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„Kukolka“ von Lana Lux ist harter Stoff

„Kukolka“ ist der erste Roman von Lana Lux: Es geht um Straßenkinder, Zwangsprostitution und Kinderhandel. Wie erzählt man davon?

Von Maria Motter

FEMEN-Aktivistin Inna Shevchenko reiht sich in Dnipropetrowsk in eine Schlange wartender Fußball-Fans ein, die Fotos mit dem Pokal der Europameisterschaft machen wollen. Kurz vor der Trophäe entblößt sie ihren Oberkörper und versetzt dem Pokal einen Stoß. Sie will damit auf die schwierige Einkommenssituation der Bevölkerung und vor allem auch auf die sexuelle Ausbeutung von Frauen aufmerksam zu machen. Manchen Medien ist Prostitution in der Ukraine nach der Protestaktion eine Geschichte wert, besonders der „Teenager-Strich“ wird in Reportagen gerne gezeigt.

Das war 2012. Dnipropetrowsk heißt seit dem Frühjahr 2016 kurz Dnipro. Per Gesetz wurden knapp 1000 Orte der Ukraine umbenannt, um die sowjetische Vergangenheit aus den Namen zu streichen. Dnipro zählt nicht ganz eine Million EinwohnerInnen. Hier hat Lana Lux, 1968 geboren, ihre ersten zehn Lebensjahre verbracht. Jetzt ist ihr erster Roman „Kukolka“ erschienen und auch wenn der Klappentext die große Party der Freiheit der Neunziger Jahre anteasert und eine willensstarke Protagonistin verspricht: Auf 375 Seiten wird es mit jedem Umblättern konsequent verheerender. Lana Lux erzählt von Zwangsprostitution und von Kinderhandel. Die Sprache ist nüchtern, der Schockeffekt umso größer. Die Hauptfigur ist ein Mädchen, zu Beginn ist sie sieben, und mit ihr schlägt man sich durch den Tag.

Ausbeutung, die sich als Zuneigung tarnt

In einem Kinderheim in der Ukraine beginnt die Geschichte. Die Ich-Erzählerin Samira hofft, auch adoptiert zu werden wie ihre einzige Freundin Marina, die von einem deutschen Paar mit Geschenkpaketen bedacht wird. Süßigkeiten, ein flauschiger Jogginganzug und Spielsachen - Schätze, deren Anklang bei den Heimkindern rührend beschrieben ist.

Buchcover "Kukolka"

Aufbau Verlag

„Kukolka“ von Lana Lux ist im Aufbau Verlag erschienen.

Die anderen Kinder wollten immer etwas von den leckeren Sachen abhaben, den Anzug innen drin streicheln oder mal die Barbie halten. Manche fingen auch an, Marina doof zu finden, weil sie selten etwas abgab, und wenn dann musste man im Gegenzug etwas für sie tun. Zum Beispiel die Haut von ihrer Milch essen, ihren Putzdienst machen oder irgendjemanden schlagen, den sie nicht mochte.

Die kindliche Perspektive, die Lana Lux bis zum Ende ihres Debüts durchhält, nimmt einen rasch ein. In kurzen Abschnitten führt der Weg der Ich-Erzählerin aus dem Waisenheim. Adoptiert wird das Mädchen mit der dunklen Haut nicht. Sie haut ab und wird von einem zwielichtigen Typen aufgelesen. Die von ihm eingesammelten Kinder arbeiten wie Leibeigene für den Mann, der im Alfa Romeo vorfährt und sie täglich zum Bahnhof bringt. Wenn sie nicht betteln müssen, kümmern sich die Mädchen um den Haushalt. So gut das geht. Das Waschmittel zum Beispiel ist schon lange aus:

Sie wischte die tropfenden Unterarme an ihrem Pullover ab und holte einen bunten Karton oben vom Schrank. „Hier, riech mal. Es riecht immer noch!“, sagte sie und öffnete den Deckel. Ein Duft stieg hoch, den ich vorher nie gerochen hatte. Nach Blumen, die vermutlich größer waren als ich und in Farben, die es gar nicht geben kann.

