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Still aus "Der Stern von Indien"

Tobis Film

Was geschah im Palast des letzten Vize-Königs von Britisch-Indien?

„Downton Abbey“ und Hollywood treffen im Palast des letzten Vizekönigs von Britisch-Indien aufeinander: „Der Stern von Indien“ ist ein Geschichtsdrama mit Gillian Anderson und politischer Brisanz.

Von Maria Motter

Die Queen hat ihn schon gesehen, jetzt hat das österreichische Kinopublikum auch Gelegenheit dazu: Am Freitag läuft „Der Stern von Indien“ an. Es ist der erste Film einer „British-Indian person“ zum britischen Weltreich, dem British Empire. Regisseurin Gurinder Chadha erzählt eine Geschichte, die unter den Teppich gekehrt werde, wie sie sagt. Aber die Geschichte wirkt nach und betrifft die Regisseurin und Millionen andere zuvor noch weit mehr.

„Der Stern von Indien“ erzählt breitenwirksam die historischen Ereignisse der Teilung des Landes von Chadhas Eltern: Nach 190 Jahren britischer Herrschaft wird Indien geteilt – in die Staaten Indien und Pakistan. Am 15. August begeht Indien den 70. Jahrestag der Unabhängigkeit.

Still aus "Der Stern von Indien"

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Es ist erstaunlich, wie wenig bekannt und wie zugleich bedeutend dieser sehr relevante Aspekt der Weltgeschichte ist. Für vierzehn Millionen Menschen bedeutete die Teilung des indischen Subkontinents Vertreibung, Umsiedlung und Flucht. Gurinder Chadhas Film wirft auch ein neues Licht auf Winston Churchill.

Der Auftrag des Dickie Mountbatten

1947 erhält Louis „Dickie“ Mountbatten den Auftrag, Britisch-Indien in die Unabhängigkeit zu entlassen. Genau 70 Jahre, nachdem Queen Victoria zur Kaiserin von Indien proklamiert worden war, fiel ihrem Urenkel Viscount Mountbatten der Auftrag zu, als 20. und letzter Vize-König nach Indien zu gehen, um dort Englands Herrschaft abzuschließen und dem Land die Selbständigkeit zu geben.

Der Mann, man ahnt es, ist eine historische Figur, mit dessen Biografie man auf Abenteuerreisen gehen kann und dem, gespielt von „Downton Abbey“-Star Hugh Bonneville, sogleich alle Sympathie gilt. Als Burma und dessen Befreiung von der japanischen Besetzung gerade hinter ihm liegen, zieht Lord Mountbatten mit Frau und einer Tochter in den Palast in Neu-Delhi. Unter den Hundertschaften an Dienstboten erblickt dort der junge Jeet die schöne Aalia (Hindi-Film-Star Huma Qureshi). Jeet ist Hindu, Aalia Muslimin und ihrer Liebe stehen nicht nur die gesellschaftlichen Konventionen im Weg, sondern bald der Mountbatten-Plan, der länger feststeht, als Mountbatten es ahnt. 13 Minuten braucht sein neuer Dienstbote beim ersten Versuch, um Dickie Mountbatten als Vizekönig und Generalgouverneur anzukleiden, inklusive sämtlicher Abzeichen. Die Dialoge sitzen indes wie die Tea Dresses, die Gillian Anderson als Lady Mountbatten trägt.

Still aus "Der Stern von Indien"

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Zwischen nicht wirklich mitreißendem Herzschmerz eingequetscht ist ein Politthriller der Herrschenden in wenigen, doch wichtigen Szenen: Gandhi schweigt bei der Teestunde, und ein mächtiger, nur physisch abwesender Winston Churchill und eine Landkarte mit eingezeichneten Grenzen geben den Verlauf vor. Was ging in diesen historischen Tagen vor sich und in wessen Interessen?

Not amused über die Darstellung des ersten Premierministers von Indien, Jawaharlal Nehru, ist die pakistanische Autorin Fatima Bhutto. Im Guardian kritisiert sie den Film, Regisseurin und Drehbuchautorin Gurinder Chadha antwortet ebendort.

