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Drei Personen am Strand

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Buhrufe bei den Filmfestspielen in Venedig

Nach Darren Aronofsky („mother!“) hat sich gestern ein zweites Wettbewerbsschwergewicht des internationalen Festivalzirkus Buhrufe beim Pressescreening in Venedig abgeholt.

Von Petra Erdmann

Der tunesisch-französische Regisseur Abdellatif Kechiche hatte mit seiner lesbischen Liebesgeschichte „La Vie d´Adèle/Blau ist eine warme Farbe“ vor vier Jahren die Jury in Cannes überzeugt und die Goldene Palme gewonnen. Adellatif Kechiches aktueller Film „Mektoub, My Love: Canto Uno“ ist ein Coming-of-Age-Film. Er setzt aber nicht auf Drama und es gibt nur eine kurze, explizite Sexszene, die umso härter von der Handkamera umkreist wird. Amin, ein angehender Drehbuchautor, kehrt einen Sommer lang in sein südfranzösisches Heimatdorf zurück und beobachtet seine zwei besten Freunde aus der Kindheit heimlich beim Seitensprung.

Coming of Age

Autobiografisch gefärbt zeigt Kechiche im ersten Teil seiner Trilogie drei Filmstunden lang unbeschwerten Hedonismus, endlos laszive Tanzszenen und zärtliche Wasserschlachten im Gegenlicht. Amin steckt mittendrin, kann sich darin aber nicht wie seine Clique verlieren. Hundertfach wackelnden Frauenhintern kann der Protagonist nur durch seine fotografischen Ambitionen versuchen näher zu kommen. „Mektoub, My Love: Canto Uno“ schwächelt aus der nostalgischen Voyeursperspektive eines schüchternen Künstlers. Angesiedelt im Jahr 1994 gerät der Film langatmig, aber euphorisch auf der Suche nach der unbeschwerten jugendlichen Freiheit in einem selbstverständlich multikulturellen Frankreich.

Schulmädchen und Brautpaar

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„Jia Nian Hua/Angels Wear White“

Von mehr als nur der nackten Haut ihrer weiblichen Protagonistinnen hat die chinesische Regisseurin Vivian Qu und einzige Frau im Wettbewerb zu erzählen. In ihrem zügigen, feministischen Thriller „Jia Nian Hua/Angels Wear White“ werden in einem abgelegenen Motel zwei Schulmädchen vergewaltigt. Die jugendliche Rezeptionistin und Zeugin hat Angst ihren Job zu verlieren. Die mit dem Fall befasste Anwältin ebenso, als sich herausstellt, dass ein in der Kleinstadt einflussreicher Mann hinter dem Verbrechen stecken könnte. Am Ende stehen die Demontage einer überlebensgroßen Marilyn-Monroe-Statue in einem Vergnügungspark und eine in neu gewonnener Freiheit erstarkte Frauen-Generation von heute.

Coming of Working Class

Um plus/minus seine Generation zu repräsentieren, ist Michael Caine am Lido angereist. Die britische Schauspielikone fungiert in der Dokumentation „My Generation“ meist aus dem Off und in Filmausschnitten seiner Karriere („Alfie") als Erzähler. Caine plaudert mit Paul McCartney, Roger Daltrey, Marianne Faithfull und vielen anderen Berühmtheiten seiner Generation. Leider sind ihre Falten auch im Off. Alle haben sie wie Michael Caine einen working class background, der Anfang der Sixties kein Nachteil mehr war, im traditionell nach Klassen trennenden Großbritannien zum Star aufzusteigen.

Michael Caine auf der Pressekonferenz

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Regisseur David Batty verwebt die gemeinsamen Anekdoten aus dem Swinging London der 60er Jahre zu einem breiten, bunten Archivmaterialteppich. Die bekannten Trampelpfade des Klischees vom revolutionären Swinging London der 60er Jahre verlässt er dabei selten. Twiggy hier. Mary Quant da und LSD dort. Auf Drogen (Marihuana und fünf Stunden Kotzen) war Michael Caine nur einmal, beteuert er. Auf der Pressekonferenz zu „My Generation“ hat sich der 85-Jährige dann noch in seinen Pro-Brexit-Rausch hineingeredet.

Coming from the Eigthies

Kein Highlight verspricht in Venedig auch das Biopicture „Loving Pablo“ über den kolumbianischen Drogenboss Pablo Escobar zu sein – auch nicht für Hardcore-Junkies der TV-Serie „Narcos“. Javier Bardem im schlechten Fatsuit und Penolope Cruz im „Thierry Mugler“-Outfit lassen beten, dass die ausgelutschte High-Society-Gangsta-Style-Oberfläche der 80er Jahre schnell vorüberzieht.

Javier Bardem in "Loving Pablo"

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1989, mit Milos Formans Historiendrama „Valmont“ hat die Kinokarriere der US-Schauspielerin Annette Bening erst so richtig begonnen. Am Samstag wird sie als Präsidentin der Internationalen Jury in Venedig den Goldenen Löwen für den besten Film überreichen, im Hosenanzug, tippe ich. Ich hoffe auf Guillermo del Toro neben ihr, der mit seinem fantastischen Kalten-Krieg-Märchen „The Shape of Water“ bis knapp vor Ende des Festivals weiterhin den überzeugendsten Wettbewerbsbeitrag abliefert hat. Darauf wetten auch die internationalen Kritikercharts.

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