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Jacob Rees-Mogg

CC BY 3.0 Chris McAndrew via https://beta.parliament.uk/media/G5HriTLH

Robert Rotifer

Glaube, Flagge und Familie

Ein historischer roter Faden zieht sich von den Rolling Stones in den Sixties bis zur ultrarechten jungen Tory-Hoffnung Jacob Rees-Mogg. Aber der will lieber gleich zurück in die Dreißigerjahre.

Von Robert Rotifer

Titelbild: CC BY 3.0 Chris McAndrew via beta.parliament.uk

Ich hab glatt ein Jubiläum versäumt. Im Jahr 2017 ein Musikjournalist zu sein (das allein ja schon ein Widerspruch in sich) und dabei einen 50. Jahrestag zu versäumen, das ist sträflich fahrlässig, noch dazu wenn es einen direkten Bezug zur britischen Gegenwart herzustellen gibt: Am 1. Juli 1967, also vor einem halben Jahrhundert und 73 Tagen erschien in der Times ein Leitartikel, betitelt mit einem Zitat aus einem Gedicht von Alexander Pope: „Who breaks a butterfly on a wheel?“

Darin kommentierte ein gewisser William Rees-Mogg, ein paar Jahre zuvor gescheiterter konservativer Parlamentskandidat, nun frisch gebackener Chefredakteur der ehrwürdigsten britischen Tageszeitung, das zwei Tage zuvor gefällte Gerichtsurteil gegen Keith Richards und Mick Jagger. Jene waren im Februar bei einer Drogenrazzia in Redlands, Richards’ Landhaus in West Sussex, festgenommen worden. Man kennt die immer wieder gern aufgetischte Geschichte: Marianne Faithfull trug wenig Kleidung, Mars-Schokoriegel hatte sie in Wahrheit aber keinen an oder in sich, der Kunsthändler und Junkie Robert Fraser war auch mit von der Partie, und Jagger wurde in erster Instanz wegen Besitzes von Amphetaminen eine Haftstrafe von drei Monaten aufgedonnert. Richards wiederum drohte ein Jahr Gefängnis, weil man ihm nachweisen konnte, in seinem Haus den Konsum von Cannabis geduldet zu haben. Rees-Moggs Kommentar zu dem Urteil, den man heutzutage im Online-Archiv der Times nur gegen Spende an Rupert Murdoch via Paywall lesen kann, forderte – unerwartet – vom Richter Proportionalität und Nachsicht ein. Und markierte damit eine Umkehr in der Denke des britischen Establishments. Waren die Leute, gegen die die Exekutive da mit drakonischer Härte vorging, nicht bloß harmlose, flatterhafte Schmetterlinge? Und, diese Einsicht schwang wohl mit, handelte es sich bei diesen ungekämmten Menschen, die man da wegzusperren drohte, nicht auch um weltweit lukrative Exportartikel?

Rees-Moggs Artikel half entscheidend mit, die öffentliche Meinung zugunsten der beiden inhaftierten Stones zu drehen, insofern kann man ihn sogar als einen der Grundsteine für das seither gepflegte, affirmative Image Britanniens als exzentrische Pop-Nation betrachten. Als die Beatles zwei Jahre zuvor ihre MBE-Orden erhielten, waren sie noch als bloße Entertainer verstanden worden. Seither aber hatte sich die Popkultur mit ihren Drogen und alternativen Lebensstilen bei den Medien suspekt gemacht. Nun aber wurde den Parvenus von den obersten Kreisen ein gewisses Recht auf diskrete Überschreitungen der Normen zugestanden (so wie die alte Aristokratie es ohnehin immer schon genossen hatte). Selbst wenn der Alltag so repressiv war wie eh und je: Das Signal war gesetzt, ein Klima der vorgeblichen Toleranz behauptet. Was dem britischen Establishment wiederum half, die revolutionären Tendenzen dieser Umbruchszeit abzufedern. Während in Frankreich im Frühling 1968 die Pflastersteine flogen, sollte sich ein mittlerweile wieder vom Gesetz in Ruhe gelassener Jagger in Liedform fragen, warum es im „sleepy London“ bloß keinen Platz für einen „Street Fighting Man“ gäbe.