Intensive Recherche

Winston Churchills Ansehen wird gut verwaltet. Historiker, die seinem Leben ihre Forschungsarbeit widmen, prangern die in „Der Stern von Indien“ präsentierte Version der Geschichte an. Sie würde Verschwörungstheorien folgen.

Gurinder Chadha sagt im FM4-Interview, sie sei auf Belege gestoßen, dass Churchill sich im Geheimen mit dem Präsidenten der Moslembewegung, Mohammad Ali Dschinnah, getroffen hatte. „Churchill hatte eine Sympathie für die Muslime, weil viele als Soldaten im Zweiten Weltkrieg so sehr mitgekämpft hatten.“

Es sei ein sehr persönlicher Film, sagt Gurinder Chadha. Ihre Familie hat die Teilung Britisch-Indiens 1947 erlebt. Vor neun Jahren hat sie sich im Auftrag der BBC auf die Suche nach dem Haus ihres Großvaters gemacht. Gefunden hat sie es im heutigen Pakistan. Im Haus leben heute fünf Familien, die ihrerseits aus Indien geflüchtet sind.

Still aus "Der Stern von Indien"

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„Die Menschen in Indien sprechen kaum darüber, die Menschen in Pakistan sprechen nicht darüber. Aber als ich nach Pakistan gereist bin, um das Land meiner Vorfahren zu erkunden, war ich ziemlich schockiert. Die Leute waren so herzlich und als ich das Haus gefunden hatte, war ich noch trauriger. Meine Großmutter hat dort viel durchgemacht, viele Menschen wurden in der Gegend ermordet. Meine Großmutter ist mit ihren Kindern auf einem LKW geflohen“, sagt Gurinder Chadha.

„Ich bin im Schatten all dieser schrecklichen Ereignisse aufgewachsen. Zum einen, weil ich in London groß geworden bin und so etwas wie ein Heimatland nie hatte. Mein Heimatland liegt nun in Pakistan und das ist ein anderes Land. Und zum anderen ist meine Großmutter zu uns gezogen, als ich ein kleines Mädchen war. Sie hat es nicht ausgehalten, wenn im Fernsehen Gewalt vorkam. Sie war traumatisiert, aber niemand sprach das aus oder an“, sagt die Regisseurin.

Gandhi mit Lord und Lady Mountbatten

Gemeinfrei

Gandhi mit Lord und Lady Mountbatten im Jahr 1947

Ihr wäre vermittelt worden, dass sich Hindus, Muslime und Sikhs bekämpften und eine Teilung deshalb sein musste. „Dabei ist die Teilung orchestriert worden, um Unruhe auszulösen, die wiederum die Teilung rechtfertigen sollte.“ Darin liege die große Tragik.

„Ich bekomme es mit der Angst zu tun, wenn jemand Religion politisch nutzt. Auch, wenn es um meinen Glauben geht. Ich bin eine Sikh. Religion ist die höchstpersönliche eigene Spiritualität. Und Spiritualität macht uns Menschen aus. Du glaubst an das, ich an das, aber wir alle sind in der Lage, an einen besseren Ort zu glauben und gütiger zueinander zu sein. Das lehren alle Religionen. Wenn Politiker Religion aufgreifen, werden diese Vorstellungen verdreht. Das Problem sind nicht die Religionen. Würde man sie leben, würde man die andere Wange hinhalten, seinen Nachbarn lieben und Bedürftigen helfen. Religion wird für die Politik zum Werkzeug, eigene Ziele zu erreichen. Das ist gefährlich.“

Gillian - such grace! - Anderson hat sofort zugesagt

Im Geschichteunterricht an ihrer nordamerikanischen High School hat Gillian Anderson nichts von einer Teilung Indiens gehört. „Ich kann nicht sagen, ob ich wusste, wie viele EinwohnerInnen Indien hat oder allein die Tatsache gehört hätte, dass die Briten 300 Jahre über sie herrschten.“

Dass sie die Rolle der Edwina Mountbatten in „Viceroy’s House“ annehmen würde, stand für sie fest, noch bevor sie das Drehbuch gelesen hatte. Gillian Anderson schätzt Gurinder Chadha, die mit „Kick it like Beckham“ 2002 einen riesigen Kassenschlager in die Kinos brachte.

