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Döner

CC BY SA 2.0 von Thorsten Krienke flickr.com/krienke

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Der Gerichtsvollzieher

Für Dimo ist das Zurückzahlen seiner Schulden schwerer, als er sich das vorgestellt hat.

Von Todor Ovtcharov

Mein ehemaliger Mitschüler Dimo rief mich neulich an. Er sagte mir, dass er nach Wien komme, für das Konzert einer Gangsta Rap Band, deren Namen ich vergessen habe. Ob er bei mir schlafen dürfe. Ich bin an solche Anrufe gewöhnt. Ich erinnerte mich kaum, wer genau Dimo sei, aber ich sagte zu.

Meine kleine Wohnung steht allen zur Verfügung, die nach einer Bleibe in Österreich suchen. Oft rufen mich irgendwelche Leute aus Bulgarien an, von denen ich seit Jahren nichts gehört habe und fragen nach meinem Gesundheitszustand. Wenn ich höre, dass mich jemand fragt, wie es mir so geht, dann weiß ich, dass er bei mir übernachten mag.

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Titelbild von Thorsten Krienke
unter CC BY SA 2.0 LIzenz

Meine Wohnung ist wie ein Verteilerbahnhof – viele kommen und ziehen irgenwohin weiter. Andere kommen um zu Shoppen. Dritte wollen ein Sportereignis besuchen. Es kommen sogar Leute, die unbedingt in die Oper wollen.

Würde man meine Wohnung beobachten, dann würde man manchmal Leute sehen, die die Nationalflagge auf ihren Gesichtern haben, andere in Abendkleidern und Frack. Das Interessante dabei ist, dass alle glauben, dass das beste Gastgeschenk für mich eine Flasche Rakija sei. Würde ich den ganzen Rakjia, der bei mir zuhause rumliegt austrinken, dann ist mir eine Leberzirrhose sicher. Die anderen Geschenke sind Schokopralinen für meine liebe M. Würde man sie alle essen, dann bekomme man 100% Diabetes. Und so, zwischen Zirrhose und Diabetes, heiße ich meine vielen Gäste willkommen.

So kam auch Dimo. Er erzählte mir, dass er in Bulgarien als Gerichtsvollzieher arbeite. Diese Tätigkeit hat anscheinend seine Persönlichkeit tief geprägt. Er kam in meine Wohnung rein und schaute sich meinen bescheidenen Besitz ganz sorgfältig an. Ich weiß nicht warum, aber ich kam ihm wie ein potentieller Schuldner vor.

Ich hatte was gekocht. Nachdem er gut gegessen hatte, meinte er, dass er mir die Produkte für das Essen wieder kaufen wolle. Ich antwortete, dass das nicht nötig sei, außerdem war es Sonntag und die Supermärkte waren zu. „Gut“, sagte er, “ich muss dann irgendwas zum Essen kaufen. Ich darf dir nichts schulden!“ In seinem Beruf darf er nie jemandem was schulden.

Ich sagte ihm, dass er Kebab von der Dönerbude nebenan kaufen könnte. Er ging hinaus und kam mit leeren Händen zurück. Das wunderte mich, denn die Dönerbude hat Tag und Nacht offen. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass der Dönerman ein Türke oder ein Araber ist?“, fragte mich Dimo. Ich hatte bisher nie darüber nachgedacht. Die Döner sind dort nicht schlecht. „Ich weiß nicht wie du denkst, aber man soll nichts zum Wohlstand der muslimischen Migranten beitragen!“

Ich brauchte ein bisschen Zeit, um zu kapieren, dass ich laut ihm ein Verbrecher sei, da ich Kebab esse. Laut Dimo müssen alle muslimische Migranten enteignet werden. Nur so werden sie Europa verlassen. Als er darüber sprach, hörte sich seine Stimme wie eine Kalatschnikow an. Die armen Schuldner, die Dimo verfolgt.

Am Abend ging er zu seinem Konzert. Als er zurück war, wollte ich ihn fragen, ob er Spaß gehabt hätte. Ich machte die Küchentür hinter seinem Rücken auf und er sah mich nicht. Er aß einen Döner. Ich machte die Tür leise zu. Ich wollte seine Prinzipien nicht stören.

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