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Arcade Fire - Album "Everything Now"

Guy Aroch

Warum bedienen sich Arcade Fire ausgerechnet bei ABBA?

Mit „Everything Now“ haben die Himmelstürmer von Arcade Fire ihr bisher umstrittenstes Album veröffentlicht. Doch Schein ist hier Sein.

Von Christian Lehner

Ausgerechnet Abba! Warum nicht die Beatles oder Rolling Stones oder zumindest die Beach Boys? So wie es jede anständigen Rockband macht? Warum haben sich ausgerechnet Arcade Fire bei den vier Schwedenbomben mit ihrem Retortenpop bedient? So denken viele Kritiker und Fans über das neue Arcade-Fire-Album „Everything Now“.

Ja, warum denn nicht, möchte man durch ein Megaphon zurückbrüllen. Es ist immer noch alles da, was dieses Bandkollektiv aus Montreal Mitte der Nullerjahre Tunnel zu unseren Herzen graben ließ. Der Überschwang mit Überhang, das Suchen, das Flehen und das Feiern im Refrain. Sehnsucht, Transzendenz, kollektive Erlösung jenseits von Religion und politischer Versprechen. Popmusik in einer gottlosen Zeit für Menschen, die nicht gerne in die Kirche gehen.

Tanz den digitalen Blues

Wer glaubte, bei Arcade Fire ginge es um einen bestimmten Sound, um die Reanimation von Gitarre, Bass, Schlagzeug und ein paar Fiedeln, lag spätestens beim dritten Album „The Suburbs“ falsch - und das ist über sieben Jahre her. Schon damals badete Co-Sängerin Regine Chassagne im Discoglitzer und baute mit Sprawl II Brücken zwischen Kanada und Schweden, zwischen dem Niedergang der Vorstädte in den Nullerjahren und den großen Träumen einer Prom-Night in den 1970s.

Win Butlers Ehefrau ist dann auch die treibende Kraft hinter dem Flirt mit Disco, Ska, Reggae, Electro und den karibischen Rhythmen, die schon das Klangbild des Vorgängeralbums „Reflektor“ prägten. Bereits dort wurde das Thema Digital-Blues abgehandelt, das nun auf „Everything Now“ weitergesponnen wird. In einem der besten songgewordenen Befunde unserer Zeit, dem elektrisierenden „Creature Comfort“, verschmelzen Bodyshaming, Selbstwahrnehmung, Celebrity-Kult und Insta-Sucht zur schlagenden Zeile: „God, make me famous, if you can’t make it painless“.

Arcade Fire - Album "Everything Now"

SMI/ Columbia

„Everything Now“ von Arcade Fire ist auf SMI/Columbia erschienen.

Der in Pixies-Manier gehaltene Rocker „Infinite Content“ wiederum klingt wie der Livecast eines Nervenzusammenbruchs in einer dieser durchklickten Nächte vor dem Bildschirm. Der nachfolgende Song funktioniert quasi als B-Seite dazu. Das Stück trägt den selben Titel, allerdings mit einem Unterstrich zwischen den beiden Wörtern, und stellt über ein hübsches Country-Arrangement die Erschöpfung nach dem Digital-Exzess dar.

Doch „Everything Now“ ist nicht nur ein Album über Klicks, Selfies und Überforderung. Die Platte entwickelt auch immer wieder diesen Arcade-Fire-typischen Sog hin zur Glückseligkeit, die oft im krassen Widerspruch zu den Texten steht. Exemplarisch dafür ist der Song „Put Your Money On Me“. Der verzweifelte Protagonist bittet über einen pluckernden Bass um Vetrauen, um eine neue Chance, vielleicht um die letzte Chance. Zunächst wirkt das von Win Butler mit Kopfstimme vorgetragene Mantra wie ein Chillout-Sedativ, doch nach und nach werden Vortrag und Sound dichter. Dann sinkt das Register in den Brustton, Chassagnes Stimme kommt zu Hilfe. Aus dem Flehen wird ein Versprechen, dann ein Schwur. Am Ende baden die Stimmen in einem aus Gold gewobenen Abba-Refrain (schon wieder!) und umarmen sich. Es ist tatsächlich einer der größten Songs im Repertoire von Arcade Fire.

