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Gordi

Jagjaguwar

Farmer´s Daughter

Die Australierin Gordi wuchs auf einer Farm auf, studiert Medizin - und ist ein weiblicher Bon Iver. Musikerin, Bäuerin, Ärztin. Sophie ‚Gordi‘ Payten nennt ihr Folktronica-Debutalbum „Reservoir“.

Von Eva Umbauer

Fans von alternativer Popmusik, die stets auf der Suche nach neuen Namen sind, sind vielleicht schon letztes Jahr auf die Australierin Gordi gestoßen. Sophie Payten, wie Gordi eigentlich heißt, veröffentlichte da erste Songs, unter dem Titel „Clever Disguise“, und zwar beim US-Plattenlabel Jagjaguwar, wo MusikerInnen wie etwa Angel Olsen oder auch Bon Iver zuhause sind. Das Debutalbum mit dem Titel „Reservoir“ erschien nun ebenfalls via dieses US-Label, das sich viel spannender Musik widmet.

Zum Teil ist „Reservoir“ im Studio von Bon Iver in Eau Claire im US-Bundesstaat Wisconsin entstanden, zum Teil aber auch in Island, und natürlich auch zuhause in Australien. Gordi - ihr Bruder gab ihr diesen Namen als sie Kinder waren, erst nannte er sie Gordon, dann Gordi - erinnert sich, dass es in Wisconsin extrem kalt war als sie dort gerade im Bon Iver Studio war; Temperaturen, die die Australierin nicht gewohnt ist, wie sie im FM4 Interview lacht. Aber insgesamt war das natürlich ein Erlebnis, und Bon Iver Drummer Sean Carey singt beim Gordi-Song „I´m Done“ mit. Überhaupt kommt Gordi bisweilen wie ein weiblicher Bon Iver rüber, etwa beim Song „Heaven I Know“, samt diesen Bläsern und der Autotune-Stimme.

Gordi ist aber auch gewissermaßen Traditionalistin, die an die ureigene Kraft des Songs glaubt, wie sie im FM4-Interview meint:

„I´m a firm believer in that a good song is always eough no matter how it is played. But important to me in all aspects of music is pushing the boundaries with the sound. So that´s probably more at the core of what I´ve been trying to do rather than just putting some electronic feelig on it just for the sake of making it sound modern. You know, there´s so much music out there these days so that you´ve got to really challenge yourself and challenge the listener in putting sounds together that maybe haven´t always made sense, but you can shine a light on them in a new way.“

Ein Song ist ein guter Song, wenn er auf der akustischen Gitarre am Lagerfeuer funktioniert, oder wenn du ihn einfach am Klavier spielen kannst, findet Gordi, die auch vor dem großen Pop Feeling eines Songs keine Angst hat. Sie nimmt noch immer gerne am Klavier Platz, das auf der elterlichen Farm in New South Wales zu finden ist. Gordis Mutter hatte es einst aus Sydney mitgebracht, als sie auf die Farm heiratete. Es war ein Hochzeitsgeschenk. Die Gitarre spielt Gordi ebenfalls, seit sie mit 12 eine akustische geschenkt bekam, aber das Klavier ist letztlich ihr Lieblingsinstrument.

Stadt und Land

Gordis Familie besitzt Schafe und erntet Heu und diverse Feldfrüchte. Das Heu wird an Pferdehalter verkauft, die selbst keine Wiesen besitzen. Die Farm der Familie Payten liegt einige Stunden von Sydney entfernt und ist für Gordi ein magischer Ort, der ihren Werdegang maßgeblich beeinflusst hat. In der Stadt geht man ins Kino oder Kleider kaufen, wie Gordi im FM4-Interview erzählt, am Land, wo sie aufwuchs gab es diese Möglichkeit nicht wirklich, also beschäftigt man sich anderweitig. So wächst man letztlich viel kreativer auf, ist Gordi überzeugt.

