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Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr

Walter Moers hat einen neuen Zamonien Roman geschrieben, in dem wir in das Gehirn einer Prinzessin reisen, die an einer seltenen Krankheit leidet.

von Conny Lee

Buchcover

Knaus Verlag

„Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ von Walter Moers ist erschienen bei Knaus

Sechs Jahre ist es her, dass Walter Moers uns zuletzt mit nach Zamonien genommen hat - eine Welt die er in seinen Romanen wie „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ oder „Die Stadt der träumenden Bücher“ mittlerweile ausgiebig kartografiert hat. In diesen Romanen sind einige Regionen, Völker und Geschichten sehr genau geschildert worden und immer wieder aufgetaucht, sodass man irgendwann das Gefühl hatte, in ein vertrautes Land zurückzukehren, wenn man wieder über Zamonien las. Sein neues Buch fällt allerdings aus der Reihe.

Der Anstoß für das Buch - CFS

CFS steht für Chronic Fatigue Syndrom oder auf deutsch auch das Erschöpfungssyndrom genannt. Es handelt sich dabei um eine Krankheit, für die bis heute kein Heilmittel gefunden wurde und an der weltweit zirka 17 Millionen Menschen leiden. Die Betroffenen fühlen sich permanent erschöpft, was so weit gehen kann, dass sie das Haus kaum noch verlassen können und einfache Aufgaben des Alltags zur schweren Strapaz werden. Außerdem geht die Krankheit einher mit Störungen des Immunsystems, Schwindel, eine Überempfindlichkeit auf Sinnesreize, Schlafstörungen und oftmals auch Depressionen.

Mehr über das Chronische Erschöpfungssyndrom CFS gibt es unter cfs-hilfe.at

Lydia Rode ist selbst seit Jahren vom Chronischen Erschöpfungssyndrom betroffen und liest gerne Walter Moers’ Zamonien-Bücher, um sich von ihrer Krankheit und ihrer Schlaflosigkeit abzulenken. Das hat sie dem Autor in einem Brief geschrieben und sich bei ihm bedankt. Daraufhin hatte Moers die Idee zu einer Geschichte, aus der schlussendlich ein ganzes Buch wurde, über eine Prinzessin die an einer seltenen Krankheit leidet.

Prinzessin Insomnia

Die Prinzessin kann oft tage- und sogar wochenlang nicht schlafen und wandelt daher viel alleine durchs Schloss. Ihre königlichen Eltern haben alles versucht und sämtliche Heiler engagiert, um ihrer Tochter zu helfen, doch vergebens. Die Prinzessin namens Dylia - entsprechend Moers’ Vorliebe für Anagramme echter Namen - kämpft gegen die Krankheit mit all ihren Symptomen und versucht dabei das Beste aus ihrer Situation zu machen, indem sie ihren Verstand trainiert.

Es galt, diesem Zustand so viel Gutes und Lehrreiches wie möglich abzugewinnen. Denn Dylia lernte gern, und wer meistens wach ist, der benutzt seinen Verstand entschieden häufiger als Leute, die ihr Leben mit Schlaf verplempern. Da wandelte sie doch lieber, wie gerade jetzt, ziellos durch die Korridore des Schlosses nud dachte dabei über ihr eigenes Denken nach.

Zwielichtzwerge

Knaus Verlag

Eines Nacht taucht allerdings ein Gnom in ihrem Schlafzimmer auf, dessen Hautschuppen in allen möglichen und ständig wechelnden Farben schimmerte und erklärt ihr, er sei ein Nachtmahr und er würde von nun an für immer bei ihr bleiben, um sie in den Wahnsinn zu treiben. Gemeinsam machen sie sich sodann auf eine Reise durch das Gehirn der Prinzessin zur Amygdala, wo der Wahnsinn zu Hause sei. Auf dem Weg dorthin durchqueren sie noch andere Teile des Gehirns wie den Thalamus - dem Verwaltungsapparat des Gehirns, wo lauter kleine Beamtenwürmer herumkreichen - oder den Sulcus Centralis - die Zentralfurche des Gehirns.

„Unter dem Nebel? Da ist etwas?"
"Etwas? Ha! Ha!“ Der Gnom lachte freudlos und abgehackt. „Ha! Unter dem Nebel lungert und lauert schlicht
alles! Alles, was in deinem Gehirn unberechenbar ist. Das ist der Bodensatz. Das Ungewisse. Das Unterbewusstsein! Abgestürzte und verwahrloste Ideen, triebhafte WÜnsche, Mordgelüste! Unterdrückter Hass! Rachegedanken. Neid, Schuldgefühle, Abgunst...“

In Walter Moers’ früheren Romanen ist man durch Zamonien gereist. Dieses neue Buch spielt zwar theoretisch dort, allerdings lesen wir kaum etwas über Zamonien, weil wir hauptsächlich das Gehirn der Prinzessin bereisen. Auch die Illustrationen sind erstmals nicht von Walter Moers selbst, sondern von Lydia Rode, der jungen Frau die den Anstoß für das Buch geliefert hat. Wie Moers die Symptome von CFS in der Geschichte schildert und wie er Prinzessin Insomnia damit umgehen lässt, ist bemerkenswert und schafft ein bisschen Bewusstsein bei allen, die bisher nichts über diese Krankheit wussten. Allerdings sind der Tonfall und die Dialoge viel kindlicher, als man das von Moers’ Büchern sonst gewöhnt ist. Oft wird etwas so lange zu Ende erklärt, bis es ganz bestimmt auch der Letzte verstanden hat, und manchmal noch etwas länger. Und einige Stellen weisen eine Redundanz auf, die beim Lesen durchaus zermürbend wirken kann. Zum Beispiel baut die Prinzessin unangenehme Krankheitssymptome gerne zu Anagrammen um, die weniger angsteinflößend klingen:

Bei ihr hießen Kopfschmerzen Schmopfkerzen und eine Magenverstimmung hieß Stagenvermimmung. Ihre Krankheit nannte sie eine Kreithank und Bluthochdruck Druthochbluck. Man sollte es nicht glauben, aber es kommt einem schon halb so schlimm vor, wenn man statt Depressionen nur noch Pissdrenonen hat.

An diesem Punkt hat man wohl verstanden, trotzdem führt der Autor noch eine ganze Seite im Buch weiter Beispiele für derartige Anagramme auf. Walter Moers sprüht nur so von Ideen und spielt gerne mit Sprache - das kennt man aus seinen früheren Büchern und das schätzen seine Fans. Trotzdem hätte diesmal die eine oder andere Kürzung dem Buch gut getan.

Zergesser

Knaus Verlag

„Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ ist kein Zamonien-Roman wie die anderen. Das bedeutet, dass auch Neueinsteiger ihn lesen können, ohne die früheren Bücher zu kennen. Es bedeutet aber auch, dass manche Fans unter Umständen enttäuscht werden könnten, da sie diesmal weder Wolpertinger noch Lindwürmer treffen, weder nach Nebelheim noch zum Hutzengebirge kommen werden. Dafür hat sich Moers viele schöne Versinnbildlichungen ausgedacht, was in einem Gehirn so vor geht - wie Ideen geboren werden oder Erinnerungen archiviert werden. Als hätte Walter Moers seine eigene Version von „Es war einmal der Mensch“ geschrieben.

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