Erzählen tu ich all das aber natürlich nicht bloß des verpassten Jubiläums wegen, sondern zum Verständnis einer sich gerade in vollmundiger Bitterkeit entfaltenden Ironie der Geschichte. Knappe zwei Jahre nach Erscheinen seines einflussreichen Texts wurde im Mai 1969 nämlich William Rees-Moggs viertes Kind geboren. Wie es sich für den jüngsten Sohn einer wohlbetuchten Familie gehört, ging Jacob in Eton zur Schule, in Oxford auf die Uni und wechselte von dort aus direkt in die City über. In einen Job, wo man auf anderer reicher Leute Geld aufpasst. Um unter Nutzung der dabei gewonnenen Kontakte bald eine Firma zu gründen, die auf anderer reicher Leute Geld aufpasst. Schließlich war Jacob Rees-Mogg selbst reich genug, um sich eine politische Karriere bei den Tories zu leisten. Und jetzt, im Alter von 48 Jahren, nach bloß sieben Jahren im Unterhaus gilt er – Brexit sei Dank – mit einem Mal als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Theresa May als künftiger Chef der Konservativen und Premierminister.

Von Anfang an verkaufte sich der Abgeordnete für North East Somerset den britischen Medien geschickt als der Archetyp des liebenswert obsoleten Engländers – einer seiner ersten großen Fernsehauftritte war nicht zufällig ein Interview mit Ali G im Jahr 1999. So wie schon Boris Johnson vor ihm wurde Rees-Mogg auch in die Satiresendung „Have I Got News For You“ eingeladen und sammelte dort als charmantes Kuriosum Sympathien, stets korrekt im Doppelreiher, der Scheitel sauber gezogen, die runden Metallbrillen im Stil der Dreißigerjahre, kompatibel mit der sich in den letzten zwei Jahrzehnten so unwiderstehlich fortpflanzenden Vintage-Kultur (Autor bekennt sich zur Mitschuld).

Rees-Mogg weiß immer schon genau, was er da tut. Er dementiert zwar die Geschichte, dass er sich im Wahlkampf in Begleitung seines Kindermädchens im Bentley durch die Straßen seines Wahlkreises chauffieren lassen habe, aber er lässt sich stolz mit ebenjener Frau fotografieren, die sich seit 51 Jahren als Bedienstete um den Nachwuchs der Familie, einst also auch um ihn selbst und nun um seine eigenen sechs Kinder kümmert. Er nennt sie, wie vornehme Leute das in Kitschromanen tun, „Nanny“, ohne Artikel, so als wäre ihre Funktion ihr Vorname. Stolz bekennt Rees-Mogg, seinen Kindern nie die Windeln gewechselt zu haben, denn „Nanny würde es nicht gefallen, wenn ich das nicht ordentlich mache.“ In dieser Downton Abbey-Version der britischen Gesellschaft besteht ein idyllisches Verhältnis zwischen Herr und Gesinde. Jeder kennt seinen Platz. Und dank dieser Verklärung gibt es auch genug Leute, die sich gern einen wählen, der zum Herrschen geboren ist.

Jacob Rees-Mogg debating at Cambridge Union Society

CC BY-SA 3.0 Cantab12 via Wikicommons

Jacob Rees-Mogg in der Cambridge Union Society. CC BY-SA 3.0 Cantab12 via Wikicommons

