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Szenenbilder aus "Twin Peaks: The Return"

Showtime

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Ultra-Kunst

Anstatt Nostalgie-Knöpfe zu drücken, revoltiert David Lynch mit seiner „Twin Peaks“-Fortsetzung auf faszinierende Weise gegen aktuelle Sehgewohnheiten. Eine spoilerfreie Huldigung.

Von Christian Fuchs

So etwas muss einem erst mal gelingen. Da geht ein Künstler kompromisslos seinen Weg, verweigert sich Erwartungshaltungen und Anbiederungen und endet nicht im hermetischen Galeriebetrieb, auf der Nebenbühne eines Minderheiten-Festivals oder in der Nischen-Reihe eines Filmmuseums. Sondern im kommerziellen amerikanischen Serien-Geschäft. Und ein großer Pay-TV-Sender wie Showtime bezahlt sogar noch dafür, dass da jemand sämtliche gängigen Sehgewohnheiten der Gegenwart ignoriert oder auch offen attackiert.

Szenenbilder aus "Twin Peaks: The Return"

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Die Rede ist natürlich von Regisseur David Lynch, dem dieses einmalige künstlerische Husarenstück geglückt ist. Als Ende Mai heuer tatsächlich die dritte „Twin Peaks“-Staffel startet, nach 26 Jahren Pause, sorgt das im Internet für gehörigen Aufruhr. Schließlich hat Lynch mit der Originalserie Anfang der 90er das Erzählfernsehen nachhaltig verändert. Der surreale Mix aus Krimiklischees, Mystizismus und überzogenen amerikanischen Alltags-Banalitäten prägte eine ganze Generation. Vor allem auch zukünftige Autoren und Regisseure sprechen von einem Erweckungserlebnis.

Gegen die Zeitdiktatur

Bereits nach einigen Folgen der neuen Staffel wird aber klar: David Lynch, der auch bei der Neuauflage mit seinem einstigen Kollaborateur Mark Frost zusammenarbeitet, hat weder Lust auf Nostalgie noch auf die Regeln aktueller Qualitätsserien, deren Geburtshelfer er war. „Twin Peaks: The Return“ verzichtet weitgehend auf die liebeswürdig-schrulligen Facetten des Originals. Nur kurz blitzen darin jene ironischen Soap-Opera-Zitate auf, an die sich viele Zuseher gerne bei Kaffee und Kirschkuchen erinnern.

Season 3 versperrt sich darüber hinaus allen erprobten Inszenierungstechniken, mit denen man derzeit ein Publikum an den Bildschirm oder Laptop-Monitor fesselt. Das beginnt mit dem langsamen Tempo. Ganz bewusst zerdehnt Lynch die kostbaren Minuten, wie es im Seriensektor noch niemand zuvor wagte. In den extremsten Szenen fast bis hin zum Stillstand.

Szenenbilder aus "Twin Peaks: The Return"

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So gründlich fordert der Regisseur stellenweise die Geduld auch eingefleischter Anhänger heraus, dass es einen manchmal fassungslos zurücklässt. David Lynch revoltiert mit dieser Slow-Motion-Dramaturgie offensichtlich nicht nur gegen den gängig hektischen Rhythmus in Fernsehen und Film. Sondern grundsätzlich gegen die Zeitdiktatur der Gegenwart. Er hasse Mobiltelefone und Mails, bekennt der 71-Jährige, unsere Welt der ständigen Unterbrechungen sei ihm fremd.

Irrlichterndes TV-Experiment

Nicht nur auf der formalen Ebene entzieht sich Lynch aber den Gesetzen, nach denen selbst exzentrische Serien wie „The Leftovers“ oder „Fargo“ funktionieren. Inhaltlich ist „Twin Peaks: The Return“ überhaupt von einem anderen Stern. Auf eine Nacherzählung soll hier bewusst gänzlich verzichtet werden. Nur soviel: Handlungsfäden laufen ständig ins Leere, sorgfältig eingeführte Charaktere verschwinden plötzlich aus dem Geschehen.

Die unzähligen Anspielungen auf das Original und das dazugehörige Spielfilm-Prequel „Fire Walk With Me“ sind höchstens für Hardcore-Fans dechiffrierbar. Neueinsteiger haben praktisch keine Chance, den geballten Wahnwitz zu begreifen.

Das klingt bis jetzt alles äußerst anstrengend, nach Kunst, die man sich erkämpfen muss? Ganz im Gegenteil. Wenn man mit dem Lynch-Kosmos halbwegs vertraut ist und bereit, sich auf ein
irrlichterndes TV-Experiment einzulassen, wird man reichhaltig belohnt. Mit umwerfenden Räumen und Dekors, fantastisch komponierten Tableaus und Bandauftritten am Ende jeder Folge, die von Chromatics über Sharon Van Etten und Nine Inch Nails nicht atmosphärischer und aufregender sein könnten. Und mit verstörenden Schocks, die auf besonders einlullende Szenen folgen und die das Horrorkino in dieser Intensität kaum mehr zusammenbringt.

Albträume und raue Wirklichkeit

Das Grundthema ist schließlich noch immer die Bedrohung durch das Böse, das durch diverse übernatürliche Portale in den Alltag eindringt und in der Originalserie im Städtchen Twin Peaks ein sinistres Zuhause gefunden hat. Diesmal geht David Lynch weit über den ursprünglichen Schauplatz hinaus, zeigt ein ganzes Land am Rande des Abgrunds. Amerika befindet sich in einem Auflösungszustand, die Armut ist weit in die Mittelklasse eingedrungen. Emotionale Verwahrlosung und sozialpolitische Kälte regieren, omnipräsente Waffennarren und Rednecks wirken ebenso bedrohlich wie die metaphysischen Kräfte der Dunkelheit, die Lynch beschwört.