Ein weiteres Highlight ist das von Regine intonierte „Electric Blue“, das ursprünglich für Win bestimmt war, aber nach Mehrheitsentscheid doch an seine Frau gegangen ist. Hier finden wir eine neue Facette, einen Hang zum Understatement, zum einfachen Thema, zum sparsamen Arrangement. Hier ein wenig Blondie, dort ein zartes Zirpen der Synthis und man gerät allmählich in den Bann dieser neuen Unaufgeregtheit. Einfach konzipiert sind auch Stücke wie „Peter Pan“, „Chemistry“ oder „God Good Damn“, die im Rezeptionsgetöse um den Abba-Rausch etwas in den Hintergrund treten.

Bevor der rote Vorhang in der Einfassung einer weiteren Variante von „Everything Now“ fällt, kommt der leise Höhepunkt. Es ist eine Rückführung auf den Ursprung aller Struggles und wohl auch aller Arcade-Fire-Musik: die Keimzelle Familie. Die wunderbare und unheimlich erschöpft klingende Meditation darüber heißt „We Don’t Deserve Love“. Das bisher auf „Everything Now“ demonstrierte Sendungsbewusstsein sinkt in den Staub. Es tritt eine Verletzlichkeit zu Tage, die die ganze Pracht von „Neon Bible“ in sich vereint.

Everything Arcade Fire

Der Albumtitel kann auch als Referenz an das bisherige Schaffen von Arcade Fire gelesen werden, als etwas, das hier vielleicht zu Ende gekommen ist. Der stilistische und thematische Wildwuchs, der „Everything Now“ auf den ersten Blick etwas unrund erscheinen lässt, ist eine Verzahnung gleich mehrerer Alben: das Befassen mit der Gemeinschaft, das „Funeral“ auszeichnet, der Subtext der Religion als Grundlage für „Neon Bible“, die Familie und die Vorstadt von „The Suburbs“ und die digitalen Zerstreuungsmechanismen von „Reflektor“. Das alles findet sich in Wort und Ton auf „Everything Now“.

Ein Schlüssel zum Verständnis des Albums, vielleicht von Arcade Fire at large, finden wir im Song „Signs of Life“. Dort treffen Weißbrot-Rap und Blacksploitation-Disco aufeinander (Thomas Bangalter von Daft Punk fungierte als Co-Produzent des Albums, andere waren Steve Mackey von Pulp und Geoff Barrow von Portishead). Der Sound demonstriert eine funky Zeit im Club. Doch der Text weiß Bescheid über den leeren Kopf danach. Win Butler singt über die coolen Kids von heute, die nach den Zeichen des Lebens suchen. Immer wieder.

Nun, „cool“ waren Arcade Fire nie. Ihre Inszenierungen wirken stets ein wenig goofy und unbeholfen, auf jeden Fall überambitioniert, selbst in den souveränen Momenten. Aber das macht sie nicht nur menschlicher als andere Popstars, es hat auch Vorteile. Während Bandfreund und Ex-Arcade-Fire-Produzent James Murphy für immer in der Hipster-Falle gefangen scheint, gönnen sich Arcade Fire alle Freiheiten, die ihnen 2017 im Popgeschäft (noch) zur Verfügung stehen. Das bedeutet auch, dass man ruhig einmal in die Abba-Kiste greifen kann.

Gewohnt starke Songs, gewohnt starkes Album. Und die Nörgler seien beruhigt: Die Soundmaschine Arcade Fire spuckt auf dem nächsten Album womöglich wieder ganz andere Töne aus. Es bleibt spannend.

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