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Applaudierendes Publikum

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MARC CARNAL

Kleine Applaus-Fibel

Abnehm-, Lebenswerk- oder Eckball-Applaus - das Klatschen hat viele Gesichter. Diese kleine Fibel hilft Publikums-Angehörigen wie Applaus-Empfängern bei der Bestimmung der gängigsten Appläuse.

von Marc Carnal

Applaus ist das Brot des Künstlers. Man könnte aber auch sagen, dass die Hofer-Semmeln „vom Vortag“ das wahre Brot des Künstlers sind, zumindest wenn er für seine Werke und Darbietungen hauptsächlich mit Beifall und nicht mit angemessenen Honoraren entlohnt wird.

Applaus ist das Brot des Carnal! Besonders freut er sich darüber nach Lesungen aus seinem prä-apokalytischen Heimat-Thriller „King Kong in Wien“, deren Termine unter carnal.at zu erfahren sind.

Man kann sich von Beifall nicht ernähren, Applaus ist also nicht gleich Brot. Und Applaus ist auch nicht gleich Applaus. Vielmehr gilt es, bei der Akklamation nach Anlass, Publikum, Genre, Intensität und Motivation zu unterscheiden.

Ausgehend von diesen Faktoren lassen sich grob sechzehn verschiedene Appläuse bestimmen, die ich an dieser Stelle in kompakter Form erläutern und so zur allgemeinen Applaus-Sensibilisierung beitragen möchte:

Alters-Applaus

Der Alters-Applaus wird alten Menschen zuteil, die auf einer Bühne oder in einem Fernsehstudio ihr hohes Lebensalter nennen. Das Publikum beklatscht also eine ausführliche Existenz.
Noch frenetischer wird die Zähheit eines Menschen vom Publikum gewürdigt, wenn das Aussehen des Beklatschten halbwegs seinem Alter entspricht oder er sogar ein bisschen jünger aussieht.

Ehe-Applaus

Der Ehe-Applaus ist mit dem Alters-Applaus verwandt. Gibt jemand über ein hohes Hochzeitsjubiläum Auskunft, poscht das Auditorium reflexhaft in die Hände, als wäre es per se eine besondere Leistung, sich jahrzehntelang zu keiner Scheidung durchringen zu können.

Eckball-Applaus

In Fußballstadien wird ausgelassen geklatscht, wenn das unterstützte Team einen Eckball „herausholt“. Die Intensität des Jubels ist der Erfolgsaussicht der Standardsituation allerdings überhaupt nicht angemessen. Statistisch gesehen resultieren viel zu wenige Tore aus Eckbällen, um sich voreilig darüber zu freuen. Der Eckball-Applaus ist also übertrieben, passender wären genervtes Raunen und vereinzelte Pfiffe, wenn der Spieler zur Fahne schreitet.

Abnehm-Applaus

Erwähnt jemand vor Publikum, wie viel Körpergewicht er in einem bestimmten Zeitraum absichtlich eingebüßt hat, kann er sich bewundernden Applauses gewiss sein. Ein Wissenschaftler, der in einer Talkshow verkündet, jüngst eines der sieben Millenium-Probleme gelöst zu haben, würde vermutlich keinen derartigen Begeisterungssturm ernten wie eine dicke Frau, die vor dem selben Publikum erzählt, sie sei einst noch dicker gewesen.

Wahlkampf-Zwischenapplaus

Halten Politiker Wahlkampfreden, machen sie nach Witzen, pointierten Forderungen oder Angriffen auf ihre Gegner stets Pausen, damit ihre Anhänger wissen, wann Applaus gefordert ist. Keine öffentlich auftretende Berufsgruppe schnorrt derartig schamlos Beifall wie Politiker.
Deshalb wirken solche Reden oft derartig unbeholfen. Natürlich wirkt Zwischenapplaus nur, wenn er den Redner unerwartet unterbricht. Die deutlichen Applaus-Pausen von Politikern lösen bei ihren Zuhörern jedoch Unbehagen aus, weshalb der Wahlkampf-Zwischenapplaus meist so hölzern klingt.

Straßenmusik-Applaus

Spielt ein Straßenmusiker Dudelsack in einer Fußgängerzone, bleiben für gewöhnlich wenige Passanten stehen, weil der Dudelsack ein ziemlich entsetzliches Instrument ist.
Zwischendurch hat aber doch wer Mitleid, hört sich ein Lied an und beklatscht den Dudelsackspieler dann ganz alleine. Dieser Applaus ist für den Musiker mit seinen eingefrorenen Fingern und wenigen Centstücken im Hut noch viel demütigender, als würde gar niemand stehenbleiben.

