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Der geschichtsübergreifende Location - Orientierungsstadtplan

Albert Farkas

Von Falkianern und anderen

Die Ausstellung „Ganz Wien - eine Pop-Tour“ im Wien Museum am Karlsplatz bietet eine Rückschau auf 60 Jahre Selbstermächtigung im Gewand von Postlern, Pop und Punk.

Von Albert Farkas

Es ist die Angewohnheit der meisten Angehörigen einer in die Best-ager-Phase kommenden Generation, nostalgisch zu werden. Es ist aber auch eine Grundeinstellung vieler VertreterInnen der nachkommenden Generation, ihren Vorgängern instinktiv nichts zuzutrauen.

Der angediehene Fortschrittsglaube, die Annahme der Entwicklung einer Gesellschaft hin zu fortschreitend sozialliberaleren Werten und zu einer Verfeinerung der Kunst- und Unterhaltungsformen, täuscht darüber hinweg, dass das eigene Milieu in fast jedem vorangegangenen Zeitalter (und in jedem Land) gespiegelt vorhanden gewesen wäre, und sich demnach wahrscheinlich immer eine gute Gesprächspartnerin gefunden hätte. Die Ausstellung über den Wiener Pop damals bis heute ist dazu angetan, beides zu bedienen, sowohl die Sentimentalität der Dagewesenen, als auch die Offenheit für von Pioniertaten inspirierte Aha-Erlebnisse der Nachgeborenen.

HQ

Albert Farkas

Vom Vergnügungszentrum Hernals bis zum Flex

Zwölf umfassend-trichterförmig angerichtete Audiostationen versetzen die Besucher an maßgebliche popmusikalische Wirkungsstätten der Geschichte bis hin zur Gegenwart, von längst umfunktionierten Beat- und Swing-Tanzlokalen wie dem Star Club Wien in Ottakring (heute ein Indoor-Spielplatz), über das wandelsame, herrlich pragmatisch betitelte Vergnügungszentrum Hernals (heute als Metropol Schauplatz tendenziell konservativ orientierter Kleinkunst) bis hin zu den noch heute existierenden Flex und Rhiz.

Das Layout

Albert Farkas

Die Ausstellung zieht die abgrenzende Trennlinie zwischen massenpopulären Phänomenen, die größtenteils ausgespart werden, und Szenen, die einen subversiven und systemkritischen Keim in sich getragen haben. Deswegen werden zum Beispiel die Schlagerstars der 50er und 60er ausgespart, mit Ausnahme der Bambis, die als Vertreter des „gehobenen“ Schlagers angesehen werden. Die Urahnen des rebellischen, aufrührerischen österreichischen Pop werden in dieser Anfangszeit dagegen eher im Dunstkreis von Kabarett und Wienerlied verortet, und ihr - und unser aller - Patron ist Helmut Qualtinger.

Die große Zäsur stellt das Hereinbrechen der Beatle- und Stones-Mania in die bis dahin beschauliche Hauptstadt dar. Und wenngleich jeder Jahrgang im Umgang mit seiner Elterngeneration einen generation gap zu überwinden hat, scheint der diesbezügliche Verdienst der originalen Hippie-, Mod- und Rocker-Generation im deutschsprachigen Bereich geradenach monumental: Die Kaste der ihr vorgesetzten altvorderen Bewahrer war zu diesem Zeitpunkt schließlich noch zu einem großen Teil aus mehr oder weniger überzeugten Nazis zusammengesetzt.

Dein Oppa, völlig enthemmt im Star Club Wien

Albert Farkas

Der Einzug des Wiener Dialekts in die Popmusik

Die Ausstellung und der dazugehörige Katalog beleuchten auch den tatsächlichen sozialen Bruch, den der Einzug von Pop, Rock und Punk in Österreich bedeutet hat: Zum ersten Mal waren die den Zeitgeist prägenden Künstlerinnen in der angestammten Musikstadt Wien nicht betuchten Familien entstammende Konservatoriumsabsolventen, sondern gesellschaftliche Gatecrasherinnen aus der Arbeiterinnenklasse. Die diesem Umstand mit dem Etablieren von Mundart als akzeptabler (Austro-)Pop-Sprache, einer filmischen Anspielung an den eigentlichen Broterwerb als Postangestellter (Robert Wolf von Chuzpe) oder überhaupt gleich einem voll ausgeformten, programmatischen Oratorium wie der Proletenpassion der Schmetterlinge Respekt gezollt haben.

Ö3, das 1967 auf Sendung gegangen ist, war für viele Protagonisten der verschiedenen Epochen bis in die 1990er eine essentielle Plattform. Aber auch Ö3 alleine konnte in einem Land wie Österreich nicht einen solchen Absatzmarkt und eine derartige mediale Aufmerksamkeit herstellen, dass das popmusikalische Schaffen durchgehend in seiner ganzen Vielfalt zur Geltung gekommen wäre.

Die Ausstellung „Ganz Wien. Eine Pop-Tour“ ist von 14. September 2017 bis 25. März 2018 im Wien Museum zu sehen

Deswegen ergibt sich rückblickend nicht das Bild einer vollkommen lückenlosen, ungebrochenen Kontinuität, wie sie in Paradepopländern wie Großbritannien fast wie eine testamentarische Ahnenfolge aus stilprägenden und auf einander reagierende Bands anmutet. Die retrospektive Bilanz vermittelt eher den Eindruck von Üppigkeits- und Dürreperioden, auch, wenn es auch hier einige nicht universell bekannte Inspirationsverbindungslinien gibt, auf die „Ganz Wien - eine Pop-Tour“ den Blick freigibt. Der Sound-Installations- und Memorabilia-Parcours plätschert schließlich den vom nachgebauten Studio von Kruder und Dorfmeister repräsentierten 1990ern und dem gegenwärtigen österreichischen „Pop-Wunder“ unter Mitwirkung von Bilderbuch, Wanda, Voodoo et al. entgegen.

State of the Art

Albert Farkas

Ist der Impuls der augenblicklichen, gefühlsmäßigen Entladung und des wendigen, unorthodoxen Selbstausdrucks, der die selbstbewusste Popmusik ausmacht, schon so entrückt, dass nur noch ein museumswürdiger Kanon übrig ist? Natürlich nicht. Die vorhergehende Ausstellung im Wien Museum war „Brennen für den Glauben“, handelte von der 500jährigen Geschichte des Protestantismus in Wien, und rief den BesucherInnen Glaubenskonflikte einer Intensität in Erinnerungen, wie sie heute zwischen den betroffenen religiösen Lagern in Österreich nicht mehr vorstellbar sind.

Zu vielem, was wir bei „Ganz Wien“ hören können, wippen und nicken wir auch heute noch in schöner Regelmäßigkeit mit, wenn wir es gerade im Radio aufschnappen. Aber auch der Mut und die Beharrlichkeit, die die Entstehung einer eigenen österreichischen Popkultur erst erkämpft haben, waren Respekt abringende Offenbarungseide, für die eine Würdigung in dieser anschaulichen, kondensierten Form schon überfällig war.

Venus in Farce

Albert Farkas

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