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Dead White Men’s Clothes zeigt die Relativität von Luxus

DWMC (Dead White Men’s Clothes) ist ein Label, das an den Schnittstellen von Kunst, Mode und Postkolonialer Theorie operiert. Ein kultureller Widerhaken, intelligent als Konsumartikel getarnt.

Von Natalie Brunner

Der Kantamanto-Markt in Accra der Hauptstadt von Ghana ist einer der größten Umschlagplätze für europäische Second-Hand-Kleidung weltweit. Teile, die wir als Spenden in Sammelboxen werfen, landen nicht wie oft angenommen bei Bedürftigen in Österreich. Sondern Hilfsorganisationen haben die Boxen an Zwischenhändler vermietet. Diese sortieren die Second-Hand-Kleidung und was am europäischen Markt nicht verwertbar ist, wird in Containern in den Süden geschifft. So lukrieren die Hilfsorganisationen Gewinn.

Menschen auf dem 2nd-Hand-Markt in Ghana, zu einem Paket verschnürte Kleidung

Dead White Men's Clothes

Kleider und Schuhe auf dem Markt in Accra

Der zentrale Umschlagplatz für den afrikanischen Kontinent, der Ort, den die Containerschiffe ansteuern, ist eben Accra. „Der Markt ist riesig groß, wie eine eigenen Stadt in der Stadt“, sagt Jojo Gronostay von Dead White Men’s Clothes. Neben der europäischen Second-Hand-Kleidung wird am Kantamanto-Markt auch Replika-Kleidung aus China angeboten. File under: Gucci Gangster, Prada Poser, LV-Lover.

Die „Originale“ dieser Marken werden übrigens inzwischen wieder in Italien produziert, um das „Made in Italy“-Siegel tragen zu können. Dafür haben sich in der toskanischen Stadt Prato chinesische Fabriken angesiedelt. Die „beschäftigen“ chinesische Arbeiter_innen unter Bedingungen, die von Menschenrechtsorganisationen kritisiert werden: Bei einem Brand in einer Fabrik sind 2016 sieben Menschen gestorben, da die Arbeiterinnen in der Nacht in den abgesperrten Fabrikhallen schlafen und nicht ins Freie flüchten konnten.

Die meist in Europa gespendete Kleidung tritt auf dem Kantamanto-Markt wieder in den Kreislauf des Kapitalismus ein und trifft auf universal lesbare Symbole von Luxus und Distinktion. Die Käufer_innen dieser Second-Hand-Kleidung verwenden seit den Siebziger Jahren den Namen „Obroni Wawu“ für die Teile. Übersetzt heißt das „dead white men’s clothes“ – denn die Käufer_innen nehmen an, es handle sich um die Kleidung von Toten.

Wie entsteht Wert?

Jojo Gronostay, Modemacher und Künstler aus Wien, war am Kantamanto-Markt einkaufen und hat aus dort gefundenen Kleidungsstücken eine Kollektion entwickelt, die er unter dem Label DWMC (kurz für „Dead White Men’s Clothes“) vertreibt. Diese Kollektion ist in Galerien, bei Modefestivals und jetzt online auf der Seite DWMC erhältlich ist.

Models elegant inszeniert in DWMC

Dead White Men's Clothes

Das Interview mit Jojo Gronostay in FM4 Connected

Das Label Dead White Men’s Clothes ist ein Kunstprojekt, mit dem Jojo Gronostay Fragen zu Kolonialismus, Kapitalismus, Globalisierung von Mode und die soziale und psychologische Funktion von Luxus stellt. Er sagt im Interview: „Mich hat die Frage interessiert: Wie entsteht Wert? Warum ist das so, dass die Kleidung in einem anderen Kontext als wertvoll gesehen wird und auf diesem Markt (ANM. dem Markt in Ghana) schon fast Müll ist?“

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