Still aus "Der Stern von Indien"

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Gillian Anderson hat im Vereinigten Königreich gelebt, in der Ehe mit einem Kenianer hat sie viel Zeit am afrikanischen Kontinent verbracht. Auch Sri Lanka kenne sie gut, nach Indien sei sie mehrfach gereist, aber das Land kenne sie nur aus dem Weihnachtsurlaub mit ihren Kindern. „Ich kenne das touristische Indien – und das dank dem Kolonialismus –, aber ich habe kein Gefühl dafür, wie das richtige Leben in Indien ist.“

Gillian Anderson kommt kein dummes Wort über die Lippen. Die Frau, die als FBI-Agentin Dana Scully mit „Akte X“ 2018 in die 11. Staffel gehen wird, hat kein Problem damit, beim Pressegespräch zu „Der Stern von Indien“ Fragen zu ihrer berühmtesten Rolle zu beantworten. Wenn sie es sich aussuchen könnte, würde sie allerdings eher über Kinderhandel sprechen. Vor drei Jahren hat Anderson im Film „Sold“ mitgespielt, der Kinderhandel thematisiert. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF, schätzt, dass allein in Asien jährlich eine Million Mädchen und Buben für das Geschäft mit Sex ausgebeutet werden. Schnell bringt Anderson noch den Link zur Kampagne unter, die „Sold“ begleitet, und kommt auf die ursprüngliche Frage zurück. Wie enerviert David Duchovny und sie früher zeitweise gewesen seien, daraus habe nun wirklich niemand ein Geheimnis gemacht. Aber Teil einer Serie zu sein, die derart bedeutend und herausragend für die Zeit war, sei ein Segen. „Und wenn man schon für so lange Zeit an eine Rolle gebunden ist: Wie großartig, Scully Mulder zu spielen!“

Still aus "Der Stern von Indien"

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Für die Rolle der umsichtigen Lady Mountbatten, die Inderinnen kennenlernen wollte und den Speiseplan umstellt, musste Gillian Anderson ihre Mundbewegungen auf einen posh British Akzenten ausrichten. Gar nicht so einfach! Und klar wäre es sehr heiß gewesen bei den Dreharbeiten, aber mit einem Schritt in klimatisierten Räumen zu sein, sei eindeutig Luxus gewesen. Des „Viceroy’s House“ war der Umaid-Bhawan-Palast des Maharaja of Jodhpur, ein Teil des Anwesens ist ein Hotel. Auf Tripadvisor finden sich neun Personen, die den Aufenthalt dort unter „terrible“ verbuchen.

When delirium sets in. #bts #ViceroysHouse

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Für Gillian Anderson war der Dreh ein Vergnügen: Endlich wieder Kino! Wie sieht sie die Tatsache, dass mehr und mehr Hollywood-SchauspielerInnen gern eine Rolle in einer Serie hätten? „Wir sind mitten im Ende des goldenen Zeitalters des Fernsehens. Und die Anzahl der Leute, Netzwerke und Streaming-Dienste, die verzweifelt nach dem nächsten großen Serienhit suchen, ist groß. Ich liebe das Kino, aber ich kann nachvollziehen, warum Serien so gut ankommen. Es ist so viel gemütlicher, auf der eigenen Couch zu sitzen und nicht raus zu müssen, in ein Kino, in dem andere laut ihr Popcorn kauen. Und all die anderen Gründe, die genannt werden, warum jemand nicht ins Kino will. Binge-watching ist zwar nicht meins. Aber es könnte ein Teil meines Lebens werden, wenn ich in der Zukunft nicht mehr fürs Kino, sondern nur noch für Serien arbeiten kann, weil das die Richtung ist, in die es läuft.“

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