Lebenswerk-Applaus

Viele Film- und Musikpreise widmen Künstlern, deren Tod näherrückt oder die in Vergessenheit zu geraten drohen, eine Preis für ihr Lebenswerk.
Neben dem Preis gibt es auch einen Applaus für das Lebenswerk. Dieser wird stehend gespendet und ist wohl der längste aller Appläuse. Drei oder mehr Minuten jubelt das Publikum einem Greis zu, der mit seinen tattrigen Gichtfingern zahllose beschwichtigende Gesten machen muss, bevor die Klatschenden sich endlich wieder mäßigen.

Nordkoreanischer Applaus

Songerkennungs-Applaus

Spielt eine Band die ersten Takte eines ihrer bekannteren Songs, applaudiert das Publikum vorfreudig, sobald es den Song erkennt. Ein Phänomen, das von Schlager bis Punk in nahezu allen Genres zu beobachten ist. Nur die Oper bildet eine strenge Ausnahme. Bei der Zauberflöte klatscht für gewöhnlich niemand, wenn Papageno sein Vogelfänger-Lied anstimmt.

Opern-Zwischenapplaus

Diese Form des Applauses hat eine selektive Funktion innerhalb des Publikums einer Oper. Jene zwei Drittel der Gäste, die nach einer gelungenen Arie klatschen, machen das in Wahrheit nur, damit der Rest, also das nicht applaudierende Drittel, tadelnd den Kopf schütteln und entsetzt „Man KLATSCHT nicht mittendrin“ wispern kann.

Winter-Applaus

Der Winter-Applaus zeichnet sich durch seine dumpfe Klangfarbe aus. Besteht eine applaudierende Menschenmenge mehrheitlich aus Handschuhträgern, klingt das Klatschen nicht so frenetisch, wie es dem Gegenstand der Akklamation womöglich angemessen wäre.
Wer je bei einem der FM4-Geburtstagsfeste in der Arena war, kennt diesen Applaus nur zu gut.

Versetzter Höflichkeitsapplaus

Redner geht auf Nummer sicher und sagt z.B. „Man sollte Flüchtlinge besser integrieren“ oder „Die Steiermark ist ein schönes Bundesland“.
Kaum Reaktion.
Dann klatscht in der hinteren Reihe einer und in der Mitte johlen zwei andere, während der Redner schon was anderes sagt. (z.B.: „Dennoch sollten wir uns vor Augen führen, dass...“)
Es hört aber niemand mehr zu, weil ja vereinzelt geklatscht wird. Also verdrehen alle innerlich die Augen und klatschen auch kurz ein bisschen.
Der Redner unterbricht, lächelt gequält und sagt „Danke“.
Alle fühlen sich unwohl.

Gehörlosen-Applaus

Der Gehörlosen-Applaus geht so: Alle sind stad, heben ihre Arme und wacheln mit den Händen. Es handelt sich dabei um den für Empfänger wie Publikum angenehmsten Applaus. Er sollte schleichend und flächendeckend das laute Mainstream-Klatschen verdrängen.

Akademischer Applaus

Akademisch applaudiert man, indem man mit den Fingerknöcheln auf den Tisch klopft. In Universitäten honoriert man so eine zufriedenstellende Vorlesung und dagegen ist nichts zu sagen.
Wenn Leute aber außerhalb von Universitäten nach Vorträgen oder Reden auf den Tisch klopfen, statt in die Hände zu klatschen, wollen sie sich damit insgeheim als Akademiker deklarieren.

Comedy- und Kabarett-Applaus

Eigentlich ist es unzulässig, diese beiden Appläuse zusammenzufassen, nachdem sie sich wesentlich unterscheiden.
Das Kabarett-Publikum will mit seinem Applaus zumeist signalisieren, dass es einer Meinung mit dem Kabarettisten ist, möchte durch Klatschen also „Endlich sagt’s mal einer!“ signalisiert
Das Publikum im Bereich Stadion-Comedy hat dagegen einen Applaus-Automatismus internalisiert, den der Comedian als Streckmittel für sein niederes Schaffen dankend empfängt. Die Netto-Sprechzeit bei einem zweistündigen Auftritt von Mario Barth beträgt in Wahrheit nur zwanzig Minuten. Nachdem es aber nach jedem Witz zehn Sekunden dauert, bis das ganze Stadion mitbekommen hat, dass gerade eine Pointen-Pause war und nach dem gemeinsamen Brüllen auch noch sehr zäh aufbrandender Applaus gespendet wird, zieht sich das Ganze unerträglich.

Bösewicht-Applaus

Der Bösewicht-Applaus geht so: Gegen Ende eines Films will der Held seinen Widersacher besiegen und sucht ihn an einem verlassenen, düsteren Ort, z.B. auf einer Raumstation. Wenn die Spannung am Höhepunkt ist, ertönt hinter dem Helden ein sehr langsam getakteter Applaus, das von nur einem Händepaar generiert wird. Der Held dreht sich erschrocken um. Das Händepaar gehört dem Bösewicht! Er klatscht ganz langsam, lächelt ironisch und sagt z.B.: „Du hast mich also gefunden, Jim."
Dann Kampf und mindestens ein Toter.

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