

Ich setze mich in einer Colours Of Ostrava-Pause auf der Suche nach einem stillen Plätzchen und einem warmen Getränk in ein Kaffeehaus in der Innenstadt von Ostrava. Ich will zur Vorbereitung auf mein Interview mit Benjamin Clementine noch schnell sein mit dem Mercury Prize ausgezeichnetes Debütalbum „At Least For Now“ durchhören - aber die Kellnerinnen kommen mir zuvor. Die unverkennbare Stimme von Benjamin Clementine ertönt aus den Boxen im Kaffeehaus. Am Nebentisch nehmen zwei Touristinnen Platz, die sich nach dem glutenfreien Angebot des Hauses erkundigen und anfangen, mitzusingen, während sie ihre Soja-Lattes umklammern: „London, London, London is AAAAAAAAALLL in you. Why are you denying the truuuuth!“

Ungewöhnliche Location, aufmerksames Publikum

Seit 2002 findet das Colours of Ostrava Festival in der drittgrößten Stadt Tschechiens statt und war heuer ausverkauft. Über 30.000 Besucher_innen wollten sich Bands wie Imagine Dragons, Norah Jones, alt-J, Midnight Oil oder Moderat nicht entgehen lassen. Die Festivalbühnen stehen auf einem stillgelegten Industriegelände. Ähnlich wie beim Melt!-Festival sind Hochöfen und Fließbänder Teil des Festivalcharmes.

Das Festivalglände des Colours of Ostrava Festival

Colours of Ostrava Festival

Das Publikum ist aufmerksam, belohnt jedes „Ahoj“ der auftretenden Bands mit einem tosenden Applaus. Hier „funktionieren“ Bands, die man sich auf österreichischen Open Air-Festivals kaum vorstellen kann. Als ich vor Jahren einen fast schon flüsternden, statt singenden Devendra Banhart gesehen habe, war das Publikum mucksmäuschenstill, um ja jeden Ton zu hören. Ob der Elektro-Pop der Nihils, die hier am Nachmittag gespielt haben oder Speed Caravan, eine instrumental Rockband mit Mitgliedern aus Algerien, Senegal und Frankreich: die musikalische Vielfalt ist der Grund, warum das Festival gut besucht ist. Alles, außer Einheitsbrei eben.

Die wundersame Welt des Benjamin Clementine

Schwer einzuordnen ist die Musik von Benjamin Clementine: ungewöhnliche Stimme, ungewöhnliche Geschichte. Der Londoner Musiker hat in Paris gelebt und als Straßenmusiker genug Geld verdient, um nicht mehr obdachlos zu sein, sondern in einem Hostel wohnen zu können. Dort hat er dann das Keyboard, auf dem er die ersten Songs geschrieben hatte, unter einem Stockbett verstaut.

Albumcover "I tell a fly" von Benjamin Clementine

Universal Music

„I Tell A Fly“ von Benjamin Clementine erscheint im September auf Caroline/Universal.

Am 31.Juli gibt es das Interview mit Benjamin Clementine in FM4 Heartbeat zu hören.

Für sein Debütalbum „At Least For Now“ ist er 2015 mit dem Mercury Prize ausgezeichnet worden. Im September erscheint das Nachfolge-Album „I Tell A Fly“. Im Vergleich zum Debütalbum, auf dem Benjamin Clementine hauptsächlich aus seinem eigenen Leben gesungen hat, widmet er sich auf „I Tell A Fly“ weniger seiner eigenen Geschichte, wenn auch einem ähnlich persönlichem Thema: dem Fremdsein. Er singt über „aliens“ und „wanderers“.

Der erste Song des Albums heißt „Phantom Of Aleppoville“ – es wäre banal gewesen, die Subjekte in dem Song „refugees“ oder „enemies“ oder „allies“ zu nennen. Benjamin Clementine entscheidet sich – angelehnt an ein Kinderreim – für „bullies“. Stellvertretend für alle, die das Fremdsein nicht anerkennen können, weil sie sich in ihrem Besitzdenken (Land, Kultur, Identität) bedroht fühlen. „Find the balance!” singt er und auch “It´s forgiven, Billie Bully Bully Billie”.

Andere Songs heißen „God Save The Jungle”, „By The Ports Of Europe“, “Ode From Joyce” oder “Farewell Sonata”. Musikalisch ein “europäisches“ Album, neben dem Klavier hört man sehr prominent ein Cembalo: Damit verneigt sich Benjamin Clementine vor seiner Liebe zu Barock und Europa Geburtsort der Klassischen Musik.

„We are all wanderers!“

Thematisch ist „I Tell A Fly“ ein Album, das zur politischen Zeit passt, ohne Namen zu nennen - etwa Trump oder Brexit. Die letzten 200 Jahre hat die Menschheit damit verbracht übers „Fremdsein“ zu sprechen und wir werden das die nächsten 200 Jahre noch tun, meint Benjamine Clementine im Interview, als ich versuche, ihm etwas über die EU-Flüchtlingsquote Tschechiens zu erzählen. Ich frage nach, wie die Botschaft seines Albums im Rahmen eines Festivals angenommen und verstanden werden kann.

“I try to use a medium which is called music to somehow tell people my opinions about what I think. What I do know is that no matter what anyone says, no matter what class you´re from, higher class or working class, there is one thing for sure and that is: We´re all wanderers! We will travel to where there is a safer place or a dangerous place to find something called love. We all do it. If you are not doing it now, I know in the future you will look and search for someone to love. That´s what I think in terms of immigration. But I don’t want people to put political connotations into my music, because once you put political words in my music or this album, it becomes a broadsheet, a newspaper, a research, a thesis or some sort of educational parenthesis. I am only trying to bring things to the normal man, so they can somehow embrace and understand some of the things that are happening environmentally!”

Ben Clementine auf der Bühne

Colours of Ostrava Festival

Benjamine Clementines Auftritt am Colours Of Ostrava Festival selbst war überraschend interaktiv. Während ich leise Töne, Zuhören und vielleicht eine „Hello/Goodbye“-Bühnenansage erwartet hatte, stand plötzlich lyrische Pantomime auf dem Programm.

About last night #giggymnastics @colours_cz @benjaminclementine <3

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Das Publikum, das bei den meisten Konzerten sowieso ohne Aufforderung anfängt mitzusingen, hat sich nicht lange bitten lassen und Benjamin Clementine beim Refrain-Mantra unterstützt. Gänsehaut am ganzen Körper, wenn tausende Menschen folgende, nicht gerade Schalalaa-taugliche-Zeile lauthals mitsingen: „I´m sending my condolence to fear, I´m sending my condolence to insecurities!“

Das Singen ging nach dem Konzert noch weiter, als das Bühnenlicht längst erloschen war und die Massenwanderung Richtung Mainstage und Campingareal eingesetzt hatte: ein Grüppchen Fans sang ihren Ohrwurm des Abends, die Beileidsbekundung an die Angst und Unsicherheit, einfach weiter. Man hat uns gestern nicht bis nach Wiesen hören können. Aber seid hiermit vorbereitet auf das Konzertwunder, das euch am letzten Tag des Out Of The Woods Festivals erwartet.

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