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„Wir sind ein helle Familie“, glaubt die Mutter. Aber vieles ist dunkel.

Wenn im neuen Roman von Linda Boström Knausgård ein dominanter, gewalttätiger Vater vorkommt, fragt man sich natürlich schnell, ob das jetzt an der schonunglsosen Autobiographie von ihrem Ex, Karl Ove Knausgård, anknüpft, oder ob sie jetzt zurückschreibt und über ihn auspackt.

Von Zita Bereuter

„Lieber guter Gott. Mach, dass mein Vater stirbt. Ich will, dass er stirbt, und du musst mir beistehen. Wir tun es jetzt. Gemeinsam. Du und ich. Wir töten. Ihn. Das ist mein größter Wunsch. Amen.“

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Linda Boström Knausgård

Christina Ottosson

Linda Boström Knausgård (*1972) ist Autorin von Gedichten, Erzählungen und Romanen und lebt in Schweden. Mit dem norwegischen Autor Karl Ove Knausgård war sie verheiratet und hat mit ihm vier Kinder.

Karl Ove Knausgård hat die wohl aufsehenerregendste Biographie in den letzten Jahren geschrieben. Auf über 4.000 Seiten erzählt er schonungslos und radikal aus seinem Leben und auch aus dem seiner Exfrau.

Abend für Abend wiederholt die elfjährige Ellen das Gebet. Dann stirbt der Vater. Ellen fühlt sich schuldig. „Ich habe zu laut gebetet, dass er ihn sterben lassen möge. Eine solche Macht hatte mein Sprechen also.“ Folglich beschließt sie, zu schweigen.

„Ich spreche schon seit Langem nicht mehr.“

Mit diesem Satz beginnt der Roman „Willkommen im Amerika“ von Linda Boström Knausgård.

Ellens Vater war dominant, Alkoholiker und lag nach seinem Tod erst mal länger in der Wohnung, bis man ihn fand. So liest man auch über den Vater in Karl Ove Knausgårds Autobiographie. Es fällt beim Lesen von „Willkommen in Amerika“ schwer, nicht ständig an das monumentale Werk, das im Original „Min Kamp“ heißt, zu denken. Auch das Leben der Erzählerin Ellen ist ein Kampf: „Man will seine Wünsche nie erfüllt sehen. Das stört die Ordnung. Die Ordnung, die man eigentlich herbeisehnt. Man will enttäuscht werden. Man will verletzt werden und um sein Überleben kämpfen.“

Damit ist es aber schon genug mit Vergleichen, denn „Willkommen in Amerika“ mit gerade mal 144 Seiten ist zwar ein schmales, aber sehr starkes, eigenständiges Werk und mit seiner Verknappung geradezu das Gegenteil der Autobiographie. Hier wird geschwiegen und doch alles gesagt.

Ellen lebt mit ihrem Bruder und ihrer Mutter in einer großzügigen Wohnung, in der auch Skateboard gefahren wird. Sie bewundert ihre Mutter, eine erfolgreiche, attraktive Schauspielerin. „Sie ist zu groß, zu fröhlich, zu übermächtig.“

Der Bruder verschließt sich am liebsten in seinem Zimmer und macht Musik. Er kommt mehr nach seinem Vater. „Es widerstrebt mir, daran zu denken, dass ich Angst vor meinem Bruder habe. Trotzdem denke ich oft daran.“

Auch der tote Vater erscheint Ellen immer wieder, macht Bemerkungen oder stellt ihr Fragen. „Er musste beruhigt werden. Obwohl er tot war. Da ist kein Unterschied zwischen den Lebenden und den Toten.“

Cover Willkommen in Amerika

Schöffling Verlag

Aus dem Schwedischen übersetzt von Verena Reichel, Schöffling & Co 2017

In diesem Kräftefeld lebt Ellen und beobachtet genau. Dabei zeigt Linda Boström Knausgård ihr außergewöhnliches Können. Poetisch und verknappt erzeugt sie markante Bilder. „Ich war ein Kind. Ein Kind, das die Dunkelheit festhielt. Es war entsetzlich.“

„Willkommen in Amerika“ ist ein Roman über das schwierige Erwachsenwerden. Über das Familienleben. Über das Dunkle. Das Schweigen. Und mit diesem Schweigen erzählt Linda Boström Knausgård beeindruckend viel.

Knausgård vs. Knausgård

Linda Boström Knausgård musste in der Autobiographie ihres Exmannes mehr über ihn und sich lesen, als ihr lieb war. Sie habe vorab erklärt „Du kannst schreiben, was du willst, aber es muss gut sein.“ Nachdem sie das Manuskript gelesen hatte, habe sie geweint, aber letztlich ihre Zustimmung und Freigabe gegeben, erklärt Karl Ove Knausgård 2013 in einem Interview mit der Welt. In einem Interview mit der SZ von 2015 liest man, dass sie „nach der Lektüre seines Werkes in die Psychiatrie eingeliefert“ wurde.

Mit einer Gegendarstellung rechnete Karl Ove Knausgård 2013 nicht. „Sie interessiert sich nicht für realistische Details. Sie ist der entgegengesetzte Schriftsteller-Typ. Sie erfindet Dinge.“ Mag sein, doch das macht sie sehr gut. Irgendwann meinte Karl Ove Knausgård, seine Frau sei die bessere Schriftstellerin.

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