Es ist wichtig, auf diese ganz realen Aspekte von „Twin Peaks: The Return“ hinzuweisen, denn die neue Staffel ist so viel mehr als durchgeknallte L’art pour l’art für Freaks und Geeks. Schon immer spiegelte sich bei David Lynch in seinen (Alb-)Traum-Szenarien die raue Wirklichkeit. Man könnte die ganze Serie, alte wie neue Episoden, sogar als grundlegende Kritik an einem Männertypus begreifen, bei dem Machtgier und despotische Sexualität auf giftige Weise kollidieren, bis es ein Highschool-Girl namens Laura Palmer das Leben kostet.

Aber es geht noch weiter. In Folge Nr. 8, dem vielleicht radikalsten Stück Serien-TV der Geschichte, einem einzigen Strudel an verstörenden Schwarz-Weiß-Bildern, an avantgardistisches Underground-Kino erinnernd, verknüpft Lynch sein düsteres Privatuniversum mit der US-Politik.

Szenenbilder aus "Twin Peaks: The Return"

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Die Explosion der allerersten Atombombe am 16. Juli 1945, dem Tag des Trinity-Tests in der Wüste von New Mexico, wird zum Sündenfall, der das Portal zur Hölle erst öffnet. So viel warnende Botschaft gab es bei David Lynch noch nie, gleichzeitig wimmelt es in der Episode vor stilistischen Referenzen an das experimentelle Frühwerk des Regisseurs. Sein Debütfilm, der Industrial-Horrortrip „Eraserhead“ flackert auf, der Wahnsinn köchelt, alles finanziert von einem kommerziellen Sender.

Requiem im Serienformat

Überhaupt hagelt es in der ganzen Staffel Eigen-Zitate, von „Blue Velvet" über Lost Highway“ hin zu „Mulholland Drive“, so sehr, dass der Eindruck entsteht, all diese Filme und die neue „Twin Peaks“-Staffel spielen im selben (Parallel-)Universum. Blickt man jetzt, nach der finalen Doppelfolge, auf Season 3 zurück, dann kristallisiert sich dabei aber ein Abschieds-Gestus heraus. David Lynch hat sich auf Kosten von Showtime ein Vermächtnis geschaffen. Gut möglich, dass der Ausnahmeregisseur mit diesem 18-stündigen Spielfilm, wie er es nennt, seinen Fans Ade sagt.

Passend zu diesem Requiem im Serienformat dürfen (fast) alle nochmal vor den Vorhang, die im Schaffen des Regisseurs eine Rolle spielen und spielten. Nicht nur der Großteil der „Twin Peaks“-Besetzung verneigt sich schauspielerisch. Auch (Neben-)Darsteller aus anderen Filmen tauchen auf sowie FreundInnen von David Lynch wie die großartige Sängerin Chrysta Bell, die als FBI-Agentin begeistert (und übrigens am 23.11. in Wien gastieren wird).

Szenenbilder aus "Twin Peaks: The Return"

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Zwingen einen die faltigen Gesichter der einst strahlend schönen jungen SchauspielerInnen ohnehin schon zu einer Reflexion über die Vergänglichkeit, kehrt beim Abspann endgültig Melancholie ein. Dort taucht in fast jeder Folge eine Widmung an einen Verstorbenen auf, vom lakonischen Miguel Ferrer über „Bob“ Frank Silva bis zur Loglady Catherine Coulson, die vom Krebs gezeichnet noch ein letztes Mal für Lynch vor der Kamera stand. Spätestens bei ihrem Tod, der in die Handlung integriert ist, wird der Kaffee kalt und der Kirschkuchen endgültig sauer.

Witz und Entsetzen

Die Abwesenheit der verschiedenen Akteure macht den Regisseur aber auch erfinderisch. Michael Anderson, der einstige „Man From Another Place“ im roten Anzug taucht als sprechender Baum auf, David Bowies Figur Phillip Jeffries mutiert zum überdimensionalen, rauchenden Teekessel. Alles ist möglich in Lynchland und bei aller Abgründigkeit trotzt in diesen Szenen „Twin Peaks“ dem Grauen auch mit Humor.

Hauptverantwortlich für den spleenigen Witz sowie für das blanke Entsetzen gleichzeitig ist Kyle McLachlan, dessen legendärer Agent Cooper in der dritten Staffel in zwei Figuren gespalten ist, als Versinnbildlichung der Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse. Als verhuschter, apathischer Dougie Jones wirkt er stellenweise wie ein Wiedergänger des (auch schon verstorbenen) Blödelkönigs Jerry Lewis, der grimmige diabolische Zwilling Mr. C. dagegen geht mit seinen Auftritten unter die Haut.

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Man wird ihn als Fan jedenfalls vermissen, den wöchentlichen Trancezustand, diese regelmäßige Meditation vor dem Monitor, das herrliche Dahinmäandern in Schönheit und Schrecken, die geniale Musik. „Twin Peaks: The Return“ dürfte, das ahnt man schon bei den katastrophalen Quoten, ein einmaliger Moment im medialen Geschehen gewesen sein, pure Serien-Poesie, Ultra-Kunst als Unterhaltung verkleidet.

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