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Arundhati Roy

© Chiara Goia

Politischer Aktivismus trifft Fiktion

Mit „Das Ministerium des äußersten Glücks“ hat Arundhati Roy nach Jahren des politischen Engagements wieder einen Roman geschrieben. Und der wäre ohne die politische Arbeit nicht denkbar, sagt Roy selbst. Tatsächlich findet sich in den Figuren eine Zusammenschau der innerindischen Konflikte der letzten 20 Jahre.

Von Irmi Wutscher

Lange hat Arundhati Roy als so etwas wie das „One-Hit-Wonder“ der Literatur gegolten. Auch ich dachte, nachdem sie jetzt so lange politische Texte geschrieben hat, dass „Der Gott der kleinen Dinge“ vielleicht nur ein Zufallstreffer war, aus dem Ärmel geschüttelt von einer politischen Aktivistin. Aber nein: „Fiction takes its time“ sagt Roy, deren zweiter Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“ heute auf Deutsch erscheint, zwanzig Jahre nach dem Erstling „Der Gott der kleinen Dinge“.

Poster Princess of Indian Literature

1997 hat Arundhati Roy mit ihrem Debütroman gleich den Booker-Preis gewonnen, wurde über Nacht weltberühmt. Das Buch wurde in über 21 Ländern der Welt verkauft, Arundhati Roy war über Nacht „die“ literarische Stimme des neuen Indien: „Ich war das Postergirl und auf jedem Magazincover“, sagt sie in einem Publikumsgespräch mit dem Guardian. „Dann kam die BJP an die Macht und hat begonnen, Nukleartests zu machen. Da konnte ich nicht neutral bleiben. Wenn ich nichts gesagt hätte, dann hätte das bedeutet, ich würde das unterstützen. Ich musste diese Position einnehmen!“

Buchcover "Das Ministerium des äußersten Glücks" von Arundhati Roy

S.Fischer Verlag

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ von Arundhati Roy, aus dem Englischen von Annette Grube ist im S. Fischer Verlag erschienen.

Und damit beginnen zwanzig Jahre politischen Engagements, in denen Arundhati Roy vor allem eines war: unbequem für verschiedenste indische Regierungen. Sie hat sich gegen Umsiedlungspolitik bei großen Staudammprojekten und den stärker werdenden Hindu-Nationalismus ausgesprochen, sich im Kaschmir-Konflikt engagiert und Essays zu Demokratie und Minderheitenrechten geschrieben.

Roys zentrale These, in ihrem Aktivismus, in ihrem Schreiben: Indien erneuert und modernisiert sich auf dem Rücken der Armen und der Ausgegrenzten – in Indien sind das zum Beispiel die unteren Kasten bzw. die Dalits (Eigenbeschreibung der Kastenlosen, früher „Unberührbaren"), die muslimische Bevölkerung, Ureinwohner_innen.

Für ihre politischen Aussagen ist Arundhati Roy mehrmals wegen „Volksverhetzung“ angeklagt worden, viele der Prozesse laufen noch – in Indien eine beliebte Methode, auch um gegen Journalist_innen vorzugehen. Dabei geht es weniger um die Verurteilung, sondern um Prozesse die sich über Jahre ziehen, und die den Betroffenen Zeit und Energie rauben.

Arundhati Roy berichtet, Menschen hätten sie immer wieder gefragt, warum sie zwanzig Jahre „nichts geschrieben“ hätte. Dabei hat sie immer geschrieben, und auch der Gedanke an den neuen Roman war da immer mit dabei. Den Aktivismus, diese Jahre des Mitgehens mit denen, die vom Fortschritt und von den Ambitionen der Regierenden in Indien zurück gelassen werden, das nimmt Arundhati Roy mit in ihren neuen Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“.

„Ich hätte dieses Buch nicht schreiben können, ohne die 20 Jahre davor, ohne mein anderes Schreiben“, sagt sie dem Guardian. „Was nicht bedeutet, dass das nur Recherche für den Roman war!“ Das politische Schreiben ist nicht zu trennen vom Fiktionalen. Und das Private auch in Arundhati Roys Fall politisch.

”My first novel was about a family, and this is most emphatically not about a family. If that had a broken heart, this has a shattered heart.” – Arundhati Roy im Interview auf Penguin Books

Zersplittertes Herz

„Der Gott der kleinen Dinge“ ist 1997 auf dem mit „Frauen“ übertitelten Buchtisch gelegen und wurde gerne Müttern zum Geburtstag geschenkt. Dabei war auch dieser Roman schon eine Abhandlung über indische Gesellschaftsschichten und wie sie miteinander umgehen: Die mit den Briten sympathisierende Oberschicht, kommunistische Funktionäre und Dalits (Kastenlose) in Kerala. Bleibt „Der Gott der kleinen Dinge“ aber im Familiären, so macht sich „Das Ministerium des äußersten Glücks“ auf, ganz Indien und seine jüngere Geschichte zu verhandeln. Und zwar aus der Sicht von ganz unterschiedlichen Personen.

Da gibt es Anjum, eine transgender-Person, die sich selbst als Hijra bezeichnet (ein indischer Begriff für Männer, die als Frauen leben). Einen Dalit, dessen Familie von so genannten Kuhschützern umgebracht wurde und der sich als Muslim namens „Saddam Hussein“ neu erfindet. Tilo, Kind einer Syrischen Christin und einem Dalit, deren Mutter sie nach der Geburt in ein Waisenhaus geben musste und sie später als Adoptivtochter wieder zu sich nimmt. Ein schmieriger Staatsbeamter, der als junger Mann irgendwann einmal mit Tilo studiert hat, jetzt steht er auf der anderen Seite. Und es gibt noch viele weitere Charaktere, deren Erzählstränge sich überlagern und ineinander verweben.

