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Bild aus Die Liebhaberin

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Nackte Tatsachen

Lukas Valenta Rinners „Die Liebhaberin“ erzählt die Geschichte eines Hausmädchens, das einen Nudistenclub entdeckt und hat bei der Diagonale 2017 den Preis für den besten Spielfilm bekommen. Ab dieser Woche in den Kinos.

Von Christoph Sepin

Der österreichische Filmemacher Lukas Valenta Rinner lässt sich gern von Zufällen leiten. Aus der Bahn werfen, in die richtige Bahn werfen. Über die Filmschule in Barcelona ist er zufällig gestolpert, der Beginn seiner Spielfilmkarriere kommt aber trotzdem irgendwie dort her, mittlerweile lebt er in Argentinien. Sein zweiter Spielfilm, „Die Liebhaberin“, war auf der diesjährigen Diagonale, dem Festival für österreichischen Film, einer der richtig großen Erfolge: Das Projekt gewann dort den Preis für den besten Spielfilm und das beste Sounddesign.

Wie Rinner scheint sich auch Belén, die Protagonistin von „Die Liebhaberin“, von Zufällen leiten zu lassen. Als Hausmädchen beginnt sie in einer reichen Gegend in der Vorstadt von Buenos Aires zu arbeiten und nimmt das Publikum zuerst auf eine Reise in die Monotonie von so einem Job mit, bevor sich dann doch alles relativ schnell ändert.

Bild aus Die Liebhaberin

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Hinter dem Zaun der heilen, reichen Welt befindet sich nämlich, versteckt zwischen den Bäumen, ein Nudistenclub. Fasziniert geht Belén auf Entdeckungsreise, ist zuerst irritiert und verwirrt, entwickelt dann aber schnell einiges an Faszination für die verbotene Welt - und findet vielleicht sogar sowas wie einen neuen Sinn ihres Lebens.

Ganz genau weiß man das aber alles nicht. Lukas Valenta Rinner lässt die Darsteller seines Films spielen, aber wenig erklären. Die Motivationen, Ideen, Bedürfnisse und Interessen sind zu einem großen Teil in mysteriösen Wolken versteckt - was das Publikum dazu zwingt, eigene Vorstellungen und Erwartungen auf die Charaktere zu legen. Und dadurch entsteht einiges an der zusätzlichen Faszination von „Die Liebhaberin“.

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Eines ist trotzdem klar: Rinners Arbeit kann auch in einem politischen Kontext betrachtet werden: „Ich versuche mich mit politischen, sozialen Realitäten in meiner Umgebung auseinanderzusetzen“, so Rinner. „Ich versuche Menschengruppen zu analysieren, die ganz weit weg sind von der Gesellschaft. Film als politisches Medium gibt mir die Möglichkeit das wieder in die breite Öffentlichkeit zu bringen.“

Die zwei Welten, die zwei Gesellschaften, die zwei Klassen in der Vorstadt von Buenos Aires, die Swinger und Nudisten auf der einen Seite, der prüde, konservative Wohlstand auf der anderen, werden im Film thematisiert. Und die Frustration einer Protagonistin, die dann plötzlich Bahnen annimmt, die man als Zuseher überhaupt nicht erwartet. Überspitzt, bizarr, humorvoll und überraschend.

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Unterstützt wird das Ganze noch von einem hervorragenden Zugang vom Thema Sound, der - wie schon erwähnt - auf der Diagonale 2017 auch mit dem Preis für das beste Sounddesign ausgezeichnet wurde. Lange, statische Einstellungen werden durch laute, impulsive Musik unterstützt. Beschleunigung und Entschleunigung, Musik wie eine Metapher für das, was in den Charakteren vor sich geht, während sie sich nach außen so ruhig und reserviert verhalten, wie es von ihnen erwartet wird.

So funktioniert „Die Liebhaberin“ auf mehreren Ebenen: Als Film der unterhält, als Film der aufregt und zum Nachdenken anregt. Wie das im Idealfall eben so sein soll, mit dem Film. Wie die echte Welt, weil die ist ja auch nicht so einfach.

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