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Popfest 2017

Radio FM4 / Patrick Wally

Es wurde loseskaliert am ersten Tag vom Wiener Popfest

Neuer Sommer, neues Popfest, neue KuratorInnen und neues Line-Up. Das Gratis-Festival am und um den Karlsplatz wurde am Donnerstag mit Mono & Nikitaman, Salute, Bruch und vielen mehr eröffnet.

Von Christoph Sepin

Es ist also mal wieder soweit: Popfest-Zeit! Der musikkulturelle Zankapfel geht tatsächlich schon in die achte Ausgabe und kann damit schon fast von sich sagen, zu einer alteingesessenen Eminenz gemausert zu sein. Gewisse Muster wiederholen sich dabei auch mittlerweile brav jährlich, es ist beispielweise noch immer (oder schon wieder) ziemlich en vogue das Musikfestival von Medienseite ein bisschen zu haten.

Weil es ja (unfundiert) dank seines Gratis-Charakters die österreichische Musikkultur zerstöre, Bands unter Wert (gratis) verkaufe und sowieso politisch sei. Und das Wetter war am Eröffnungstag auch scheiße. Da ist sicher auch das Popfest dran schuld.

Clickbaitkonform werde ich deswegen über die nächsten drei Tage versuchen auch alles schrecklich zu finden und mir die ganzen Bands am Popfest anschauen, die aufgrund der zerstörerischen Gratiskultur dieses Wochenende vermutlich die letzten Konzerte ihrer Karriere spielen werden.

Das Wetter ist tatsächlich unangenehm unterkühlt am ersten Popfesttag und passt so überhaupt nicht zu der Hitzewelle, die ständig von U-Bahn-Zeitungen herbei prognostiziert wird. Meine Theorie: Die Bands am Popfest sind einfach so cool, dass da auch die Temperaturen abkühlen, wenn die sich alle am selben Ort einfinden.

Cool wie die Grungekombo I’m A Sloth die wacker auf der Brandwagen-Bühne eines äußerst erfolgreichen Energydrinkherstellers in den Abend startet. Das Publikum ist leider noch überschaubar, die Töne, die fabriziert werden aber schon mal sehr gut. Jedem und jeder gefällt diese Musik, die sich nicht so viele Sorgen um mögliche Unbekömmlichkeiten macht, aber leider nicht. „Ich glaub’ ich bin zu alt dafür“, sagt jemand neben mir, dabei kann man für Grungemusik ja gar nicht zu alt sein.

Bekömmlicher geht es da schon auf der Seebühne zu, wenn die Band auftritt, für die viele Menschen zum Karlsplatz gepilgert sind: Mono & Nikitaman gibt es anzuschauen. Die These, dass Leute am Popfest nur plaudern und die Bühne ignorieren, wird hier zumindest in den vordersten zehn bis zwanzig Reihen widerlegt. Auf die Mitsing- und Händebewegenbefehle der Band reagiert das Publikum brav und folgsam und macht auch genau das. Auf der Bühne wird dann romantisiert und geträumt, wie schön das doch wäre, wenn Österreich Gras legalisieren würde als die Nummer „Kein Weed“ gespielt wird. Ein junger Mann mit Amsterdam-Kappe findet das super und stimmt zu. Aber Achtung, wichtige Durchsage von der Bühne: Das kann man alles auch cool finden, wenn man gar nicht selber kifft.

Auch cool finden, wenn man nicht kifft, kann man Salute. Der Elektronikproducer tritt mit Bandunterstützung auf die Bühne, das geht leicht runter und passt gut zu der gut, aber nicht extrem überfüllten Menge. Ein maßgeschneidertes Set als Crowdpleaser, quasi. Gaststars gibt es, ja, schöne Bescheidenheit und süß-softe Elektronik für Leute, die Musik eh mögen, sich aber nicht extrem damit beschäftigen wollen. Die Plauderei im Publikum, die dem Popfest gerne nachgesagt wird, die gibt es hier zumindest in Nuancen stärker zu spüren als noch bei Mono & Nikitaman.

Während Salute seine letzten Takte performt, heißt es schon losmarschiert in Richtung TU Prechtlsaal und losmarschiert zu Bruch, der dort mit Band und Gaststars ein Konzerterl zum Besten gibt. Rhythmus ist King bei der Show, Rock’n’Roll sowieso und die positive Zerstörungskraft. Der Welthit „Take Me Home Vienna“ aus dem Jahr 2014 wird neu vertont gespielt und ist stärker im Retrogewand zu Hause, warum auch immer. Aber so ist das mit der Musik, die ist eben frei wie ein Vogerl.

Frei wie ein Vogerl sind auch die Gore Gore Boys, die eine Stunde nach Geisterstunde die Pentagram-Flagge hochziehen und herrliche Kellermusik spielen. Vergangene Gitarrenklänge werden gefeiert, ein bisschen angry ist das Ganze, aber eh auch wieder irgendwie vergebend. Sie ist halt so, die Welt und wir leben nur drauf. Ein bisschen provozieren tun die Gore Gore Boys die blöde Erde trotzdem, sogar mit einem kleinen Moshpit.

Im Hof der TU stehen übrigens deutlich mehr Leute als vor der Band (okay, so viele Leute passen auch nicht in den Prechtlsaal), aber so ist halt dieses verteufelte Popfest, das die Bands um ihre Eintrittpreise beraubt. Die schreckliche Gratiskultur, die uns alle zum Untergang bringen wird, gibt es heute übrigens auch wieder zu bestaunen. Da geht es schon weiter: Popfest 2017.

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