Arundhati Roy

AFP

Roy mit demonstrierenden Schülerinnen in Neu Delhi

Vielstimmige Erzählung

Roy wollte, dass ihr Roman sei, als gehe man eine Straße entlang, und noch die kleinste Person am Straßenrand habe ihre eigene Geschichte. Das kann manchmal auch ein wenig mühsam werden. Der Text springt viel hin und her: zwischen Personen, mal poetisch verklausuliert, mal sachlich bis journalistisch geschrieben. Es gibt andauernd Zeitsprünge nach vorne und hinten, manchmal muss man auch erst über ein paar Absätze drüberlesen, um herauszufinden, wo (zeitlich und örtlich) und bei wem man gerade ist.

Die stark formalisierte und durchkomponierte Sprache von „Der Gott der kleinen Dinge“, die viel mit Wiederholungen, Wort-Zersetzungen und –neuerfindungen gespielt hat, hat Roy beim neuen Roman leider hinter sich gelassen. Aber ihrem kreativen Namensgeben (Orangenlimo-Zitronenlimo-Mann!), dem Fabulieren und den Umwegen ins Fantastische bleibt sie treu:
Der erste Absatz erzählt von Geiern, die verenden, weil sie mit Diclofenac gefütterte Kuhkadaver gefressen haben. Mehr Eiscreme, mehr Mangolassi heißt mehr tote Geier. Mobs von Hindu-Nationalist_innen, die gerne safrangelb gewandet auftreten, werden als „Safransittiche“ bezeichnet. Ein Treffen von verschiedenen Bürgerrechtsbewegungen wird als „internationaler Supermarkt des Leids“ beschrieben. Immer wieder sind Zitate, Gedichte und Lieder in verschiedensten Sprachen eingeflochten - von Nietzsche über Leonard Cohen bis zu Urdu-Dichtern ist alles dabei. In diesem Sinne ist das Buch im wörtlichen wie im übertragenen Sinn vielstimmig. Aber eben auch zersplittert.

Grenzregimes, Innen und Außen

Am 15. August feiert Indien seinen 70. Unabhängigkeitstag. Mit der Staatswerdung Indiens, das sich gerne als die größte Demokratie der Welt bezeichnet, ging auch die Teilung von Indien und Pakistan einher, bei der es zu Vertreibungen und Massakern zwischen der Hindu und der Muslim-Bevölkerung kam. Oder, wie Roy schreibt:

Gottes Halsschlagader platzte auf der neuen Grenze zwischen Indien und Pakistan, und eine Million Menschen starben an Hass. Nachbarn gingen aufeinander los, als hätten sie sich nicht gekannt, sich nie gegenseitig zu Hochzeiten eingeladen und nie die Lieder der anderen gesungen.

Diese Teilung ist es, die Indien bis heute formt, die verschiedenste Formen von Grenzregimes hervorgebracht hat, im Inneren wie im Äußeren. Allem voran eines immer stärker werdenden Hindu-Nationalismus, der - wie Roy sagt - daran arbeitet, aus Indien einen Hindu-Staat zu machen (laut Verfassung ist Indien ein säkularer Staat).

Die andauernde Feindschaft zwischen Hindus und Muslims. Die Arroganz der obersten Kasten gegenüber Dalits, was sich in den vergangenen Monaten vor allem in Lynchmorden von selbst ernannten „Kuhschutztruppen“ äußert. Die Region Jammu und Kaschmir, um die seit 1947 Krieg geführt wird, auf dem Rücken der dort lebenden Bevölkerung. Alle diese Dinge kommen in „Das Ministerium des äußersten Glücks“ vor und spiegeln sich in den Figuren wieder: „Durch alle meine Charaktere läuft eine Grenze", sagt Arundhtai Roy. Von der Hijra, in deren Körper sich „Indo-Pak“ zwischen weiblich und männlich abspielt, bis zum Kaschmirischen Aufständigen, der den Grenzkonflikt verkörpert.

Arundhati Roy

AFP

Arundhati Roy mit Kaschmirischen Freiheitskämpfern bei einer Ausstellungseröffnung

Die Gemeinschaft der Outcasts

Es geht in „Das Ministerium des äußersten Glücks“ im Endeffekt darum, wie die Gesellschaft ihre Grenzen zieht und sagt: Wer darf dazugehören und wer bleibt draußen. Und Roys Protagonst_innen befinden sich zum Großteil außerhalb dieses Normalen, formen ihre eigene Gemeinschaft.

Auch sich selbst inszeniert Arundhati Roy gerne als Outcast. Das Preisgeld des Bookerpreises hat sie sofort gespendet und auch die Tantiemen von „Der Gott der kleinen Dinge“ gehen angeblich direkt an Menschenrechtsorganisationen. Roy selbst ist nach dem Welterfolg nicht zu den – wie sie es nennt - „beautiful people“ nach London oder New York gezogen, sondern in Neu Delhi geblieben. Sie rauche lieber Zigaretten mit Menschen auf der Straße und füttere streunende Hunde, als auf einen Empfang zu gehen, sagt sie.

Indien liegt ihr sehr am Herzen. „The reason I live there, I write and I fight there is because there is so much to love there: so much beauty, so much music, so much anarchy“, sagt Arundhati Roy. Womit sie Recht hat. Und damit ist der Romantitel „Das Ministerium des äußersten Glücks“ auch keineswegs sarkastisch gemeint.

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