Reservoir

Da ihre Mutter aus Sydney kam, fuhr Familie Payten aber schon hin und wieder in die Stadt um Verwandte zu besuchen, und Gordi erinnert sich an die Lichter der Stadt, die ihr als Kind so gefielen. Mit zwölf Jahren kam Sophie ‚Gordi‘ Payten dann in ein Internat in Sydney. Im großen Schlafsaal war es ohnehin schon laut genug, aber dazu kamen noch die Geräusche von der Straße. Eine Riesenumstellung für das Mädchen von der Farm.

Gordi

Jagjaguwar

„Reservoir“ von Gordi ist am 25.8. bei Jagjaguwar erschienen

„It was a real shock to the system. The biggest adjustment for me was sleeping at night with the sound of traffic. I had a disc man and I used to drown out the traffic by listening to music on my disc man.“

Heute ist Gordi selbstverständlich stadterprobt und wechselt mühelos hin und her zwischen dem Urbanen und dem Pastoralen. Das tut Gordi auch in ihren Songs, die Titel tragen wie „All The Light We Cannot See“ oder „Bitter End“. Letzteres ist ein nachdenkliches, leicht zynisches Stück über das Ende einer Liebe, oder dem Ende der Liebe im Allgemeinen, obwohl Gordi eigentlich lieber über Freundschaften sinniert als über die Liebe. „Don´t deny me my bitter end“, singt Gordi mit dieser schönen dunklen Stimme, die ihrer Musik eine ganz eigene Note verleiht, und die Anrufer und Anruferinnen auf der Farm ihrer Familie schon mal für die ihres Vaters halten, wenn Sophie Payten dort hin und wieder das Telefon abhebt.

Aber auch ihre Mutter hat eine recht tiefe Stimme und singt gut, wie Gordi im FM4-Interview erzählt. Zusammen mit ihrer Mutter hörte Gordi als Kind am liebsten Singer/Songwriter Pop von James Taylor, Carole King oder dem ‚Piano Man‘ Billy Joel. Später kam etwa die Musik vom US-Songwriter Sufjan Stevens hinzu.

Der Song „Bitter End“ hat auch ein tolles Video, das fast ein wenig an Videos der US-Metalband Tool erinnert. Wer denkt an ein Ende, das ist doch gerade der richtige Beginn von Gordis Musikerinnenleben. Na ja, man weiß ja nie, ist Gordi realistisch. Also warum nicht irgendwann einmal die Farm übernehmen? Oder eine Arztpraxis eröffnen? Bei letzterem Gedanken kichert Gordi leicht nervös, legt sie doch jetzt in Kürze die letzten Prüfungen im Rahmen ihres sechsjährigen Medizinstudiums ab.

Die Musik, die Farm, das Studium, wie macht dieses sympathische Multitalent Gordi das nur bloß? Gordi wirkt älter und reifer für ihre 24 Jahre. Das sagen jedenfalls viele über sie und zu ihr selbst. Vielleicht ist das ja, weil sie schon als Kind dieses ‚Reservoir‘ angelegt hat, diesen Platz tief in ihrem Inneren, wo alles hineinkommt - Erinnerungen, Träume, Gelungenes und Schiefgegangenes. Wenn Gordi Songs schreibt, öffnet sie einfach dieses ‚Reservoir‘. Deshalb gab Gordi dann auch ihrem Album den Titel „Reservoir“.

„Writing music has always been and will remain my therapy, my process and my way of communicating. I don´t write songs by someone else´s prescription, I write to fill my own need.“

Ihr eigenes Bedürfnis ist auch das anderer Menschen, und auf all diese springt Gordis Musik über wie ein Funken. Wir müssen noch ein wenig warten auf die Ärztin und die Farmerin Gordi, wir brauchen sie jetzt gerade zuallererst als Musikerin.

Gordi produzierte zwei Songs am Album selbst - „Heaven I Know“ und „I´m Done“, während sie die restlichen Stücke zusammen mit dem Australier Ben McCarthy, dem Briten Ali Chant (PJ Harvey, Perfume Genius), sowie den US-Producern Alex Somers (Sigur Ros) und Tim Anderson aufnahm. Letzterer war etwa schon mit den Musikerinnen Banks und Solange im Studio.

Tipp: „Cattle And Cane“ von den Go-Betweens, ein archetypischer Australien-Song.

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