Wer das immer noch irgendwie retromäßig charmant findet, der oder die mag sich seine politischen Ansichten vor Augen führen: Dieser Mann trägt nämlich nicht nur Anzüge wie aus den Dreißigern, seine Rückwärtsgewandtheit ist außen wie innen. Rees-Mogg ist Mitglied der ultrarechten „Cornerstone Group“, einer Gruppe von Hardliner_innen in der konservativen Parlamentsfraktion, die unter dem Motto „Faith, Flag and Family“ dem patriotischen Stabreim frönt. Er ist liberal in wirtschaftlicher Hinsicht, denn er hat was gegen die britische Konkurrenzfähigkeit bremsende Umweltschutzbestimmungen (auch deshalb seine Feindseligkeit gegenüber der EU) und mühseliges Arbeitsrecht (Nullstundenverträge für auf Abruf bereite Arbeitskräfte findet er dagegen begrüßenswert). Weit weniger freigeistig ist er dagegen in Sachen Fremdenrecht, in Asylfragen kennt der bekennend fromme Katholik keine Barmherzigkeit. Dafür beruft er sich auf seinen unverrückbaren Glauben, wenn er die Ehe für alle ablehnt (kommt einem in Österreich vielleicht bekannt vor) und Abtreibung in jedem Umstand – ausdrücklich auch bei Schwangerschaft nach Inzest oder Vergewaltigung – für unentschuldbar hält.

Als er neulich in einem Fernsehinterview darauf angesprochen wurde, beruhigte Rees-Mogg, er respektiere das bestehende Gesetz und werde es nicht ändern. Das war indirekt beinahe schon ein Eingeständnis, das er bald dazu in der Lage sein könnte. Noch bis vor zwei Jahren schien es undenkbar, dass eine wohlwollend belächelte Randfigur wie er je in Reichweite der Macht gelangen könnte. Doch seit der Brexit-Abstimmung letztes Jahr diktiert der harte rechte Rand die Linie der britischen Regierungspartei. Scherz ist das schon lange keiner mehr.

Gestern nach Mitternacht passierte das ursprünglich als Great Repeal Bill angekündigte, jetzt, wo Beschwichtigung angesagt ist, doch nur mehr Repeal Bill genannte Gesetz, das vor dem EU-Austritt die Überführung von EU-Recht in britisches Recht ermöglichen soll, mit einer Mehrheit von 36 Stimmen seine zweite Hürde im Unterhaus. Sieben Labour-Abgeordnete stimmten mit der Regierung, und das gegen die Anweisungen ihres Chefs Jeremy Corbyn, der das Gesetz als schamlosen „power grab“ (Wie übersetzen: Machtergreifung? Macht-Grapschen?) der Tories bezeichnet. Nicht zu unrecht, schließlich gönnt sich die Regierung in diesem Gesetz reichlich Raum zur Anwendung sogenannter „Henry VIII powers“. Das sind spezielle historische Privilegien, die sich jener autoritäre Tudor-Monarch anmaßte, um Gesetzesänderungen am Parlament vorbei spielen zu können. Selbstverständlich nur, um den „will of the people“ umzusetzen, und wenn es irgendwas an den bestehenden EU-Gesetzen geben sollte, das der Regierung missfällt, dann lässt sich auf dem Weg ins britische Recht ja da oder dort was korrigieren. Da es genügend Labour-Abgeordnete zu geben scheint, die so viel Angst vor dem von der Brexit-Presse manipulierten Volkswillen haben, dass sie bereit sind, sich in seinem Namen selbst zu entmächtigen, sieht es momentan nicht so aus, als wäre Theresa Mays konservativ-unionistischer Regierungspakt von der Opposition gefährdet. Wenn dann droht ihr die Gefahr aus den eigenen Reihen, wo Mays Konkurrent_innen sich bisher, solange ein Scheitern im Unterhaus in Aussicht stand, in Zurückhaltung übten. Nicht mehr lange, dann könnte ein Typ wie Jacob Rees-Mogg, der bei der Basis überlegen beliebteste Kandidat, nach Herzenslust Heinrich VIII. spielen. Und dann wird ausgerechnet der Sohn jenes Vaters, der damals die Stones vor dem Kerker rettete, den letzten Rest davon rückgängig machen, was in Großbritannien von den Errungenschaften der Sixties (und Seventies) noch übrig ist. Immer wenn man glaubt, es kann nicht ärger werden...

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