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Eine Perspektive von außen

Robert Prosser führt in seinem neuen Roman „Phantome“ ins Bosnien von 1992 und dazwischen immer wieder in die Graffiti-Szene.

von Ali Cem Deniz

Ein namenloser Tagger versteckt sich im Klo der Wiener U-Bahn-Station Längenfeldgasse vor den PolizistInnen. Nervenkitzel, Adrenalin, ein rasanter Einstieg. Auf den nächsten Seiten lernen wir die Freundin des Sprayers kennen, Sara. Sie ist Bosniakin, wie sie betont, das heißt bosnische Muslimin.

Identität ist Sara wichtig. Als sie 2004 das erste Mal in Bosnien war, war ihr das alles egal. Doch mit der Zeit hat sich da etwas getan. Sara interessiert sich immer mehr für die Geschichte und Gegenwart von Bosnien. Sie nimmt den Sprayer mit zu den Anti-Korruptions-Protesten von 2014 in Tuzla. Ihre Clique sind junge Menschen, wie sie auch in Wien sein könnten. Sie essen Cevapi, trinken Kaffee und tanzen manchmal zu Turbofolk, aber das war es dann auch mit den Unterschieden. Der Sprayer, der als Außenseiter in diese Welt eintaucht, ist fasziniert und irritiert von der Nähe dieser Kultur. Wie konnte hier ein Krieg stattfinden?

Unnötige Ausflüge

Die eigentlichen ProtagonistInnen des Romans sind Saras Mutter Adisa und ihr serbischer Geliebter Jovan, den sie in den Kriegswirren verloren hat. Bis aber ihre Geschichte erzählt wird, gibt es immer wieder Ausflüge in die Graffiti-Szene.

„Ob es eine gute Idee war die Hools zu crossen? Am Bahngelände hab ich mir keine Gedanken drüber gemacht. Wenn die nur ein bisschen was auf sich halten, nehmen sie die Herausforderung an und werden jedes Piece von mir zerstören. Es ist schwer, gegen eine ganze Crew anzutreten.“

Cover Phantome von Robert Prosser

Ullstein Verlag

Robert Prosser, „Phantome“, Ullstein Verlag, 2017

Abgesehen davon, dass man sich ständig fragt, wann es wieder nach Bosnien zurückgeht, lesen sich die Graffiti-Parts wie ein Zeitungsbericht aus den 80er Jahren über den neuen coolen Jugendtrend. Robert Prosser stammt selbst aus der Graffiti-Szene und seine Leidenschaft für Sprühfarben fließt in den Text ein. Er stellt Analogien zwischen der von Rivalitäten und Konflikten geprägten Tagger-Szene und dem ehemaligen Jugoslawien her. Bei den gewaltsamen Protesten in Tuzla bekommt der Sprayer nicht nur Angst, sondern fragt sich auch, wie authentisch seine „Fuck the System“- Attitüde ist. Nach einer gewissen Zeit leuchten diese Verbindungen zwischen Graffiti und Bosnien ein, aber meistens klingen sie holprig und stören den Lesefluss.

Wer sind die Phantome?

Erst nach 89 Seiten kommt Robert Prosser ins Jahr 1992 und damit zu Anisa und Jovan. Sie auf der Flucht nach Wien, er auf den Schlachtfeldern von Jugoslawien. Dieser große Hauptteil geht in die Tiefe und liest sich mehr wie eine Reportage als ein Roman. Das hat was mit der Entstehungsgeschichte des Buches zu tun, wie Robert Prosser im Nachwort offenbart. Er hat für den Roman ausführlich recherchiert und zahlreiche Interviews geführt. Fiktion und Realität vermischen sich hier. Der Stil ist zwar zugänglich und meistens gut zu lesen, rutscht aber stellenweise auf das Niveau einer hektischen Facebook-Unterhaltung ab.

In den guten Momenten gelingt es Robert Prosser den LeserInnen die „Phantome“ des Jugoslawien-Kriegs näherzubringen. Die Phantome sind jene Menschen wie Sara, ihre Mutter Adisa oder Jovan, die den Krieg direkt oder indirekt erlebt haben, die sich in Österreich und anderen Aufnahmeländern ein neues Leben aufgebaut und ihre Vergangenheit verdrängt haben. Dabei erzählt er die Geschichte seiner Charaktere, ohne sie zu Opfern zu machen. Wer sich vom Stil und von den Umwegen durch die Graffiti-Szene nicht irritieren lässt, bekommt hier eine interessante und seltene Perspektive von außen auf den Jugoslawien-Krieg und seine Folgen.

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