Wieder aus dem Bücherregal geholt: „Caretta, Caretta“ von Paulus Hochgatterer

Der österreichische Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer ist auch Autor. In einem seiner Bücher, in „Caretta, Caretta“, lässt er einen 15jährigen Burschen erzählen: vom Leben in der betreuten WG für verhaltensauffällige Jugendliche und von den Bahnangestellten, die zu seinen Freiern zählen. „Caretta, Caretta“ spielt in Österreich und in Griechenland. Es ist ein wunderschönes Buch, das durch die Ironie des Protagonisten bei all der Tragik unterhaltsam ist, und beinahe nachvollziehbar macht, wie sich eine „schwierige Jugend“ anfühlen könnte.

Auch in Hochgatterers Roman „Das Matratzenhaus“, 2010 im Deuticke Verlag erschienen, sind die Folgen von Kindesmissbrauch ein zentrales Motiv.

Ein fiktives Schicksal, das real anmutet

Auch wenn das eine Fiktion, das andere erzählte Lebenserfahrung ist: Sprachlich und auch von der Thematik her erinnert „Kukolka“ an die biografische Schilderung „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Das Buch war bei seiner Veröffentlichung 1978 ein Skandal, beschreibt darin doch eine Minderjährige ihre Drogensucht und Prostitution. Beides sind Themen, die Lana Lux aufgreift. Ihre fiktive Hauptfigur flieht vor einem Gewalttäter und vertraut dem nächsten. Als sie zwölf ist, missbraucht sie ein Mann, in den sie verliebt ist. Er nimmt sie mit in ihr Sehnsuchtsland, nach Deutschland, um sie dort an andere Männer zu verkaufen. Kindesmissbrauch und Sklaverei klingen bei Lana Lux so:

Ich habe mich lange nicht getraut, ihm zu sagen, dass mir die Partys keinen Spaß machen. Ich hatte einfach zu viel Angst, ihn zu enttäuschen. Außerdem bekam ich dabei manchmal sogar einen Orgasmus, und dann sagte ich mir, wenn ich dabei einen Orgasmus habe, dann kann es zumindest für den Körper nicht schlecht sein.

Lana Lux

Kat Kaufmann

Lana Lux

Lana Lux führt mit „Kukolka“ vor, wie Erwachsene Kinder manipulieren und missbrauchen. Um die Gewalt festzumachen, fehlen vielfach die Worte, sie kommt in Bildern zum Ausdruck. So heißt es über eine, auf einem Küchentisch durchgeführte Abtreibung:

Und Lydia drehte sich auf die Seite. Zog die Knie an die Brust. Sie sah aus, wie kleine Küken aussehen, wie sie aus dem Nest auf den Asphalt knallen.

Lana Lux ist wie ihre Hauptfigur Samira in der Ukraine geboren. Das war es dann aber schon mit der Gemeinsamkeit zwischen Autorin und der Handlung des Romans. Als Zehnjährige ist sie mit ihren Eltern nach Deutschland gezogen. Heute ist sie selber Mutter einer Tochter im Kindergartenalter. Bisher hat sie auf ihrem Blog „52 Schabbatot“ kurze Texte veröffentlicht, die sie als „jüdische und nichtjüdische Geschichten“ bezeichnet.

Eine jüdische Identität ist in „Kukolka“ nur eine Detail am Rande, die Familie des Zuhälters wird als jüdische Kontingentflüchtlinge beschrieben. Die Passagen in „Kukolka“, in denen Missbrauch vorkommt, sind explizit. Das Buch ist ein erschütterndes, ab und an Effekt haschendes Stück Literatur. So realistisch geschrieben jedoch, dass man das Happy-End schwernimmt. Und sich fragt: Wer schreibt so etwas? Muss man schreiben, wie Männer ein Kind ficken? Vielleicht ist die Antwort viel eher: Nicht jede/r muss das lesen.

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