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Lana Del Rey

Polydor Records/Interscope

Sing den großen Traum mit mir

Lana Del Rey und Crew schießen wieder aus allen Rohren. „Lust for Life“, das fünfte Album der amerikanischen Gesamtkünstlerin.

von Philipp L’heritier

Die ganze Pracht aus vollen Fässern zapfen: Das neue Album vom Lana Del Rey ist gut 72 Minuten lang, das ist nicht unwichtig. Das ist eine üppige Spieldauer, die früher den Tonträger CD fast bis an den Rand vollgemacht hat.

So etwas macht ja heute kaum noch jemand, solch opulente Materialschlachten, vielleicht gerade noch Kanye West. Und CDs gibt es keine mehr. Kann man ja nicht mal irgendwo mehr abspielen.

Lana Del Rey sagt uns also gleich, keine Idee von Angst, sie kann den Entwurf des achtdimensionalen „Albums“ als Album als Komplettkunstwerk stemmen. Sie hat die Ideen und das Schmalz, so lässt uns Lana Del Rey gleich an der Oberfläche wissen. Sie hat den Pomp, die steilen Gefühle, die Lieder und die pfirsichfarbenen Kitschbildchen. Dick auftragen, mit dem Kajal, mit allen Farben, das ist immer schon eine Stärke der in Los Angeles, Kalifornien thronenden Musikerin und Gesamtdarstellerin gewesen.

Gib mir alles

„Lust for Life“ heißt dieses neue, fünfte Album von Lana Del Rey nur richtig – weihevoll brausen wir im rosa Cadillac den Strand entlang. Voller Energie und Lebenssaft im Magen zwar, aber in Zeitlupe.

Es kann nur nach oben gehen. Im Titelsong „Lust for Life“ umsäuseln Del Rey und Songpartner The Weeknd einander - und dem Leben mit simplen Wortspielen den Sinn ein: „Cause the Lust for Life, keeps us alive“ und „Take off, take off – take off all your clothes“. Wir heben ab und fliegen auf und davon. Wir ziehen uns aus und machen die schönen Dinge, die man nackt so machen kann.

Nun lehnt sich die alte Zitatmaschine Del Rey mit dem Albumtitel beim klassischen, großzügig von David Bowie mitgestalteten Album „Lust for Life“ von Iggy Pop aus dem Jahr 1977 an – um verschwitzten Rock’n’Roll und Punkrock geht es auf ihrer Platte freilich nicht.

Höchstens in der Bildsprache und hinsichtlich der herrlichen Verkultung der alten Mythen: Ein gutes, wildes Leben in den 50er-Jahren, 60er-Jahren, irgendetwas ist da gewesen, Marlon Brando, James Dean, mit Zigarettenpäckchen im aufgekrempelten T-Shirt-Ärmel.

Gesamtpop

In musikalischer Hinsicht wird hier, so wie es gehen muss, alles aufgefahren, was möglich ist. Als Co-Autoren, Produzenten, Musiker, Menschen waren für „Lust for Life“ unter anderem Großkaliber wie die Herren Max Martin, Benny Blanco, Emile Haynie und Rick Nowles im Studio zu Gast. Die haben in den letzten Jahren – getrennt voneinander oder in fallweisen Kollaborationen – alles und jeden – jeden! – betreut: Rihanna, Eminem, Lykke Li, Sia, John Legend. Lady Gaga, Ed Sheeran, Katy Perry.

Das ist nichts Neues, dass aus großer Starpower ein Großobjekt und eine Künstlerinnenfigur gegossen wird – oder werden soll. Lana Del Rey aber ist die Erschafferin. Diesmal ist das alles hier noch schwülstiger und sirupförmiger, neben dem ausgestelltem Vergnügen dunkler. Mehr Synthetik, weniger Rock.

Sixties-Girl-Group-Pop durch die Kanäle der Elektronik in die Preset-Disco der Gegenwart gespült. Hier entsteht spannende Reibung: Die Magie aller süß singenden Violinen mischt sich oft mit dünn pluckerndem Beat aus dem Kinderkeyboard. Aber sicher einem teuren.

Wechselhaftes Buffet - aber viel

Lana Del Rey und ihre Crew schießen mal wieder aus allen Rohren und schauen, was irgendwo ankommt. Oft ist es richtig, immer ist es zu viel. Eine gar zärtlich gemeinte Säuselfolkballade mit Sean Lennon säuselt. Die Gastauftritte der Rapper ASAP Rocky und Playboi Carti führen den Sound Del Reys gezielt auf Störkurs gepolt in Gegenden, die ihr nicht gut zu Gesicht stehen.

Es gibt eine Nummer, die Lana De Rey gemeinsamen mit der großen Stevie Nicks, einst Sängerin der Softrock-Göttinnen Fleetwood Mac, aufgenommen hat. Warum ist da nicht vorher jemand draufgekommen?

Die helle Sehnsucht und von Wetter, Whiskey und Kokain gegerbte Stimme umschmiegen einander. Und wovon singen Nicks und Del Rey da so unerhört: „We’re Just Beautiful People with Beautiful Problems – Yeah“. Muss man auch einmal singen. Und Recht haben.

Regenbogen von vorne und von hinten

Die Lieder auf „Lust for Life“ nennen sich „White Mustang“ oder „Heroin“. Ein anderes: „God Bless America – And All The Beautiful Women In It“. Lana Del Rey besingt immer die schönen Oberflächen und die geilen Produkte und das Glänzen der amerikanischen Träume.

Lana Del Rey

Polydor Records/Interscope

Ach, es funkelt so gut, wir fassen uns an die Brust vor Verzückung – was wir alles haben können und haben wollen können. Verlorene Motorradfahrten, Haartollen und die gute Lederjacke. Es ist aber natürlich alles auch faul hinterm Zelluloid.

Das ist das Thema von Lana Del Rey. In textlicher Hinsicht buchstabiert sie es auf „Lust for Life“ so magnetisch durch wie selten zuvor. Prunkvoll, voller Glanz und gerne flach, im Untergrund ist die Seele morsch. Oft muss Lana Del Rey nur andeuten, oft plakatiert sie aus: „It hurts to love you, but I still love you“, lautet der Refrain des Stückes „13 Beaches“.

Der Song öffnet mit einem Sample aus dem wundersamen Horror-Klassiker „Carnival of Souls“ aus dem Jahr 1962, danach singt Del Rey davon, wie sie über 13 Strände entlang vor den Papparazzi flüchten muss. Glam und Grusel, dicker Bratensaft und dünne Poesie. Die geilste Narkose und die prallste Vorgaukelung eines elektrisierenden Lebens. Lana Del Rey hält die Welt in Atem.

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