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Meilensteine am Popfest

Vom Samstag am Popfest mit Ankathie Koi, Gustav, 5K HD und der Klitclique.

Von Christoph Sepin

Wenn man seit Beginn jedes Jahr aufs Popfest geht, dann können sich gewisse Muster schon mal wiederholen. Weniger im musikalischen Sinne als locationbedingt. Denn so oft haben sich die Popfest-Schauplätze auch nicht geändert. Aufgrund des Umbaus vom Künstlerhaus am Karlsplatz entfällt heuer aber der beste Schwitzkasten am Popfest, das Brut, als musikalische Bühne.

Ersatz wurde gesucht und mit dem Kuppelsaal in der TU gefunden. Der an manchen Stellen über zehn Meter hohe Raum entpuppt sich als Fluch und Segen. Einerseits entfällt dort die vollgequetschte Rock’n’Roll-Romantik, die sich im Brut gerade noch ertragen lässt, andererseits ist dort gestern, Samstag, ein musikalischer Meilenstein der österreichischen Popkulturlandschaft zu bewundern gewesen. Und dafür muss man dem Kuppelsaal auch irgendwie dankbar sein.

Bevor in die technische Universität gepilgert wird, dürfen natürlich auch noch die Freiluftbühnen am Karlsplatz bespielt werden. Von den Gruppen Kaiser Franz Josef und Mother’s Cake zum Beispiel, die sich scheinbar beide von der Schule der „Wolfmother trifft auf Queens of the Stone Age trifft auf Led Zeppelin“-Musik inspirieren lassen. Und damit das auch alle verstehen, wird sowohl Wolfmothers Hitnummer „Woman“ als auch Led Zeppelin live gecovert.

Musikalisch ganz woanders zuhause sind die Tents, die sich am Brandwagen als eines der Highlights des Tages entpuppen. Mit gesunder Kälte an diesem Sommertag gibt’s schönen Post-Punk zum coolen Mitwippen. Dafür muss man sich bedanken und auch dafür, dass die Band von der Bühne mitteilt, man solle doch keine Angst haben. Was prinzipiell ab und zu als Erinnerung ganz nett zu hören ist.

Die Sonne geht unter und es wird Zeit für eine Lichtgestalt der Popkultur. Die Kuratorin des letzten Popfests, Ankathie Koi, stellt sich als finaler Act auf die Seebühne. Und wie jedes Mal ist das ein besonders schönes Spektakel zum Bewundern. Immer Energie, immer weiter, immer abheben, herrlich. Und richtig voll ist es vor Bühne auch wieder.

Ich hasse den Kuppelsaal...

Wie sollen all diese Leute denn nur in den Kuppelsaal passen? Gar nicht, lautet die Antwort. Da werden nämlich wieder nur limitierte Zählkarten ausgegeben, die am Samstag noch schneller weg waren als bei den Konzerten am Freitag. Kein Wunder, gibt’s doch mit Gustav eine der herausragendsten Musikerinnen des Landes dort zu sehen. Mit ihrer Proloband werden Lieder aus der „Proletenpassion“ gespielt, da kann man sich schon drauf freuen, bevor man noch in den Lift, der in den Kuppelsaal fährt, einsteigt. Aber Moment, der Aufzug hat sogar einen Liftboy. Mir schwant Schlimmes.

Und tatsächlich: Der Kuppelsaal ist durchbestuhlt und Einweiser bringen zu den Sitzplätzen, wo schon Menschen mit verschränkten Armen, überkreuzten Beinen und weißen Kragen vor sich hin warten. Oje, Hochkultur und Sitzkonzert und plötzlich wird darüber gesprochen, dass das ein Privileg sei, hier sein zu dürfen, und alles wird unglaublich österreichisch und bieder.

Wie arg wäre das jetzt im Brut bei 40 Grad schwitzend zu sehen, denke ich, während Gustav und die Proloband ein musikalisch hochwertigstes Set spielen. Stattdessen gibt es zustimmendes Nicken und jemanden, der brüskiert schaut, als zwei Leute in der Reihe vor mir gerade mal ein bisschen mitschunkeln.

... ich liebe den Kuppelsaal

Frustration macht sich bemerkbar: Die Gruppe 5K HD, bereits im Vorfeld ein erwartbares Highlight, spielt nämlich auch hier. Wird da auch durch biedere Gefälligkeiten das Feuer genommen werden? Kann das überhaupt funktionieren, was 5K HD da geplant haben, vor einem sitzenden, wartenden, zurückgezogenen Publikum? Diese Fragen stellen sich dann schlussendlich gar nicht, denn nach der Show von Gustav verschwinden auch die Stühle aus dem Saal, man sieht wieder vermehrt Bierbecher und Menschen, die in Vorfreude ihre Beine bewegen.

5K HD, das ist Mira Lu Kovacs von Schmieds Puls gemeinsam mit der Gruppe Kompost 3. Das klingt schon am Papier gut, was live während diesem besten Konzert am Popfest passiert, entpuppt sich aber als musikalischer Meilenstein. Zerbrechlichkeit trifft auf Selbstzerstörung trifft auf Eskalation trifft auf Harmonie. Stimmen werden zu Instrumenten, Instrumente zu Stimmen, mit Pausen wird gespielt, mit Rhythmus gebrochen und das alles mit einer Selbstverständlichkeit und understated Selbstsicherheit, die den Eindruck entstehen lassen, hier spielen Menschen, die schon seit einer Ewigkeit gemeinsam Musik machen. Und spätestens mit der Public-Image-Ltd-Zeile „This is not a love song“ wird der Kuppelsaal zum besten Ort der Welt, die beste Location für diese Band und alles ist vergeben und vergessen, wenn man zwischen den Holzverstrebungen des Saals gebannt nach oben starrt.

Wie soll man dem Ganzen folgen, denkt man sich nach der Show. Am besten treiben lassen, nämlich zur Klitclique in den TU Prechtlsaal. Das ist ordentlich voll dort, es gibt einen Moshpit, den Welthit und die DJ-Vadim-Hommage „Feminist“, Crowdsurfen und eine Bühnenpräsenz zwischen nonchalanter Großartigkeit und bester Eskalation. Wie man die Scheißwelt am besten vertonen kann, wird hervorragend demonstriert.

Mit der Klitclique hört es aber nicht auf am Samstag: Cid Rim bespielt den Prechtlsaal, eine Traube von Menschen wandert zum nicht weit entfernten Roxy, wo es zum zweiten Mal an diesem Tag den Millionen-Klicks-auf-Youtube-Sammler T-Ser zu sehen gibt. Das ist sehr, sehr voll dort, sehr heiß und sehr super. Und ein kleiner, feiner Ersatz für die fehlende Bühne im Brut. Vielleicht wird ja doch alles gut.

Heute, Sonntag, gibt es das große Popfest-Finale in der Karlskirche zu besuchen. Live dort zu sehen sind Pamelia Stickney, Dino Spiluttini, Maja Osojnik und Meaghan Burke.

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